Sehenswert
Theater in der Region
Welche Inszenierung Sie unbedingt gesehen haben müssen, auf einen Blick. mehr...
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BOCHUM Der Vorhang hebt sich zu mächtigen Wagnerklängen. Und gibt den Blick frei auf eine winzige Kasperfigur. In den Bochumer Kammerspielen überrascht Jan Neumann mit seiner Inszenierung von Oscar Wildes berühmter Komödie "Bunbury".
Szene aus Oscar Wildes »Bunbury« mit (v.l.) Roland Riebeling, Friederike Becht, Ute Zehlen, Manfred Böll und Daniel Stock. (Foto: Küster)
Schnell fliegt die Puppe von der Kasperlbühne, Jack (Roland Riebeling) und Algernon (Daniel Stock) haben ihren Auftritt. Tritratrullala. Da wird mit Gurkensandwichs aus Gummi hantiert, Zigaretten sind so groß wie die Schauspieler, später hauen sich Cecily (Friederike Becht) und Gwendolen (Xenia Snagowski) große Plastikkeulen um die Ohren.
Neumann bewältigt Gratwanderung
Das könnte ein schrecklicher Klamauk werden. Ist es aber nicht. Neumann schafft die Gratwanderung, nimmt den Untertitel "Wie wichtig es ist, ernst zu sein" tatsächlich ernst. Wenn er eine Kasperlbühne auf die Theaterbühne setzt, macht er Oscar Wildes vielschichtiges Spiel mit Identitäten offensichtlich.
Doppelleben
Jack und Algernon, diese beiden Dandys, die Figuren erfunden haben, um ein amüsantes Doppelleben führen zu können, Lady Bracknell (Anke Zillich) oder die beiden jungen Mädchen - sie alle sind in Rollen, in Konventionen verhaftet. Dazu gehört in unserer Gesellschaft die Wichtigkeit äußerer Wahrnehmung. Da zückt Gwendolen lieber die Kamera für ein Foto bei Facebook, anstatt den Heiratsantrag von Jack wirklich zu erleben.
Figuren wollen aus ihren Rollen
Jan Neumann lässt Oscar Wildes Figuren den Wunsch nach Ernsthaftigkeit, Wahrhaftigkeit. Sie wollen heraus aus ihren Rollen. Fast ängstlich steigen sie herab aus dem Kasperletheater, das später sogar demontiert wird, tasten sich ein paar Schritte vor und merken schnell, dass sie doch nur wieder auf einer Theaterbühne gelandet sind. Das ist immer wieder wahnsinnig komisch bis zum Ende, wenn sich alle Lüge aufgeklärt oder in Wahrheit verwandelt, sich alle Paare gefunden haben. Ein Happy End allerdings sieht anders aus.
Slapstickeinlagen
Das Ensemble hat viele Gelegenheit zu Slapstickeinlagen, die aber fein austariert sind. Immer wieder halten sie, fast erstaunt, inne, lauschen ihren eigenen Sätzen nach. Die geschliffen scharfen wie amüsanten Aphorismen haben über die Jahre nichts von ihrem Reiz eingebüßt. Bemerkenswert, dass das gesamte Ensemble bei allem Spieltempo hohe Sprachkunst zeigt, jedem Satz seine Geltung gibt.
01. Juni 2012,
Konzerthaus Dortmund
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