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Medienhaus Lensing
20.07.2011 05:05 Uhr
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Nach der Loveparade-Katastrophe: Für die Veranstalter von Festivals hat sich viel verändert

NRW Raus aus dem Alltag, ab in die Freiheit: Festivalfans lieben das Spektakel unter freiem Himmel. Es klingt so einfach, doch seit der Loveparade-Katastrophe von Duisburg vor einem Jahr hat sich für die Veranstalter der Massenevents viel verändert.Von Christian Rothenberg

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Ein Bad in der Menge: für jeden Festivalbesucher ein Highlight.  (Foto: dpa)

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Kalte Füße hätten sie gehabt und ein mulmiges Gefühl, sagt Detlef Feige, Pressesprecher der Stadt Essen. So schwer es auch fiel: Im Februar sagten die Veranstalter das Pfingst-Open-Air in Essen schließlich ab, zum ersten Mal nach 28 Jahren.

Beschaulich hatte die Geschichte des Gratis-Festivals Anfang der 80er begonnen. Seitdem wuchs es stetig: 25.000 Besucher feierten im vergangenen Jahr auf derselben Wiese, auf der 1980 einige Hundert gestanden hatten. Die Gefahr sei zu groß gewesen, sagt Feige. Auf der einen Seite des Geländes die Ruhr, auf der anderen ein Zaun, dazu nur eine Richtung zur Entfluchtung: „Wir wollten das Glück nicht herausfordern. Die Zeit nach Duisburg ist einfach anders.“

Weil die Genehmigung ohne externes Sicherheitskonzept nicht mehr erteilt wurde, lief den Veranstaltern, Jugendamt und Rockförderverein, die Zeit davon. 2012 soll das Festival wieder stattfinden: mit mehr Fluchtwegen und Zugängen als bisher sowie mehr Sicherheitspersonal.

Essen ist kein Einzelfall. Seit der Loveparade 2010 ist die Unsicherheit groß. Anfang Juli wurde das Moerser Parkfest abgesagt, weil Feuerwehr und Polizei dem Sicherheitskonzept nicht zustimmten. Am vergangenen Wochenende beim „Sea of Love“-Festival in Freiburg wurde eine Massenpanik nur knapp verhindert. 10.000 Besucher drängten in eine Halle, die für 6000 zugelassen war.

Anfang Juli verunglückte ein Besucher auf dem Heimweg vom Big4-Festival in Gelsenkirchen. Veranstalter Marek Lieberberg ärgert die Sicherheitsdebatte. „Ich wehre mich dagegen, dass seit Jahren reibungslos funktionierende Veranstaltungen da reingezogen werden. Ich zahle nicht die Zeche für die Versäumnisse in Duisburg“, so der 65-Jährige, der 1000 Konzerte im Jahr organisiert, darunter Rock am Ring. „Wir müssen das Rad nicht neu erfinden.“

Bochum Total genau ein Jahr nach der Loveparade

Lange im Geschäft ist auch Marcus Gloria, der Veranstalter von Bochum Total (21.-24. Juli), einem der größten Gratis-Festivals in Europa. „Wir lernen aus den Ereignissen, aber wir machen seit 25 Jahren sichere Veranstaltungen. Auf dem ganzen Gelände haben wir Augen und Ohren. Wenn es hakt, greifen wir sofort ein.“ Knapp eine Millionen Besucher werden in Bochum bis Sonntag erwartet – dem Jahrestag der Duisburger Loveparade.

Die rot-grüne Landesregierung hat die Hürden für Veranstalter verschärft. Seit August 2010 ist die ausdrückliche Zustimmung aller zuständigen Behörden zum Sicherheitskonzept nötig. Sonst gibt es keine Genehmigung. Ein von der Landesregierung erstellter Leitfaden gibt Organisatoren seit der vergangenen Woche Handlungsempfehlungen. Das Papier beschreibt die Abstimmung zwischen Behörden sowie Kriterien zur Einschätzung des Gefährdungspotenzials.

„Der Bedarf war groß. Viele werden dankbar sein, das an die Hand zu bekommen“, sagt Claudia Roth, Sprecherin des NRW-Innenministeriums. Als Vorbild dienten die „bewährten Erfahrungen“ der Loveparade in Essen und Dortmund sowie der Cranger Kirmes in Herne. Rechtlich bindend ist der Leitfaden nicht.

Absolute Sicherheit gibt es nie

„Wir würden das sofort unterschreiben“, sagt Till Schoneberg, der das Area4-Festival in Lüdinghausen (19.-21. August) veranstaltet. „Daran sollte sich jeder halten.“ Der Leitfaden beschreibe exakt das bei ihm gängige Vorgehen – „eine gute Bestätigung für uns“. Aber auch Schoneberg spürt die Folgen von Duisburg, die vielen Fragen im Vorfeld. Wie ist das Publikum einzuschätzen? Was ist, wenn eine Panik ausbricht, 10 000 Besucher auf einen Ausgang zulaufen? „Das können wir nicht üben. In der Situation ist eine Masse unberechenbar“, sagt er.

Dirk Becker, seit 1989 Veranstalter, stimmt zu. „Wir machen das so verantwortungsvoll, wie es geht. Auflagen sind wichtig, aber wenn man zu stark reglementiert, sind Festivals nicht mehr durchführbar.“ Absolute Sicherheit werde es nie geben. Es sei wie im Flugzeug. „Wer da einsteigt, hat das auch nicht.“


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