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Medienhaus Lensing
20.02.2012 14:55 Uhr
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Konzert in der Philharmonie Essen: Josef Bulva - Ein Pianist mit Kampfgeist

ESSEN Verletzungen sind der Albtraum für jeden Künstler. Pianist Josef Bulva, das Wunderkind der 1950er-Jahre, hat den schon zwei Mal erlebt: 1971 zwangen ihn ein Unfall mit 54 Knochenbrüchen acht Monate in ein Gipskorsett. 1996 stürzte er auf glatter Straße und zerschnitt sich die linke Hand mit Scherben einer Bierflasche, die unter dem Schnee lagen. Aber Bulva kämpfte sich zurück, feierte ein Comeback.Von Julia Gaß

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Josef Bulva feierte Ende 2009 sein Comeback. (Foto: Agentur)

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Am 18. März um 20 Uhr gibt er einen Klavierabend in der Philharmonie Essen. Auf dem Programm stehen die Sonate „Quasi una fantasia“ und die Mondscheinsonate von Beethoven, Scherzo und Polonaise von Chopin, die selten gespielten „Masken“ von Szymanowski und eine Toccata von Berger. Julia Gaß sprach mit dem 69-jährigen Tschechen, der in Monaco wohnt.

Wann war es für Sie am schwersten, wieder Klavier spielen zu lernen: als Kind, nach dem ersten Unfall 1971 oder nach dem zweiten 1996?
1971 bin ich 18 Meter senkrecht gestürzt. Seitdem liebe ich die Berge nicht so intensiv. Dieser Unfall war Schicksal. Als Kind nimmt man die Schwere, die aufkeimende Bürde, nicht wahr. Es war eine Obsession eines disponierten Kindes, die mich damals leitete. 1972 ging der Wiedereinstieg in die Virtuosenlaufbahn mit meiner Emigration einher. Eine Leistung, die ich mit 68 Jahren nie anzugeben wagen würde. Allerdings: trotz schwerer Verletzungen am ganzen Körper, meine Hände waren intakt. 2009 war der Beginn der größten seelischen Belastung. Ich verließ eine sichere Existenz, um in so etwas riskantes einzutauchen wie den Beruf eines Künstlers. Man darf nicht vergessen, dass ich in meiner Position nicht nur den Komponisten redlich zu dienen hab. Ich trage auch Verantwortung gegenüber RCA, Steinway und, ja, auch den Menschen gegenüber, die mir geholfen haben
  
Sie hatten Ihren Flügel schon verkauft nach dem zweiten Unfall. Was hat Sie angetrieben, es doch noch einmal zu probieren?
Erstens - die Verletzung der Hand eliminiert nicht die Begabung und das Talent. Herr von Karajan sagte mir einmal "Sie sind geboren, um zu Klavier spielen" - und dies verinnerlichte ich mit 15 Jahren bereits. Doch es ist nicht so einfach. In meiner Situation 2033 stellte sich die Frage: Was soll ich hier? Ein geistiges Desaster, eingebettet in finanziellen Komfort, ist ein unerträgliches Dasein: Man hört im Kopfinneren ununterbrochen Interpretationslösungen- und man kann jene nicht spielen. Aus solchen emotionalen Abläufen schöpfte ich die Kraft, fast sechs Jahre lang an der Wiederherstellung der Spielfähigkeit meiner linken Hand zu arbeiten.
 
Ihr Hobby ist Astrophysik. Sehen Sie die Dinge deshalb so analytisch?
Ja, wahrscheinlich. Ich war eigentlich ein Wunderkind für Mathematik. In den Kreisen meines Vaters wurde ich als Wunderkind präsentiert, das mit sechs Jahren Wurzelrechnung machte. Ich will Musik nicht nur empfinden sondern sie auch verstehen, also ihre Strukturen hörbar machen. Der Teufel und Gott haben einen gemeinsamen Wohnsitz: Sie residieren im Detail.
 
Nach Ihrem Unfall haben Sie immer in Gedanken weitergespielt? Sie waren früher ein berühmter Liszt-Interpret. Mit welchen Werken haben Sie wieder angefangen zu spielen?
Beethoven, Chopin, Martinou. Das ich Liszt zur Zeit nicht spiele, ist eine pragmatische Überlegung. Aber in der Tat, meine Begeisterung für diesen Genius hat sich etwas abgekühlt. Dem Profunden und Großartigen in seinem Schaffen steht leider eine Masse an Oberflächlichem entgegen. Ich begann auch mit Szymanowskis Masken - dem vielleicht, pianistisch betrachtet, aufregendsten Werk der Klavierliteratur. Sie werden es in Essen hören.
 
Was empfinden Sie, wenn Sie alte Aufnahmen von sich hören, die Sie vor dem Unfall eingespielt haben?
Ein Künstler ist nie mit sich zufrieden, sonst kann man diesen Beruf nicht ausüben. Ich war der Erste, der das mittlere Pedal ins Spiel implantiert hat. Es gilt als mein Beitrag zur Entwicklung der Klaviervirtuosität und ermöglicht, die Konstruktion der Komposition lapidarer darzulegen. Ich habe einige Jahre lang zu scharf gespielt. Als ich 20, 30 war, habe ich zu exakt gespielt, dass es ein bisschen übertrieben war und die Weichheit der Tonpoetik darunter litt. Die Zukunft von Klavierspiel liegt darin, dass wir uns disziplinieren müssen, z.B. so wie wir spielen müssen, wenn wir mit einem Orchester spielen.
 
Wie hat sich Pianisten-Szene verändert, in den 14 Jahren, in denen Sie nicht auf der Bühne waren?
Früher brauchten Sie Glück, heute benötigen sie Geld. Das meiste im Musikbetrieb können heute seine Träger nicht finanzieren. Also geht man immer mehr zu der Erwartung über, dass die Künstler und ihre Sponsoren die Aktivitäten selbst bezahlen. Dann gibt es noch ein weiteres, kaum lösbares Problem: Immer mehr Interpreten beteiligen sich am de facto gleichbleibenden Volumen der Kompositionen. Beethoven schenkt uns keine neue Sonate oder Papa Haydn ein neues Quartett.
 
Gibt es zu viele gute junge Pianisten?
Aber das Verhältnis war immer gleich. Früher gab es 100 gute Pianisten, davon waren 20 jung. Heute gibt es 500, davon sind 100 jung. Wir Künstler sind auf den Dialog und die Medien angewiesen. Alles ist heute wahnsinnig kommerzialisiert.
 
Kommen in Ihre Konzerte auch Menschen, die nur mal sehen wollen, wie man nach so einem Unfall Klavier spielen kann?
Ach wissen Sie, damit muss ich leben. Sie kommen dann nächstes Mal, um mein Spiel zu verfolgen.
 
Karten: Tel. (0201) 812 22 00.
www.philharmonie-essen.de
 


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