BERLIN/DORTMUND Die katholische Reformbewegung „Wir sind Kirche“ hat als Reaktion auf die massiven Missbrauchsvorwürfe gegen Geistliche die Abschaffung des juristischen Sonderstatus‘ der Kirche gefordert.Von Andreas Herholz, Peter van Dyk und Tobias Großekemper (mit dpa)
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Priesterweihe im Freiburger Münster: Viele Geistliche sehen sich nach immer neuen Missbrauchsvorwürfen unter Generalverdacht (Foto: dpa)
Das Grundgesetz räumt Religionsgemeinschaften das Recht ein, innere Angelegenheiten selbst zu regeln. Dies behindere die Aufklärung und führe dazu, dass „vieles innerhalb der Kirchenmauern“ bleibe, kritisierte „Wir sind Kirche“-Referentin Annegret Laakmann am Montag: „Die Kirche müsste eigentlich staatlichem Recht unterworfen sein.“
Laakmann sprach sich zudem für eine Verlängerung der Verjährungsfristen bei sexuellem Missbrauch aus, was unter anderem auch Bundesbildungsministerin Annette Schavan (CDU) gefordert hatte. Bundesjustizministerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger (FDP) zeigte sich gestern skeptisch. „Ich glaube nicht, dass es das Allheilmittel ist“, sagte sie im Deutschlandradio. Wenn ein Opfer nach 40 oder 50 Jahren an die Öffentlichkeit gehe, nütze auch eine Verlängerung der Verjährungsfrist um zehn Jahre nicht. Gestern wurden zwei weitere Verdachtsfälle bekannt. Demnach stehen ein Pfarrer aus dem Bistum Augsburg und eine Berliner Nonne unter dem Verdacht des sexuellen Missbrauchs.
Hinweise auf Missbrauch in Hessen
Nicht nur die katholische Kirche meldete gestern weitere mögliche Straftaten. Auch an der hessischen Odenwaldschule gibt es Hinweise auf mehr Missbrauchsfälle. Vier weitere Ex-Schüler hätten Vorwürfe erhoben, sagte die Direktorin des Internats, Margarita Kaufmann, gestern. Darunter sei eine Frau.
Die Bundesregierung will im kommenden Monat einen Runden Tisch zum Thema Missbrauch einrichten. Das Gremium soll mit Vertretern aller gesellschaftlichen Gruppen besetzt sein und erstmals am 23. April tagen, sagte Familienministerin Kristina Schröder (CDU). Die Justizministerin wusste von nichts. Die Presseerklärung war bereits fix und fertig, da wurden erst die Beamten von Sabine Leutheusser-Schnarrenberger (FDP) informiert.
„Runder Tisch Kindesmissbrauch tagt zum ersten Mal am 23. April“ kündigte gestern überraschend Familienministerin Kristina Schröder an. Gemeinsam mit Bundesbildungsministerin Annette Schavan will Schröder Schul- und Internatsträger, Kirchen, Familienverbände und Politiker an einen Tisch bringen und eine Selbstverpflichtung erarbeiten. Dabei sollen Ursachenforschung und Prävention gegen Kindesmissbrauch im Vordergrund stehen.
Die katholische Kirche jedenfalls ist begeistert: „Ich bin dankbar für die Initiative der Bundesministerin“, erklärte der Missbrauchsbeauftragte der Deutschen Bischofskonferenz, Bischof Stephan Ackermann. „Die Deutsche Bischofskonferenz ist selbstverständlich dabei.“
Justizministerium: Aufklärung im Mittelpunkt
Im Bundesjustizministerium sieht man in dem Vorpreschen Schröders „einen unfreundlichen Akt“, pocht darauf, dass vor allem die Aufklärung im Mittelpunkt stehen müsse. Zwischen Leutheusser-Schnarrenberger und der Deutschen Bischofskonferenz hatte es eine schwere Auseinandersetzung gegeben. Die Justizministern hatte der katholischen Kirche vorgeworfen, kein echtes Interesse an einer Aufklärung der Missbrauchsfälle zu haben. Gestern legte sie nach, sprach von einer „Mauer des Schweigens“, die von der katholischen Kirche durchbrochen werden müsse.
Ganz anders die Kanzlerin: Angela Merkel ließ gestern über ihren Regierungssprecher wissen, dass sie die Aufklärungsbemühungen der katholischen Kirche wie die Überarbeitung der Richtlinien und die Einrichtung einer Opfer-Hotline begrüße.
Ungemütliche Stimmung an der Basis
An der Basis wird die Stimmung dagegen ungemütlich. Geistliche berichten von verunsicherten Gläubigen und offenem Misstrauen gegenüber Priestern. Ein Pfarrer aus Münster, der namentlich nicht genannt werden möchte, sagte im Gespräch mit unserer Zeitung: „Man hat schon ein wenig Sorge, wenn man sich in diesen Tagen Kindern nähert“ – sogar, wenn es um das Handauflegen bei der Segnung geht. Sein Lüner Amtskollege Bernhard Bülskämper sprach von einem „bedrückenden Klima“ zwischen Gläubigen und Amtsträgern der Kirche.
Ein Bild, das offenbar nicht trügt: Am Wochenende hatte der Dortmunder Bezirksbürgermeister Friedrich Roesner mit kirchenkritischen Polemiken auf seiner Facebook-Seite für Wirbel gesorgt. „Schützt eure Kinder, tretet aus der Kirche aus“, hatte dort unter anderem gestanden. Nach einer Welle der Empörung ruderte der grüne Kommunalpolitiker gestern zurück. Seine Äußerungen seien leichtfertig gewesen, er werde sich entschuldigen.