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Medienhaus Lensing
08.01.2012 00:01 Uhr
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Eröffnung mit Cage-Oper: Ruhrtriennale-Chef Heiner Goebbels ist offen für Neues

GELSENKIRCHEN Am 17. August beginnt die neue Ruhrtriennale unter der Intendanz von Heiner Goebbels. Julia Gaß sprach mit dem 59-jährigen Komponisten, Theatermacher und Professor für Angewandte Theaterwissenschaft an der Universität Gießen über seine Pläne für die nächsten drei Jahre und seine erste Spielzeit bis 30. September.Von Julia Gaß

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Heiner Goebbels: Theatermacher, Komponist und Intendant der Ruhrtriennale 2011 bis 2014.  (Foto Wonge Bergmann / Ruhrtriennale)

Das Video auf der Homepage der Ruhrtriennale macht neugierig. Man sieht die Jahrhunderthalle. Heißt das, dass Bochum das Festival-Zentrum bleibt?
So hat es sich in den letzten Jahren entwickelt. Neben den weiteren Spielorten Essen, Duisburg und Gladbeck versuchen wir den Radius des Festivals stärker auszuweiten. Aber eine leere Halle zu bespielen bedeutet immer auch einen großen Kostenaufwand. Und die Jahrhunderthalle ist nicht nur phantastisch, es gibt dort auch alle Technik, die wir brauchen.

In welche Richtung weiten Sie die Triennale aus?
Wir denken auch über Mülheim nach, über die Halde Haniel in Bottrop, die Zeche Zollern in Dortmund. Ich war oft auch in der Kokerei Hansa in Dortmund, die hochinteressant ist. Aber das wird nicht alles schon im ersten Jahr klappen.

Wird es wieder ein durchgehendes Motto für alle drei Spielzeiten geben?
Nein. Ich bin kein Freund eines Themas. Das schränkt zu sehr ein - vor allem den Blick des Publikums. Ein gutes Kunstwerk hat viele Themen. Überhaupt interessieren mich Aufführungen, die nicht in strenge Disziplinen passen, sondern das Publikum überraschen und die Wahrnehmung der Besucher anregen. Man wird Aufführungen sehen, bei denen man nicht weiß, wer Tänzer und wer Sänger ist; man wird für manches, was man sieht und hört, auch keinen Begriff haben und Sprachen hören, die man noch nie gehört hat - sogar altgriechisch. Ein Schlüsselwerk für das Festival wird die Eröffnungsinszenierung sein.

Welche ist das?
Die große und so gut wie nie gespielte Oper "Europeras 1 & 2" von John Cage. Sie können dazu etwas auf der Homepage sehen: Auf dem Grundriss der Jahrhunderthalle sind 64 Felder eingezeichnet, sie sind das Schema für den Bühnenablauf. Alle Elemente der Oper, alle Arien, Bilder, Bewegungen, Kostüme und Licht, sind nach dem Zufallsprinzip geordnet, für das Cage ein chinesisches Orakel befragt hat. Cage will uns keine Botschaft verkaufen, sondern mit dieser Landschaft aus Bildern und Tönen ein Angebot machen für unsere eigene Vorstellungskraft - und dafür ist das eine spannende, radikale Konzeption. Mit dieser Oper knüpfe ich auch an die Tradition meiner Vorgänger an, bahnbrechende Werke des 20. Jahrhunderts zu zeigen, die aber mit dem Repertoire der Opernhäuser kaum kompatibel sind, wie "Moses und Aron" oder "Die Soldaten".

Sie arbeiten als Komponist auch avantgardistisch und lieben Gesamtkunstwerke aus Raum, Musik, Licht und Bewegung. Ist ein Festival wie die Ruhrtriennale eine Chance, solche Dinge zu zeigen, für die Stadttheater nicht oft den Mut haben, weil sie auf Auslastungszahlen achten müssen?
Es gibt ja durchaus viele Uraufführungen in den Opernhäusern, aber das Orchester sitzt nach wie vor im Graben, Literatur wird psychologisch vertont und von Protagonisten an der Rampe gesungen. Das heißt, Klänge ändern sich zwar, aber die Geschichten sind die selben. Wenn man Neues schaffen will, muss man unbedingt versuchen, auch Strukturen der künstlerischen Arbeit zu ändern.

Sie kennen Bochum gut, haben mit Klaus Peymann am Schauspielhaus gearbeitet. Gibt es eine Gegeneinladung an Peymann zur Triennale?
Nein, das nicht - bei aller Freundschaft. Für deutsches Sprechtheater gibt es hier in der Region schon eine sehr reiche Theaterlandschaft, mit den Ruhrfestspielen und den Mülheimer Theatertagen auch zwei wichtige, traditionsreiche Festivals.

Sie waren "Composer in Residence" der Bochumer Symphoniker. Ist mit denen eine Zusammenarbeit geplant?
Natürlich, Steven Sloane und ich sind in engem Kontakt. Unsere Pläne sind noch nicht unter Dach und Fach.

Werden wir jedes Jahr ein neues Werk vom Komponisten Heiner Goebbels sehen?
Zum Komponieren komme ich neben der Intendantentätigkeit zur Zeit kaum. Vielleicht wird es am Ende der Triennale eine Uraufführung geben. Aber ich inszeniere in jedem Jahr eine Produktion, im ersten Jahr die Cage-Oper.

Früher gab es Galakonzerte mit Klassik-Stars. Werden Sie die wieder in den Spielplan aufnehmen?
Ja, es wird auch Konzertprogramme mit großen Solisten geben; aber es wird kein Kinoprogramm geben und weniger Lesungen. Wir orientieren uns dafür stärker an der bildenden Kunst. Für drei Jahre haben wir eine Kooperation mit dem Museum Folkwang vereinbart: Gleich am ersten Wochenende eröffnen wir die Life-Art-Ausstellung "12 Rooms" mit Arbeiten von renommierten Künstlern aus der ganzen Welt. In einem Parcous von zwölf Räumen treffen die Besucher auf ganz unterschiedliche Situationen: eine Szene, ein Dialog oder eine menschliche Skulptur.

Sie eröffnen mit einem Doppel in Bochum und Essen?
Ja. "12 Rooms" sind zehn Tage in Essen zu sehen.

Sie waren überrascht, als Sie gefragt wurden, ob Sie Intendant der Ruhrtriennale werden wollen. Warum?
Mich hat sehr gefreut, dass es in der Region eine so große Offenheit für die experimentelle Seite dieses außergewöhnlichen Festivals gibt.

Sie sagen "Man kann bei der Triennale wie in einem Labor arbeiten, ist nicht an ein Repertoire gebunden". Hat Sie das gereizt und ist die Ruhrtriennale eine Chance, ein junges Publikum an Neue Musik heranzuführen?
Die Industriedenkmäler haben starke strukturelle Kraft, es sind großartige Orte für Kunst geworden, Theater hat dort die Chance erfahrbar zu sein. Als Ergänzung zu der Kontinuität, die die Opern- und Stadttheater leisten, braucht man unbedingt Festivals, die als singuläres Event konzipiert sind. In einem dichten Zeitraum Neues und Anderes entdecken zu können, zu sehen und zu hören, was Künstler aus aller Welt beschäftigt, ist eine einmalige Chance für Besucher eines Festivals wie der Ruhrtriennale. In Deutschland gibt es davon viel zu wenig.



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