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St. Christophorus
Die komplette Predigt von Kai-Uwe Schroeter
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| am 7. Februar 2010 19:06 Uhr |
| WERNE Starke Worte erfüllten die St. Christophorus-Kirche: Lesen Sie hier die Predigt von Kai-Uwe Schroeter im Wortlaut. |
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Wir alle brauchen Menschen, die wir um Rat fragen können. Es tut gut, einen Menschen zu haben, an den wir uns wenden können. Es gibt jedoch Zeitgenossen, die suchen Rat für ihre persönlichen Fragen bei Menschen, die sie gar nicht kennen. Sie stellen ihre Fragen in Internetforen – und haben in kürzester Zeit verschiedene Antworten. So fragt zum Beispiel eine mir unbekannte Person mit dem Namen „Laura“ in einem Forum: „Ich habe vor 5 Wochen einen Mann kennengelernt. Soll ich mich bei ihm melden oder soll ich warten?“ Die Antwort ließ nicht lange auf sich warten. Ein Teilnehmer des Forums mit dem denkwürdigen namen „Horst 007“ schreibt seinen gutgemeinten Ratschlag: „Willst du gelten, mach dich selten.“ Eine junge Mutter namens „Kristina“ hat ein anderes Anliegen: „Mein Sohn, 4 Jahre alt, wünscht sich ein Ritterschwert. Ich bin total hin- und hergerissen. Natürlich will ich ihm seinen Wunsch erfüllen, andererseits bin ich kein Fan von Waffen jeglicher Art. Was ist Eure Meinung dazu?“ Nun kamen die Antworten. Nummer 1: „Kauf ihm kein Schwert. Morgen wünscht er sich ein Schießgeweht. Und übermorgen wird er jemanden erschießen.“ Nummer 2: „Kauf ihm ein Schwert. Das Kind möchte sich als Ritter fühlen. Ein Ritter ist ein edler und guter Mensch, der andere beschützt.“ Nummer 3: „Das Problem ist gar nicht das Schwert, sondern die Tatsache, dass es gekauft wird. Bau deinem Kind ein schönes Schwert aus Holz.“ Ich weiß nicht, für welchen der drei Ratschläge sich die Mutter entschieden hat. Diese Frage im Internet ist mir jedenfalls aufgefallen, weil uns unser Predigttext vor ein ähnliches Problem stellt, zu dem es ein Pro und ein Kontra gibt. Unser Text vergleicht das Wort Gottes mit einem Schwert. Hebräer 4,12 und 13: Denn das Wort Gottes ist lebendig und wirksam und schärfer als jedes zweischneidige Schwert und durchdringend bis zur Scheidung von Seele und Geist, sowohl der Gelenke als auch des Markes, und ein Richter der Gedanken und Gesinnungen des Herzens; und kein Geschöpf ist vor ihm unsichtbar, sondern alles bloß und aufgedeckt vor den Augen dessen, mit dem wir es zu tun haben. Darf ich Sie heute morgen, ähnlich wie in einem Internetforum, fragen, ob Sie bei diesem Vergleich positive oder negative Empfindungen haben, wenn Sie hören: Das Wort Gottes ist schärfer als jedes zweischneidige Schwert? Vielleicht würden die einen antworten: „Ein Schwert ist eine Waffe, ein Symbol für den Krieg. Es tötet und zerstört Leben. Es ist etwas Negatives.“ Die anderen würden entgegnen: „Ein Schwert ist etwas Gutes. Es kann den sprichwörtlichen Knoten durchschlagen, die Schlinge, die sich mir um den Hals gelegt hat.“ Ich kann beide Parteien verstehen. Sehr viele Vergleiche in der Bibel sind ambivalent zu hören. Auch die Schreiber der Bibel wussten das und wir spüren ihr Ringen um die Bilder, die nur bruchstückhaft die Wahrheit übermitteln können. Entscheidend ist jedoch nicht, wie geglückt ein Vergleich ist, in der Auslegung kommt es auf den „Vergleichspunkt“ an, um das, was der Vergleich uns sagen möchte. In unserem Text können wir es auf den Punkt bringen: „Es geht um die Wirksamkeit!“ Aus dem Griechischen lässt sich das Wort für „Schwert“ auch neutraler mit „Messer“ übersehen. „Gottes Wort ist lebendig, kräftig und schneidet besser als das schärfste Messer.“ Eines der uns bekannten schärfsten Messer ist das Skalpell, das bei einer Operation zum Einsatz kommt. Zwar löst der Gedanke an eine bevorstehende Operation nicht unbedingt Freude bei uns aus, doch wissen wir, dass eine notwendige Operation unser Leben retten kann. In der Hand eines geschickten Chirurgen ist ein Skalpell ein Werkzeug, das Leben erhalten oder verbessern kann. Genauso ist es mit dem Wort Gottes, das nicht töten und zerstören, sondern Leben erhalten und fördern möchte. Der Predigttext kann, so wie er in unserer Perikopenordnung zusammengestellt ist, sehr leicht Unbehagen hervorrufen, weil er scharf und beängstigend klingt. Ich glaube jedoch, dass er ganz positiv gemeint ist. Deshalb möchte ich noch einen weiteren Vers aus dem späteren Zusammenhang hinzufügen, den letzten Vers des 4. Kapitels: „Darum lasst uns hinzutreten mit Zuversicht zu dem Thron der Gnade, damit wir Barmherzigkeit empfangen und Gnade finden zu der Zeit, wenn wir Hilfe nötig haben.