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Medienhaus Lensing
12.07.2011 00:00 Uhr
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Loveparade-Tragödie: Arzt erinnert sich: "Wir haben getan, was wir konnten"

DUISBURG Manchmal stockt die Stimme doch. Dann muss sich Frank Marx, Ärztliche Leiter des Rettungsdienstes der Duisburger Feuerwehr kurz sammeln, bevor er weitererzählt, vom Unfassbaren berichtet. Von der Loveparade. Vom 24. Juli 2010.Uwe Becker

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Dr. Frank Marx, der Ärztliche Leiter Rettungsdienst bei der Berufsfeuerwehr Duisburg, war am 24. Juli 2010 vor Ort. (Bock/newspic.de)

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Dem Tag, den er, den Deutschland nie vergessen wird. Dem Tag aber auch, an dem sich sein Weltbild in einem wichtigen Bereich völlig gewandelt hat: „Ich habe noch nie so viele Menschen gesehen, die geholfen haben. Überall knieten sie am Boden, hielten die Köpfe von Verletzten, sprachen ihnen Mut zu, streichelten über ihre Haare und gaben ihnen zu trinken.“

Bislang, sagt Marx, habe er an vielen Unfallstellen nur die Gaffer registriert. Und die, die einfach weggeguckt haben. „In Duisburg war alles anders. Da war soviel Mitgefühl.“

Exakt neun Monate lang hatte sich der Ärztliche Leiter des Rettungsdienstes der Duisburger Feuerwehr gemeinsam mit den vielen anderen Verantwortlichen auf den Tag des Techno-Treffens vorbereitet. Dann war er plötzlich da: „Wir hatten 1600 Helfer aus ganz Deutschland zu Gast“, sagt Marx: „Die hatten sich wirklich gefreut auf dieses Ereignis. Man sieht ja nicht nur den Dienst, sondern auch das, was drum herum stattfindet.“

Als der große Spaß endet

Es ist kurz vor 17 Uhr, als der große Spaß endet und die Tragödie beginnt. Frank Marx ist auf dem Weg zum Tunnel, der zur Todesfalle wird. Genauer gesagt: Schon geworden ist. Der Arzt weiß noch nichts davon, als er zu einer angeblichen Schlägerei nahe des Eingangs gerufen wird. „Kurz bevor wir ankamen, erreichte mich ein Funkspruch. Es gebe eine unklare Lage im Tunnel, Zeugen hätten von Verletzten berichtet.“

Als die Unterführung erreicht ist, sieht Marx erstmal nur Menschen. Kein Durchkommen. Von einem Einstieg der darüber liegenden Autobahn aus steigt er in den Tunnel herab. Dann sieht er die ersten Menschen am Boden liegen: „Es war eine surreale Situation. Ganz in der Nähe der Treppe, an der alles passiert ist, wiegten sich noch Besucher im Takt der Musik. Die hatten gar nichts mitbekommen von der Sache.“

Es fehlt etwas

Es fehlt etwas, das eine Katastrophe sonst oft sichtbar macht: Die Opfer haben kaum geblutet, äußerliche Verletzungen scheint es so gut wie nicht zu geben.

Dann erfährt der 51-Jährige bruchstückhaft, was geschehen ist. Er hört von der Drängelei, von denen, die erstickten, weil andere über sie hinweg trampelten, auf ihnen lagen, ihnen die Luft zum Atmen nahmen: „Ich habe die Einsatzleitung übernommen und wollte per Handy weitere Hilfe anfordern“, sagt Marx. Aber: Das Netz ist total überlastet. Per Telefon ist keine Verbindung möglich. Der Doktor nimmt sein Funkgerät. „Da konnten dann allerdings alle Einsatzkräfte mithören.“

Völlig überfüllter Tunnel

Und die eilen jetzt herbei. Zunächst stehen Ärzte und Sanitäter vor dem völlig überfüllten Tunnel. Frank Marx schnappt sich einen Abschnittsleiter der Polizei. Dem gelingt es mit Kollegen, eine Trasse für Einsatzfahrzeuge freizumachen, auf einer gegenüberliegenden die Raver herauszudrängen. „Dann haben die Kollegen den Ort regelrecht geflutet“, erinnert sich Frank Marx stolz.

Er selbst übernimmt die Sichtung der Verletzten. Sortiert zwischen leichteren und schweren Fällen. Und überprüft, wem nicht mehr zu helfen ist: „Es gab an diesem Tag entweder Leichtverletzte oder Tote.“ Besonders tragisch: „Jeder, den die Helfer reanimiert haben, ist später doch noch gestorben.“ Zu schwer waren die inneren Verletzungen: „Erschütterte Besucher haben mir erzählt, dass sie im Chaos vor der Treppe einfach irgendwohin geschoben wurden. Bis sie plötzlich gemeinsam mit anderen auf einem Menschen standen. Aber sie konnten ja nicht weg in dem Gedränge.“

Frank Marx ist bis 4.30 Uhr am nächsten Morgen im Einsatz, koordiniert die Hilfe, hält Kontakt zu Kliniken: „Denen muss man ein Riesenlob aussprechen. Was die in kurzer Zeit gestemmt haben, wie gut sie vorbereitet waren: Unglaublich.“

24-Stunden-Tag

Es dämmert über Duisburg, da fährt Frank Marx nach Hause. Beinahe einen 24-Stunden-Tag hat er hinter sich: „Und dann plötzlich diese Stille. Vorher überall Martinshörner, wie ich sie in dieser Menge und über einen solchen Zeitraum noch nie gehört habe. Das Knattern der Hubschrauber, die Techno-Musik, die ja zunächst weiterlief. Und dann gar nichts mehr.“

Vorher hat Marx noch seine Frau abgeholt, die in der Polizei-Pressestelle des Duisburger Präsidiums arbeitet. „Wir haben lange gesprochen.“ Das hilft. Um 10 Uhr ist der Arzt schon wieder im Büro. Lagebesprechung.

Am 24. Juli wird Frank Marx dabei sein, wenn die Trauerfeier am Denkmal stattfindet. Mit vielen Helfern von damals. Und den Angehörigen der Opfer: „Sicher ist, ich kann wirklich allen in die Augen schauen. Wir haben getan, was wir konnten – mehr ging nicht.“ 


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