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Medienhaus Lensing
28.12.2011 20:00 Uhr
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Interviews zum Jahresende: NRW-Schulreform beginnt im Münsterland

DÜSSELDORF Das Jahr 2011 geht dem Ende entgegen. Wir blicken auf Themen zurück, die dieses Jahr die Schlagzeilen bestimmt haben. Im NRW-Landtag wurde am 20. Oktober nach langem Tauziehen das neue Schulgesetz verabschiedet.Von Alexandra Heimken

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In der Sekundarschule werden Schüler länger gemeinsam lernen. (Foto: dpa)

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Damit kann die Sekundarschule als neue Schulform im Sommer 2012 an den Start gehen. Die rot-grüne Landesregierung und die CDU hatten sich nach langem Streit auf die Sekundarschulen als Kompromiss geeinigt. Die Sekundarschule ist die fünfte weiterführende Schulform in NRW – neben Gymnasium, Realschule, Hauptschule und Gesamtschule. Alexandra Heimken sprach mit dem Dortmunder Schulforscher Ernst Rösner über Elternängste, hohe Erwartungen und den „Abschied von der Realschule“.
Herr Rösner, das Ende der Hauptschule haben Sie schon vor über 20 Jahren angekündigt. Die Einführung der Sekundarschule, die vielerorts die Hauptschule ersetzen wird, dürfte Sie also nicht überraschen.
Rösner: Nein. Diese Entwicklung hat sich lange abgezeichnet. Und sie ist gut.

  Das sehen nicht alle Eltern so. Viele fühlen sich überfordert, weil es jetzt noch eine weitere Schulform gibt.
Rösner: Wenn man das Schulangebot um eine Schulform erweitert, heißt das auf gar keinen Fall, dass im Land mehr Schulen entstehen. Das Schulgesetz gibt mehr Möglichkeiten, in der Praxis kommen aber weniger Schulen dabei heraus, weil Haupt- und Realschulen zugunsten der Sekundarschulen schließen.

Eine einschneidende Veränderung der Bildungslandschaft in NRW…
Rösner: Es ist eine Bereinigung der Bildungslandschaft, und zwar bedarfsgerecht. Bedarfsgerecht sind in Deutschland offensichtlich nur zwei Bildungsgänge: das Gymnasium und die Schule des gemeinsamen Lernens. Und dann kommt ganz lange Zeit gar nichts. Das sind die Bedingungen des Marktes.

  Welche Vorteile hat die Sekundarschule?
Rösner: Ein großer Vorteil liegt darin, dass die Eltern nach dem vierten Schuljahr nicht gezwungen werden, eine Entscheidung zu treffen, die möglicherweise für das ganze Leben ihres Kindes bedeutend ist. Wir haben zwar rechtlich gesehen ein durchlässiges Schulsystem, aber in der Praxis ist es vor allem durchlässig nach unten. Insofern ist es gut, dass Kinder länger gemeinsam lernen, sich erproben können und dabei auch von den Lehrern beobachtet werden, und dass dann später eine behutsame Hinlenkung zu den unterschiedlichen Abschlüssen erfolgt.

Mit der Hauptschule haben viele ja schon abgeschlossen. Die Realschule würde stärker vermisst.
Rösner: Als ich 1989 das Buch „Abschied von der Hauptschule“ veröffentlichte, da haben wohlmeinende Kollegen gefragt: Gehört hinter den Titel nicht ein Fragezeichen? Weniger wohlmeinende Außenstehende haben mich beschimpft, wie ich so eine freche These aufstellen könnte. Nun haben sich die Dinge bewahrheitet. Und mit der gleichen Berechtigung könnte ich heute ein Buch schreiben „Abschied von der Realschule“.

Die Empörung wäre riesig.
Rösner: Dennoch wird es so eintreten. Die Frage lautet: Woher bezieht die Realschule ihre Identität als mittlerer Bildungsgang, wenn es keine Hauptschule mehr gibt, wenn sie nicht mehr in der Mitte ist? Wenn sie keine Hauptschule mehr unter sich hat, ist sie Basisbildungsgang. Für viele heißt dann die Überlegung: Bevor wir Basisbildungsgang ohne gymnasiale Standards sind, wollen wir Sekundarschule werden.

Kritiker bezeichnen die Sekundarschule gern als Einheitsschule.
Rösner: Die bösartige Bezeichnung „Einheitsschule“ für die Sekundarschule zu verwenden – das ist eine völlige Verkehrung der Realität. Es gibt keine Schule, die so vielfältig in der Ausgestaltung sein kann wie die Sekundarschule.

Und was sagen Sie denen, die am Erfolg des gemeinsamen Lernens zweifeln?
Rösner: Alle erfolgreichen Pisa-Nationen arbeiten nach dem Prinzip, dass Kinder mit unterschiedlichen Leistungen im Klassenverband gemeinsam unterrichtet werden und dass die Kunst der Lehrerinnen und Lehrer darin besteht, Unterricht individuell anzulegen. Es geht also nicht mehr um den fiktiven Leistungsdurchschnitt einer Klasse, sondern um die Lernbedürfnisse und Fähigkeiten der einzelnen Kinder.

Ab dem nächsten Schuljahr darf die Sekundarschule starten. Wie funktioniert der Umstellungsprozess?
Rösner: Der ist nicht vergnügungssteuerpflichtig, das ist mir klar. Aber auch nicht unzumutbar. Die Praxis sieht so aus: Wenn der Beschluss gefasst wird, dass eine Sekundarschule errichtet wird, beginnt diese Schule mit dem 5. Schuljahr und belegt ein Gebäude – Haupt- oder Realschule, oder ein Schulzentrum. Diese Schule wird dann auslaufend aufgelöst, es wird kein 5. Schuljahr mehr aufgenommen. Im folgenden Jahr ist die Klasse der Sekundarschule dann ins 6. Schuljahr gewachsen, und in der Vorgängerschule gibt es kein 5. und 6. Schuljahr mehr. Aber es gilt: Wer drin ist, ist drin. Wer als Realschüler gestartet ist, wird auch als Realschüler abschließen. Nach sechs Jahren ist dann alles umgestellt.

Wann wird eine „Umstellungswelle“ losbrechen?
Rösner: Es wird 2013/2014 zu einem Gründungsboom kommen, weil die Probleme auf der kommunalen Ebene, gerade was die Hauptschule angeht, so groß sind, dass die Städte und Gemeinden zum Handeln gezwungen sind. Es gibt seriöse Schätzungen, nach denen es am Ende dieser Wahlperiode in NRW 500 bestehende, genehmigte und beantragte Sekundar- und Gesamtschulen geben wird.

Wahrscheinlich mit Schwerpunkt im ländlichen Raum.
Rösner: Ein führender Lehrerausbilder aus Finnland hat mir mal gesagt: Bei uns begann die erfolgreiche Schulreform in Lappland und endete in Helsinki. Für uns könnte das bedeuten: Die Reform beginnt im Münsterland und endet in Düsseldorf. Der ländliche Raum bringt die höchste Dynamik, weil da die Problemlagen am größten sind.


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