“ In diesem Vers finden wir die positiven Worte „Zuversicht, Gnade, Barmherzigkeit“. Wir wissen zwar nicht, wer den Hebräerbrief geschrieben hat, aber eines möchte ich dem Verfasser nicht absprechen: das Evangelium. Wo von Zuversicht und nicht etwa von Angst die Rede ist, von den Thron Gottes zu treten, da ist auch die echte Botschaft des Evangeliums zu finden. Die scharfen Worte vom zweischneidigen Schwert zielen auf die Fähigkeit des Wortes Gottes, in unserem Leben wirksam zu sein. Das Durchdringen von Seele und Geist, von Gelenken und Mark, bezeichnet die Möglichkeit, in unserem Leben gestalterisch tätig zu sein. Gottes Wort als „Richter der Gedanken und Gesinnungen unseres Herzens“ hat die Möglichkeit, in unser Innerstes hineinzukommen: in unser Gewissen! Ein Zwischengedanke: Wenn das Wort Gottes eine feindliche Macht wäre, dann hätten wir uns zu fürchten. Denn dann wären wir an die gefährlichste Form der Gehirnwäsche und Fremdbestimmung ausgeliefert. Wer unser Gewissen bestimmt, der hat Macht über uns. Jedoch ist das Wort Gottes keine feindliche Macht – auch wenn die Verkündigung und Pädagogik der Kirche manchmal Missverständnisse auf diesem Gebiet hervorgerufen hat. Ich denke an den Spruch einer sehr zweifelhaften christlichen Pädagogik, den Sie vielleicht auch in Ihrer Kindheit zu hören bekommen haben: „Der liebe Gott sieht alles.“ Merken Sie den Widerspruch? Der liebende Gott kann doch nicht als Mittel benutzt werden, Angst zu erzeugen – er wäre in diesem Fall nicht mehr der liebende Gott. Wenn Menschen alles sehen könnten, dann wäre das ein Grund zum Fürchten, denn Menschen missbrauchen ihr Wissen, setzen andere Menschen unter Druck, anstatt ihnen zu helfen und sie aufzurichten. Aber zu wissen, dass nur der liebende Gott meine Gedanken kennt, das macht mir keine Angst. Natürlich sieht Gott auch meine Fehler und Sünden. Das ist mir unangenehm und die angemessene Reaktion darauf ist Reue – aber fürchten muss ich mich doch nicht! Er ist doch der liebende Gott! Fürchten müsste ich mich nur, wenn ich zu Gott kein Vertrauen hätte, wenn Misstrauen ihm gegenüber in meinem Herzen herrschen würde. Fürchten müsste ich mich, wenn ich in meiner Sünde „Gott – los“ sein wollte, ja dann müsste ich mich zu recht fürchten, denn es ist ein tragisches Unterfangen, Gott los werden zu wollen. Auch darüber redet der Hebräerbrief. Es kommt alles darauf an, nicht vor Gott zu fliehen, sondern zu Gott hin zu fliehen. Wenn ich solches Vertrauen zu dem liebenden Gott habe, brauche ich mich nicht davor zu fürchten, dass er alles sieht, sogar meine Gedanken kennt. „Gnade und Barmherzigkeit“ sollen wir empfange. In Jesus Christus vergibt Gott uns sogar unsere Sünden. Ich kenne es aus meinem Leben, wie sehr ich das Wort Gottes brauche, wie sehr ich das lebendige Wort Gottes nötig habe. Von Pastoren wird in der Regel erwartet, dass sie Gottes Wort auch weitergeben. Ich hörte eine Geschichte von einem Pfarrer, der eine kranke Frau aus der Gemeinde aufsuchte und sie aufmuntern wollte. Er schenkte ihr nicht die üblichen Spruchkarten mit Bibelworten, sondern griff zu einer Sammlung von Witzen von Heinz Erhardt. Einige Wochen später traf er die inzwischen gesunde Frau wieder. „Wie hat Ihnen das Buch gefallen?“ fragte er sie. „Also Herr Pfarrer, wenn ich nicht gewusst hätte, dass es Gottes Wort ist, hätte ich an einigen Stellen ziemlich lachen müssen.“ Wer das Wort Gottes finden möchte, der wird nicht an erster Stelle bei Heinz Erhardt suchen. Natürlich denken wir zuerst an die Heilige Schrift, für uns das geschriebene Wort Gottes. Aber auch in der Bibel ist nicht jedes Wort sofort und automatisch ein Wort Gottes für uns. Wenn Sie die Bibel zufällig aufschlagen und Sprüche 17,2 lesen: „Lieber einer Bärin begegnen, der man die Jungen geraubt hat, als einem Dummen, der nur Unsinn im Kopf hat.