Porträt: Piratin sucht neue Wege für die Demokratie

Eine politische Blitzkarriere haben ihr viele vorhergesagt, aber Marina Weisband hat darauf verzichtet. Während ihre Piratenpartei immer tiefer in die Krise schlittert, macht sie sich grundsätzliche Gedanken. Und hat nun „Ideen für eine zeitgemäße Demokratie“ vorgelegt.

  • Hat einige Visionen für die Demokratie: Marina Weisband (Piratenpartei).

    Hat einige Visionen für die Demokratie: Marina Weisband (Piratenpartei). Foto: dpa

Das mit dem authentischen Leben in der Öffentlichkeit ist nicht so einfach. Marina Weisband hat dies in einem heftigen Crash-Kurs erfahren, als sie im Mai 2011 zur Politischen Geschäftsführerin der Piratenpartei gewählt wurde. In Schlagzeilen war sie schnell zur "Piratenbraut" gemacht, der Politikbetrieb hatte das benötigte Gesicht für das sonst so wenig fassbare Phänomen der Piratenpartei gefunden.

Im Netz aber wurde "Afelia", wie sie auf dem Netzwerk Twitter heißt, als "mediengeil" beschimpft. Nach acht Monaten entschied Weisband: Der Abschluss ihres Studiums ist vorerst wichtiger als die politische Karriere.

Gut ein Jahr nach ihrer Entscheidung, nicht wieder für den Bundesvorstand der Partei zu kandidieren, legte die 25-Jährige ein Resümee ihrer ungewöhnlichen Erfahrungen vor. Ihr Buch "Wir nennen es Politik" erschien Anfang März.

Politik soll glücklich machen

Darin entwickelt sie eine persönliche Utopie, wie der Politikbetrieb so auf den Kopf gestellt werden könnte, "dass wir alle im Schnitt ein bisschen glücklicher werden". Denn sei das nicht die Aufgabe von Politik?

Das bleibt nicht die einzige Frage, die Weisband ihren Lesern stellt. Sie will sie zum Mitdenken ermuntern, wünscht Bestätigung für ihr positives Menschenbild. "Utopisch, nicht wahr?" kommentiert sie selbst, wenn sie als Grundlage der Politik Bürger sieht, "die halbwegs gebildet und interessiert sind, fair und mehr oder weniger fähig zu Reflexion".

Wer manche Diskussion der Piraten im Internet verfolgte, dem kommen Zweifel an dieser Einschätzung. Dort wird der Ton schnell rau, Weisbands Nachfolger im Amt etwa wurde in einer Umfrage unter Mitgliedern als "verstrahlter Spinner“" tituliert.

"Liquide Demokratie"


Doch Weisband geht es nicht nur um ihre Partei. Sie will erklären, "warum meine Generation mit dem jetzigen Politiksystem unzufrieden ist". Den Grund dafür sieht sie vor allem im Internet, das nicht nur die Kommunikation, sondern auch das Denken verändert habe. Alles werde hinterfragt und kommentiert. "Warum kann ich das in Foren und auf Nachrichtenseiten tun, aber nicht in der Politik?" fragt sie. So sei die größte Schwäche des politischen Systems: "Es passt nicht mehr zu unserem Denken."

Das Internet liefert für sie aber auch die Lösung in Form von "Ideen für eine zeitgemäße Demokratie", wie das Buch im Untertitel heißt. Es ermögliche die Rückkehr zum antiken Ideal der direkten Demokratie auf dem Marktplatz, mit dem Netz als gemeinsamem Treffpunkt. Online sollen Bürger Ideen sammeln, diskutieren und abstimmen.

Weil sich nicht jeder in allen Fragen schlau machen könne, biete das Modell der "liquiden Demokratie" die Möglichkeit, die eigene Stimme zu bestimmten Themen an sachkundige und vertrauenswürdige Personen weiterzureichen. So funktionieren Diskussionen der Piraten. Weisband will das Modell auf die gesamte Gesellschaft ausweiten.

Weisband ist ein Tschernobyl-Kind

Ihr Vertrauen auf das Netz speist sich auch aus ihrer eigenen Lebensgeschichte. Weisband wurde in Kiew in der Ukraine geboren, kurz nach der Atomkatastrophe von Tschernobyl. Sie war häufig krank, eben ein Tschernobyl-Kind. Nach dem Fall des Eisernen Vorhangs entscheidet der Großvater 1993: "Wir gehen", und zwar nach Deutschland. Die Mutter bleibt zunächst mit Marina und ihrem jüngeren Bruder zurück. Erst als die Tochter immer kränker wird, wagt sie den Schritt in das fremde Land.

Es ist eine dramatische Umstellung für die Familie. Die Tochter, die auf Russisch bereits Lesen und Schreiben kann, muss sich nun ohne Deutschkenntnisse in der Schule zurechtfinden. Weisbands politisches Interesse an Bildungs- und Einwanderungspolitik gründet sich auf diese Erfahrung. Obwohl sie bald Deutsch lernt, fühlt sie sich ausgegrenzt und anders.

Auch das Virtuelle ist real

Da hilft das Internet. Mit 13 bekommt sie ihren ersten Netzanschluss, sitzt stundenlang vor dem Computer und unterhält sich online mit Menschen, die schnell zu Freunden werden. Weisband gehört zu einer Generation, die nicht zwischen "online" und der "realen Welt" unterscheidet. "Alles ist das reale Leben. Meine Freunde sind immer real." Für sie ist es nur selbstverständlich, dass auch politische Entscheidungen im Netz stattfinden, dass diskutiert und mitbestimmt werden kann.

Ihr Enthusiasmus will anstecken, doch Zweifel bleiben. Etwa 15 bis 20 Prozent der Piratenmitglieder beteiligen sich aktiv an Entscheidungen im "Liquid Feedback". Wenn selbst in der Partei der Netzaffinen nur wenige bei Online-Abstimmungen mitmachen, wie soll ein solches System für die gesamte Gesellschaft funktionieren? Sie fordert mehr Transparenz und Bürgernähe von Politiker, doch gibt zu, dass der "Shitstorm" entfesselter Kommentare im Internet auch ihr zu schaffen macht.

Weisband hat kein Parteiamt, sie steht auf keiner Kandidatenliste für den Bundestag. Dennoch ist sie wieder da - auch durch ihr Buch. Ob ihr Charisma ausreicht, die Partei zu beflügeln, wird sich im Mai zeigen. Dann kommen die Piraten im bayerischen Neumarkt zu ihrem wohl entscheidenden Parteitag vor der Bundestagswahl im September zusammen. 
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Autor
Jessica Binsch und Peter Zschunke, dpa
ZUM ARTIKEL
  • Erstellt:
    26. März 2013, 16:42 Uhr
    Aktualisiert:
    26. März 2013, 16:55 Uhr