Medienhaus Lensing
23.12.2012 20:31 Uhr
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Interview zu Weihnachten: Erzbischof Zollitsch sieht "gefährliche Entwicklung"

Berlin Würde Jesus in der heutigen Zeit leben, wäre er in sozialen Netzwerken wie Facebook aktiv – das glaubt Erzbischof Robert Zollitsch. Im Interview spricht der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz über Weihnachten, Internet und die soziale Spaltung in Deutschland.Rasmus Buchsteiner

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Robert Zollitsch, Vorsitzender der katholischen Deutschen Bischofskonferenz. (dpa)

Erzbischof Robert Zollitsch, seit kurzem verfügt auch Papst Benedikt XVI. über einen Twitter-Account. Lässt sich die Frohe Botschaft von Weihnachten auch auf diesem Weg vermitteln?
Da sehe ich überhaupt keine Probleme. Grundsätzlich sind alle Medien geeignet, Gottes Wort zu den Menschen zu bringen. Viele Menschen beschäftigen sich mit den neuen sozialen Netzwerken im Internet oder nutzen Twitter. Das ist kein neumodischer Schnickschnack, sondern eine Möglichkeit, Menschen zu erreichen, die wir sonst vielleicht nie erreicht hätten.

Bei Twitter stehen maximal 140 Zeichen zur Verfügung. Wie würden Sie die Botschaft von Weihnachten in der gebotenen Kürze auf den Punkt bringen?
Oh, das ist nicht leicht. Ich würde es so formulieren: Uns ist Jesus Christus geboren. Gott liebt die Menschen so sehr, dass er sogar seinen eigenen Sohn mit uns teilen will. Waren das 140 Zeichen?

Etwas weniger sogar. Wird die katholische Kirche in Deutschland nun verstärkt auf Facebook & Co. setzen?
Ich denke schon, da wird noch einiges kommen. Ob das immer mit dem Namen des jeweiligen Bischofs verbunden sein wird, weiß ich nicht. Ich selbst lasse Nachrichten von meinem Erzbistum über Twitter verbreiten. Aber man wird sehen: Vielleicht lasse ich mir ja noch einen persönlichen Account einrichten.

Wäre Jesus heute bei Facebook oder Twitter?
Jesus wäre heute sicherlich bei Facebook und Twitter. Er hat sich immer auf die Suche nach den Menschen gemacht und ist dafür auch ungewöhnliche Wege gegangen. Es ging ihm darum, die Botschaft von der Barmherzigkeit des Herrn zu verbreiten.

Was halten Sie von Online-Messen zu Weihnachten?
Gottesdienst feiern bedeutet in erster Linie Beisammensein, besonders an Weihnachten. Die Gemeinschaft schafft eine Verbindung. Zum Gottesdienst gehört die persönliche Präsenz. Wer aus gesundheitlichen Gründen nicht teilnehmen kann, hat zahlreiche andere Möglichkeiten: Zum Beispiel Fernsehübertragungen oder eben das Internet.

Wird Weihnachten immer stärker zu einem Fest von Kommerz und Stress?
Ich freue mich, dass unsere Straßen festlich geschmückt sind und die Menschen sich auf Weihnachten vorbereiten. Dass dieses Fest wegen der Geschenke auch einen kommerziellen Aspekt hat, halte ich nicht für schlimm. Aber Kommerz ist nicht alles. Den eigentlichen Sinn von Weihnachten dürfen wir nicht vergessen: Gott ist Mensch geworden!

Der Nahe Osten – der Schauplatz des biblischen Geschehens – kommt nicht zur Ruhe. Welche Perspektiven sehen Sie für einen wirklichen Frieden im Heiligen Land?
Es ist eine tiefe Tragik, dass genau dort, wo Jesus als Friedensfürst zur Welt kam, heute die Waffen sprechen und Unfriede herrscht. Umso wichtiger ist es, die Weihnachtsbotschaft in den Herzen der Menschen zu verankern. Der Weg der Zukunft kann nur ein Weg des Friedens und der Versöhnung sein. Die Botschaft von Weihnachten fordert uns deshalb auf: Keine Gewalt und kein Krieg! Das wünsche ich allen Menschen, vor allem im Heiligen Land.

Christen werden in der arabischen Welt und andernorts zunehmend Opfer von Gewalt. Was ist darauf die richtige Reaktion?
Die Christen sind zur am meisten verfolgten Religionsgemeinschaft der Welt geworden. Wir müssen unsere Solidarität mit den verfolgten Christen im arabischen Raum stärker zeigen. In fast keinem Land der Region gibt es echte Religionsfreiheit. Deshalb bin ich sehr dankbar, dass deutsche Politiker sich zunehmend um diese Fragen kümmern. Es ist Zeit, energisch für Religionsfreiheit überall auf der Welt einzutreten. Das bezieht ausdrücklich auch das Bauen von Kirchen ein. Muslime dürfen hier bei uns ihre Moscheen bauen. Das bedeutet aber auch, dass Christen in Ländern mit muslimischer Bevölkerungsmehrheit ihre eigenen Gotteshäuser haben sollten.

Von der Weltpolitik zur sozialen Lage in Deutschland: Viele Studien haben im vergangenen Jahr vor zunehmender Armut gewarnt. Nehmen die sozialen Spannungen zu?
Wir müssen leider feststellen, dass die soziale Schere in Deutschland offenbar weiter auseinandergeht. Die Armen bleiben zurück, und der Reichtum in der Hand einiger weniger nimmt weiter zu. Das ist eine gefährliche Entwicklung. Wenn die Gesellschaft auseinanderdriftet, führt das zu Unruhe. Wir sind der sozialen Gerechtigkeit verpflichtet. Jeder Mensch braucht die Chance zu einem menschenwürdigen Einkommen.

Was müsste konkret geschehen?
Wer arbeitet, muss davon auch leben können. Diejenigen, die keine Arbeit finden, brauchen mehr Unterstützung. Und wir benötigen auch Antworten auf das Problem drohender Armut im Alter. Es erscheint mir angebracht, diejenigen stärker in die Pflicht zu nehmen, die über hohe Einkommen verfügen. Steuererhöhungen und Abgaben für Vermögende dürfen kein Tabu sein, wenn es gilt, gesellschaftlich wichtige Aufgaben zu finanzieren. Wir müssen das Problem von Altersarmut lösen. Die Lebensleistung jedes Einzelnen verdient Anerkennung.
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Pfingst-Ausflug: Das Küken einer Nilgans erkundet auf dem Flüsschen Nidda im Norden von Frankfurt/M. die Welt. Foto: Frank Rumpenhorst
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