Das Hirn im Rock: Kolja Steinrötter zeigt geheimnisvolle Arbeiten von Iv Toshain
MÜNSTER Das Mädchengesicht ist schön, mit Bleistift gezeichnet. Es wäre ein tolles, normales Porträt – würden nicht aus dem linken Mundwinkel des Mädchens ein blaues und grünes Leuchtkabel heraushängen. Würde nicht ein Auge wie weggesprengt aussehen. Würde dieses Loch nicht aussehen, als ließe es den Blick frei ins Innere des Kopfes.
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Hinter Fassaden
„Viele junge Künstler bleiben im Handwerk stecken“, sagt Steinrötter. „Es kommt nicht zu einer künstlerischen Idee.“ Bei Iv Toshain ist das anders. Sie ist hoch begabt, bei ihr „funktionieren die Bilder alle“. Toshain verfremdet Herkömmliches, um grundsätzliche Fragen neu zu stellen. Fragen nach der Existenz, nach der Unterscheidbarkeit von Natürlichem und Künstlichem, nach dem, was hinter Fassaden steckt. In ihren Bildern regiert der Mythos, das Unsagbare sucht nach Ausdruck.
Einige ihrer Bleistift-Zeichnungen entfremdet sie noch stärker als das Leuchtkabel-Mädchen: In einem Mädchen-Schädel platziert sie das Bild eines aufgeklappten Gebisses, in dem eine rote Masse mit Perlen umschnürt wie offenes Fleisch dargeboten wird. Über die Lippen rinnt es gelb, eine blaue Clownsnase gibt dem ganzen einen noch absurderen Touch.Im Bild „Mickey Mouse ist tot“ sind nur noch zwei Kreise wie Mickeymausohren über dem Rumpf einer Ballerina zu sehen, das Hirn ist in den Rock gerutscht, die Hände gehören nicht mehr zum Körper, schweben frei im Bild.
Black Box im Gesicht
Toshain kann es noch reduzierter: Vor eines der Bleistiftmädchen malt sie schwarze Balken und eine Tulpe, einem anderen sitzt eine Heuschrecke auf der Schulter, dem nächsten platziert sie eine Black Box halb vors Gesicht – und damit den Inbegriff des Geheimnisses.
Diese Black Box findet sich auch in einem Ölgemälde: Sie steht mitten in einer nur angedeuteten Landschaft. Vielleicht ein Wald? Die Box wirkt fremd in der Natur und doch mit ihr verbunden. Auf zwei anderen Ölbildern scheint die so unscheinbare schwarze Kiste geöffnet worden zu sein. Leuchtende Farben entspringen bei dem einen einer roten Blume, das aufgeklappte Gebiss thront über dem Farbenmeer. Das andere Bild ist nicht weniger farbenfroh: Was hier wächst und strahlt, scheint ein Gehirn, vielleicht auch eine sich teilende Eizelle zu sein. Irgendetwas zwischen allem, faszinierend, aber auch beängstigend.
Toshain: „Crucified Tulips live longer“, bis 2. Mai, FB 69 Galerie Kolja Steinrötter, Hüfferstraße 18, Di bis Sa 11-18 Uhr.












