St. Josefshaus: Missbrauchs-Opfer fordert Entschädigung
WETTRINGEN In der Nacht kommt die Erinnerung. Dann kriecht die Angst in ihm hoch und alles kehrt zurück. "In meinen Alpträumen sehe ich, was man mir als Junge im St. Josefshaus angetan und wie man mich sexuell missbraucht hat", sagt Claus Haupt.
Das St. Josefshaus.
Das Trauma des Missbrauchs: Es verfolgt ihn sein Leben lang, und im Alter wird es noch schlimmer. Seit zwei Jahren kämpft der heute 72-Jährige darum, wenigstens eine finanzielle Entschädigung zu erhalten. Ohne Erfolg.
Was hat er nicht alles getan in diesen zwei Jahren, seit er seine Geschichte dem ZDF-Magazin "Frontal 21" schilderte - und dabei erfuhr, dass er für sein Leid sehr wohl auch Schadenersatz verlangen kann.
Viele Briefe geschrieben
E-Mails hat das ehemalige Heimkind geschrieben an das St. Josefshaus, auch an das Bistum Münster, und zuletzt an die Missbrauchs-Beauftragte der Bundesregierung.
Er hat Antworten bekommen, Verständnis und das Angebot zu einem Gespräch. Aber: "Von einer Entschädigung ist bis heute keine Rede", sagt der Mann, der von einer schmalen Rente in Dannstadt in Rheinland-Pfalz lebt.
Zunächst 50.000 Euro gefordert
Von seinen anfänglichen Forderungen an das St. Josefshaus - 50.000 Euro - ist er längst abgerückt. 5.000 Euro wären auch schon etwas: "Ich bin schwer herzkrank, ich habe nicht mehr lange zu leben", so Claus Haupt. Vor wenigen Wochen hat er einen Frankfurter Anwalt eingeschaltet, um seiner Forderung Nachdruck zu verleihen.
Es ist die Zeit vom Dezember 1957 bis zum Oktober 1959, die ihn noch immer so furchtbar quält. Damals trug er noch seinen Adoptivnamen "Werner Claus Ksinsik". Im Rahmen der so genannten "Freiwilligen Erziehungshilfe" war er als Jugendlicher ins St. Josefshaus eingewiesen worden. "Ich war in meiner Familie das fünfte Rad am Wagen, ich galt als schwer erziehbar", erzählt er.
Harte Arbeit auf den Feldern
Im St. Josefshaus stand der 19-Jährige (Volljährigkeit trat damals erst mit 21 ein) unter der Obhut eines Erziehers.
"Er zwang uns zu harter Arbeit auf den Feldern. Er trug nach meiner Erinnerung eine Art Trachtenkleidung mit Seppelhut und benutzte regelmäßig einen Rohrstock, um uns zu schlagen."
Wenn die Jungen den Anweisungen nicht folgten, seien sie in einen Einzelraum eingesperrt worden. "Dieser Erzieher zwang mich und auch andere Jungs dann, ihn mit der Hand oder mit dem Mund zu befriedigen."
Mehrmals geflohen
Zusammen mit anderen Jungen sei er mehrmals geflohen, dann aber von dem Erzieher in einem Auto verfolgt, gefangen und erneut in der geschilderten Weise bestraft worden. "Irgendwann gelang mir die Flucht und ich konnte mich nach Hause in Bochum durchschlagen", berichtet Claus Haupt.
Dort hätte er seinen Eltern von dem Missbrauch und den Misshandlungen berichtet. "Sie waren entsetzt, nahmen mich aus dem Heim. Aber sie waren auch stock-katholisch. Eine Strafanzeige haben sie nicht gestellt, das Thema war damals einfach ein Tabu."
Lange im Ausland gearbeitet
Claus Haupt hat trotzdem seinen Weg im Leben gefunden. Er machte Abitur, studierte und arbeitete im Ausland. 18 Jahre war er Projektleiter im Entwicklungsdienst in der Karibik, Zentralamerika und Indien, ehe er nach Deutschland zurückkehrte - und wo die Erinnerung, das Trauma wieder aufplatzte.
"Und je älter ich werde, umso stärker leide ich", hat er in einer seiner letzten Mails geschrieben. "So sehr, dass ich sogar daran denke, mir das Leben zu nehmen."
- Weiterer Bericht in der Samstagsausgabe (12. Juni 2010) der Münsterschen Zeitung, Lokalausgabe Wettringen.