“, dann fragen Sie sich vielleicht, was Ihnen das Wort Gottes zu sagen hat. Die Bibel ist nicht automatisch für Sie das Wort Gottes. Aber sie kann für Sie zum Wort Gottes werden. Vielleicht in den Krisen des Lebens, wenn Sie verzagen. Wenn die Kraft nicht mehr ausreicht, wenn die Ängste uns überfallen, dann brauchen wir ein lebendiges Wort von Gott, der mir zusagt: Ich habe dich erlöst. Ich habe dich bei deinem Namen gerufen, du bist mein. Ich bin die Auferstehung und das Leben. Das sind Worte, die uns zum lebendigen Wort Gottes werden können. Entscheidend ist, dass wir Gottes Stimme hören, indem etwas aus der Bibel uns zu einem Wort Gottes geworden ist. Es ganz gleich, ob es ein Wort der Bestätigung oder ein Wort der Korrektur, das uns in die innere Umkehr führt. Hauptsache Er spricht zu uns. Liebevoll begleitet er uns in seinem Wort. Er spricht zu ins im Gewissen. Es haben Menschen die innere Stimme Gottes gehört, die ganz, ganz weit weg waren von Gott. Ich war tief bewegt als ich die Geschichte des russischen Schauspielers Alexander Rostowzew las. Seine Geschichte spielt sich in Moskau ab, in der schweren Zeit unter dem Regime von Chruschtschow. Im Moskauer Staatstheater fand die Premiere für das Stück „Christus im Frack“ statt. Die Hauptrolle des Christus spielte der damals bekannte Schauspieler Alexander Rostowzew. Das Theater war bis auf den letzten Platz ausverkauft. Auf der Bühne steht als Altar ein Tisch, mit Schnaps- und Bierflaschen übersät. Betrunkene und grölende Pfarrer, Nonnen und Mönche bewegen sich auf der Bühne. Im zweiten Akt betritt Rostowzew die Bühne. In seinen Händen hält er die Heilige Schrift. Laut Regieanweisung hat er mit Witzen und Gesten die Zuschauer zum Lachen zu bringen. Nach Verlesen der ersten beiden Verse aus der Bergpredigt soll der Schauspieler in den Ruf ausbrechen: „Reicht mir Frack und Zylinder!“ Soweit die Regieanweisung. Doch was dann passiert, damit hat keiner gerechnet. Rostowzew beginnt und liest aus der Bergpredigt: „Freuen dürfen sich alle, die sich arm fühlen vor Gott; denn Gott liebt sie und öffnet ihnen die Tür zu seinem Reich. – Freuen dürfen sich alle, die trauern, denn Gott wird sie trösten.“ Der Regisseur schmunzelt hinter den Kulissen in sich hinein: In wenigen Augenblicken werden die Lachstürme losbrechen. Aber es kommt anders. Niemand lacht. Rostowzew liest weiter: „Freuen dürfen sich alle, die keine Gewalt anwenden, denn sie werden das Land erben!“ Das Publikum rührt sich nicht. Das Publikum spürt, dass in dem Schauspieler etwas vorgeht. Die Zuschauer halten den Atem an. Dann, nach kurzer Unterbrechung liest der Schauspieler weiter. Mit einem anderen Klang in der Stimme. Es ist totenstill. Rostowzew tritt mit der Heiligen Schrift an die Rampe, schaut wie gebannt in das Buch und liest … und liest … alle 48 Verse des 5. Kapitels des Matthäusevangeliums. Niemand unterbricht ihn. Sie lauschen – als stünde Jesus selber vor ihnen. Dann kommt es leise von seinen Lippen: „Darum sollt ihr vollkommen sein, wie euer Vater im Himmel vollkommen ist!“ Rostowzew schließt das Buch. Es sieht so aus als deute er damit auch etwas Endgültiges für sein Leben an. Er bekreuzigt sich nach orthodoxer Art und spricht laut und vernehmbar die Worte des Schächers am Kreuz: „Herr, denke an mich, wenn du in dein Reich kommst!“ Niemand schrie oder pfiff oder protestierte. Stumm verließen alle das Theater. Es war wie nach einem Gewitter: Der Blitz hatte eingeschlagen und alle getroffen. Das Stück aber kam nie mehr zur Aufführung. Und Rostowzew war nach dem Premierenabend für immer verschwunden. Als ich diese Geschichte hörte, da dachte ich: Was geht von den Worten Gottes aus! Welche Kraft haben sie? Selbst unter einem atheistischen Regime wie damals in der Sowjetunion haben sie nichts von ihrer Kraft eingebüßt. Zu diesen Worten dürfen wir Vertrauen haben. Und mir ist um die Zukunft unserer Kirche gar nicht bange - solange wir diese Worte hören. Und mir ist in den Krisen meines eigenen Lebens nicht bange – wenn ich dieses Wort habe. Ich wünsche es einem jeden Einzelnen von uns, dass wir die Kraft des Wortes Gottes in unserem Leben erfahren. Amen. |
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