Interview: Hans-Jürgen Schatz: Bücher staube ich selber ab!
MÜNSTER Hans-Jürgen Schatz (50) spielte den Max Kühn in der Fernsehserie „Der Fahnder“. Seit Ende der 80er Jahre hat er für sich auch die „kleine Form“ entdeckt: Er veranstaltet Lesungen, gerne mit Musik. Am Sonntag liest er in Münster, im Januar gastiert er im Konzert Theater Coesfeld. Redakteurin Sabine Müller sprach mit ihm am Telefon.
Artikel aus diesem Ressort
Schatz: Ich singe nicht, ich spiele auch kein Instrument, aber ich liebe klassische Musik und Literatur. Also schaute ich, wie ich beides miteinander verknüpfen kann.
Am Sonntag lesen Sie in der Friedenskapelle in Münster Stefan Zweigs Erzählung über die Entstehung von Händels „Messias“. Haben Sie eine besondere Beziehung zu Zweig?
Schatz: Ich habe ihn erst spät entdeckt. Als ich kürzlich in den „Sternstunden der Menschheit“ las, fiel mir der Händel-Text auf. Das war genau das, wonach ich immer suche! Und da dachte ich: Solange die Zähne fest sitzen, sollten wir das spielen!
Kennen Sie Händel gut?
Schatz: Händel hab ich sehr früh kennen gelernt. Er ist ein total unterschätzter Komponist. Und man weiß so wenig über ihn. Zweig muss viel Fantasie gehabt haben, er schreibt sehr saftige, lebenspralle Figuren!
Zweig ist ja auch ein unterschätzter Autor.
Schatz: Wie Kästner! Kästner ist der unterschätzeste Lyriker des 20. Jahrhunderts. Wenn ich einen Kästner-Abend mache, dann kennen die Leute noch die „Sachliche Romanze“. Aber je mehr ich lese, desto größer ist die Verwunderung: Was, das hat der auch geschrieben? Auch wenn ich von Zweig gesprochen habe, gab es immer positive Resonanz. Die Leute sagten: Ach, den lieb’ ich ja!
Ich lieb’ ihn auch! Meine erste Erzählung war „Brief einer Unbekannten“.
Schatz: Ich gucke mittlerweile sogar in Antiquariaten nach Büchern, die zu seinen Lebzeiten erschienen sind, nehme sie in die Hand und denke, vielleicht hat er sie auch in der Hand gehabt...
Ganz ehrlich: Wie groß ist Ihre Bibliothek?
Schatz: Ich lebe in einer Berliner Altbauwohnung mit einem langen Flur. 4,20 Meter hohe Wände. Die Länge ... das müsst’ ich jetzt mal ablaufen ... so sechs Meter. Das ist alles voll mit Büchern, bis unter die Decke. Belletristik, Geschichte, Kunst. Wenn ich abstaube, bin ich einen Tag lang unterwegs.
Haben Sie keine Putzfrau?
Schatz: Für die Böden schon, aber an die Bücher lasse ich keinen ran. Da stehen auch so viele Fotos vor. Und Putzfrauen stellen die Sachen nie dahin zurück, wo sie vorher waren (lacht).
Sind Sie sehr ordentlich?
Schatz: Ja, das bin ich. Wenn ich auf Tournee bin, habe ich immer einen großen Koffer und eine Tasche mit und muss auch mal bei Freunden wohnen. Da hat sich noch nie jemand beschwert. Jean Paul hat mal gesagt: Zufriedene Menschen sind die ordentlichsten.
Ist das bei Ihnen so?
Schatz: Wenn ich drinnen durcheinander bin, dann auch äußerlich.
Misten Sie auch mal aus?
Schatz: Schon, aber wegschmeißen würde ich ein Buch nie! Ich bin mit Büchern groß geworden, die gehören zu meinem Leben bis ich tot umfalle.
Lesen Sie denn auch neue Literatur?
Schatz: Wenig. „Nachtzug nach Lissabon“ hat mich bewegt. Bei „Das bin doch ich“ von Thomas Glavinic habe ich sehr gelacht. Aber eigentlich bin ich einer aus dem 19. Jahrhundert. Wie schön und reich die Sprache damals war! Heute verflacht die deutsche Sprache.
Die Anglizismen...
Schatz: Die sind gar nicht das Problem! Obwohl es natürlich schöne deutsche Worte gibt. Der Flyer war früher der Handzettel. Warum benutzen wir das nicht? Ich schreibe alles nur noch mit Füllfederhalter. Da muss man schon genau nachdenken, was man schreibt. Es gibt so viele schöne Synonyme! Letztens las ich das Wort „garstig“. Wenn wir diesen Reichtum der Sprache nicht mehr nutzen, geben wir jeden Tag ein Stück Kultur auf. Kultur ist doch nicht, drei Opernhäuser in Berlin zu haben.
Sind Sie mit Kultur groß geworden?
Schatz: Mein Vater war Maurer, meine Mutter Hausfrau. Man ist gern mal in die Operette gegangen, aber das war kein Bildungsbürgertum. Aber als sie erkannt haben, dass bei mir Interesse da war, haben sie das gefördert.
Wie sah das bei Ihnen aus?
Schatz: Ich habe schon als Kind immer in Bibliotheken gesessen. Es ist so erstaunlich, was Lesen mit einem macht. Wie viel Fantasie da freigesetzt wird, wie es die Herzensbildung fördert. Das kann auch die MTV-Generation. Man kann das eine tun, ohne das andere zu lassen.
Sie sind ja selbst auch Fernsehschauspieler.
Schatz: Und ich mach’ das auch gern. Aber schon 1983 beim „Fahnder“ merkten Klaus Wennemann und ich, wie ähnlich unsere Rollen klangen. Da haben wir mal unseren Text getauscht. Es fiel dem Regisseur nicht auf. Als wir es ihm sagten, lachte er laut und sagte: Na, dann macht mal was. Da haben wir unsere eigene Sprache entwickelt. Wennemann hatte die kurzen, knackigen Sätze, ich viel längere, umständlichere. Plötzlich sprachen wir nicht mehr die gleiche Sprache und die Rollenbilder wurden schärfer.
Wollen Sie wieder auf den Bildschirm?
Schatz: Auf jeden Fall! Viele denken ja, wenn man nicht im Fernsehen ist, ist man weg vom Fenster. Mich fragte mal jemand ganz mitleidig, ob ich noch genug verdienen würde, weil er mich gar nicht mehr im Fernsehen sehe. Da bin ich fast ausgerastet: Ich hatte gerade totalen Stress und 250 Abende hintereinander auf der Bühne gestanden!
- Am Sonntag (6. September) gastiert Schatz mit Mitgliedern des Ensembles Berlin in der Friedenskapelle in Münster. Stefan Zweigs Erzählung über die Entstehung von Händels „Messias“ wird musikalisch begleitet. Karten unter Tel. 0251/69 66 47.
- Am 31. Januar 2010 ist Schatz mit dem Trio Bamberg im Konzert Theater Coesfeld mit einem Programm zu Herbert Rosendorfer und E.T.A. Hoffmann, Georges Onslow und Robert Schumann.












