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Medienhaus Lensing
22.09.2007 07:50 Uhr
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Der Dalai Lama - Das Interview

MÜNSTER Exklusiv - Der Dalai Lama sprach mit unseren Redakteuren Stefan Bergmann und Tobias Großekemper über Religionen und den Mut Angela Merkels. Von Stefan Bergmann und Tobias Großekemper

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Dalai Lama, Tobias Großekemper, Stefan Bergmann (Jean-Marie Tronquet)

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Der Dalai Lama wohnt im Hotel Schloss Hohenfeld in Münster. Nicht im großen Haus, die Entourage hat einen der kleinen Landhöfe für zwei Nächte gemietet. Die Polizei steht vor der Tür, Sicherheitskräfte. Mehrere Referenten laufen durch die engen Flure, ein Mönch in hellem Orange dazwischen.

Eure Heiligkeit, in Ihrer Religion spielen Genügsamkeit und Selbstaufgabe eine zentrale Rolle, in unserer Gesellschaft wird um Individualität und Selbstverwirklichung gerungen...
Dalai Lama: Es ist nicht genau so, wie Sie sagen. Natürlich versucht man ein starkes Mitgefühl zu entwickeln und Liebe gegenüber anderen und sich aus dieser Haltung heraus für andere einzusetzen – aber das erfordert gleichzeitig ein starkes Selbstwertgefühl und macht es notwendig, sich auch klare Ziele zu setzen.

Natürlich gibt es die Selbstliebe und das ist ein zweischneidiges Schwert. Doch es ist wichtig, dass man seine eigenen Möglichkeiten und Fähigkeiten erkennt und dann auch seine Ziele anstrebt, auch wenn es dann letztlich den anderen wieder dienen soll. Es muss beides zusammengehen. Das höchste Ziel ist tatsächlich die Vollkommenheit zum Wohle der anderen zu erreichen. Es ist also auch ein starkes Element darin, sich selbst sehr positiv zu verwirklichen.

Der Buddhismus ist keine einfache Religion, wenn man ihn ernsthaft betreibt. Wie erklären Sie sich den großen Zulauf, den der Buddhismus zurzeit gerade in westlichen Gesellschaften hat?
Dalai Lama: Ich denke, dass keine Religion eine leichte Religion ist, wenn man sie ernsthaft betreibt. Im Westen und anderen Ländern, wo der Buddhismus nicht zu Hause war, gibt es ein größeres Interesse in letzter Zeit – und das hat sicherlich vielfältige Gründe. Ein Grund ist einfach, dass Menschen, besonders auch junge Menschen im Westen, immer gerne etwas Neues möchten.

Das Christentum ist schon mehr eine Routine geworden, man möchte etwas Neues kennen lernen. Ein anderer Grund ist, dass der Buddhismus die Gewaltlosigkeit sehr propagiert und wenn wir in die Geschichte der Religionen schauen, scheint es doch, als seien im Namen des Buddhismus weniger Kriege geführt worden sind als zum Beispiel bei den Kreuzzügen des Christentums oder auch im Islam.

Deshalb ist Buddha für viele Menschen ein Symbol für Friedfertigkeit und Gewaltlosigkeit geworden. Manche machen daraus eine New-Age-Bewegung, nehmen sich hiervon ein bisschen und davon ein bisschen aus den verschiedenen Religionen – die Gefahr ist, dass man nachher gar nichts in der Hand hat.

Der Dalai Lama denkt kurz nach und fährt dann fort: Ein Unterschied liegt vielleicht auch in den Ansätzen, von denen die verschiedenen Religionen ausgehen. Im Buddhismus geht man von unserer menschlichen Erfahrung aus und versucht, den gewöhnlichen Menschen zu transformieren, sich selbst zu transformieren bis hin zur Buddhaschaft.

Im Christentum und anderen theistischen Religionen scheint es doch mehr so zu sein, dass die Religion von Gott kommt und man auf die Gnade Gottes angewiesen ist. Buddha selber war erst ein gewöhnlicher Mensch und hat sich dann durch Übung bis hin zur Vervollkommnung gewandelt. Manche sagen auch, der Buddhismus sei eine Art Humanismus.

Dabei ist allerdings zu berücksichtigen, dass die verschiedenen Religionen und die verschiedene Ansätze darin doch das gleiche Ziel zu verfolgen. Es geht darum, die gemeinsamen Werte zu stärken, wie Liebe, Vergebung und Toleranz, die in allen Religionen hochgehalten werden.

Sie sind als Mensch geliebt und geachtet in der ganzen Welt aber kein Land erkennt Tibet an. Am Sonntag treffen Sie Kanzlerin Merkel – gegen den Widerstand Chinas.
Dalai Lama: Ich komme aufgrund von zwei Aufgaben, denen ich mich mein ganzes Leben lang verschrieben habe: Die Stärkung von menschlichen Werten und die Förderung der religiösen Harmonie. Frau Merkel habe ich schon getroffen bevor sie Kanzlerin wurde. Ich habe das Gefühl, dass wir eine gewisse Freundschaft entwickelt haben. Und wenn man eine freundschaftliche Beziehung entwickelt hat, dann sollte man sie auch das ganze Leben lang beibehalten.

Ich habe auch das Gefühl, dass Frau Merkel, obwohl sie jetzt Kanzlerin ist, diese Beziehung pflegt. Das schätze ich sehr, wenn sie das tut, obwohl einiger Druck von chinesischer Seite ausgeübt wird. Auch freut es mich sehr, dass eine Frau als Kanzlerin diesen Mut hat, das zu tun. Es scheint, als hätten Frauen, wenn sie in verantwortliche Ämter kommen, besonders großen Mut haben. Wie zum Beispiel Indira Ghandi.

Im Vorfeld Ihres Treffens mit Frau Merkel wurde betont, dass ihr Treffen rein privater Natur sei und im Zusammenhang stehe mit Ihrer Rolle als Religionsführer. Sind das nicht die normalen Aussagen, um politischen Ärger mit China zu vermeiden?
Dalai Lama: Es ist richtig, dass das ein privater Besuch ist. Ich fühle mich als Privatperson, ich bin ein Flüchtling und kein Vertreter eines Staates, und ich lebe im Exil. Ich denke, dass mich die meisten Menschen schätzen, da ich ein religiöser Mensch bin. Und sicher kommt auch der Friedensnobelpreis hinzu – in der Rolle des Friedensnobelpreisträgers kann man mich gut empfangen.



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