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MÜNSTER Dass Studenten sich ihre Ausbildung mit Nebenjobs finanzieren, ist nicht ungewöhnlich. Dass sie zu diesem Zweck der Prostitution nachgehen, schon. Wir sprachen mit einer Hochschülerin, die ihren Körper verkauft, um das nötige Geld zu verdienen.
Sex für Geld - zur Finanzierung des Studiums. (Foto: ddp)
Allgemeine Zahlen des Studentenwerks zeigen: 2006 arbeiteten in Münster 60 Prozent der Studierenden nebenher. In Dortmund waren es 70 Prozent. Der durchschnittliche Verdienst lag bei 770 Euro. Doch bundesweit haben 27 Prozent der Studenten monatlich weniger als 600 Euro. Mit Studium und Job hat die Hälfte eine Über-40-Stunden-Woche.
Studentinnen in Frankreich demonstrierten
„Ich war schon immer experimentierfreudig“, sagt Judith. Über eine Kommilitonin hört sie von dem lukrativen Nebenjob. Sie will es probieren. Macht den ersten Schritt in eine andere Welt. Der erster Kunde ist in ihrem Alter. „Das hat es leichter gemacht.“ Trotzdem sei es eine Überwindung gewesen. „Danach ging es halt.“
In Frankreich haben Studentinnen demonstriert. Ohne Prostitution sei kein Studium mehr finanzierbar, sagten sie. Laut der linken Studentengewerkschaft SUD prostituieren sich dort 40 000 Studenten. „In Münster könnten wir auch französische Verhältnisse haben“, sagt ein Berater an der Westfälischen Wilhelms-Universität. Münster sei keine Industriestadt mit ausreichenden Jobs. Er möchte anonym bleiben.
Judith hat kein schlechtes Gewissen
Judith ist natürlich, direkt, ohne Scham, ohne schlechtes Gewissen. Und trotzdem wirkt sie weit weg, wenn sie über ihren Job redet. Bafög will sie nicht. Möchte nicht mit Schulden ins Berufsleben starten. Will selbst für sich sorgen. „Fünf bis sechs Mal die Woche habe ich gekellnert“, sagt sie. Damit Wohnung, Studium und die täglichen Kosten zu decken, sei nicht einfach gewesen. Sie will schließlich studieren, einen Abschluss bekommen. „Die Studienchancen werden für Ärmere nach und nach verbaut“, sagt sie und schließt sich mit ein.
Joachim Sommer, Leiter der Brücke, dem Internationalen Zentrum der Uni Münster, kennt „das Gerücht“, Studentinnen würden die Ausbildung mit Prostitution finanzieren. Genaues weiß er nicht. Barbara Tepe vom Studentenwerk wird konkreter: „Ich weiß, dass es das gibt.“ Sie kennt das Finanzierungsproblem, das sich verschärft hat. Der wöchentliche Studenplan sei straffer geworden, Zeit zum Arbeiten knapp.
Eine Ware wird verkauft
Judith scheint mit sich im Reinen. Immer wieder geht sie ans Telefon: „Ja, hallo, schönen guten Tag.“ Sie klingt freundlich, nennt die Adresse. „Nein, das ist kein Club“, sagt sie. Dann kommt die Frage nach dem Aussehen und Judith spult ihr Programm ab: Größe, Figur, Haarfarbe, Oberweite – „etwas mehr als eine feine Männerhand voll“, sie sei sensibel oder dominant, „was du willst“. Sie ist eine Ware, die verkauft werden will. Ein Problem habe sie damit aber nicht, sagt die junge Frau.
Zuerst hat Judith in einem Club gearbeitet. Die Hälfte des Verdienstes musste sie abgeben. Judith ist gegangen. Arbeitet nun alleine. Angst hat sie nicht. Sie ist Kampfsportlerin. Der Elektroschocker liegt in Bettnähe. „Das ist kein Job für Sensibelchen“, sagt Judith. Sie macht viel mit, aber nicht alles. „Ohne Kondom geht gar nichts“, sagt sie. Allein, weil sie ihren Verlobten schützen möchte. Bei ihm zeigt sie Gefühle. Nur bei ihm. Wie Familie und Freunde weiß er nichts von ihrem Job. „Dafür hätte niemand Verständnis.“
Uni-Mitarbeiter wollen sich nicht äußern
Prostitution läuft meist im Verborgenen ab. Viele sprechen von einem „Freund“ statt einem Freier, so der Uni-Mitarbeiter, der seinen Namen nicht in der Zeitung lesen möchte. Es sei auch zu Gewalttaten gekommen. Andere wissen mehr darüber, wollen sich dazu aber nicht öffentlich äußern.
Lange will Judith nicht mehr auf Anrufe und Kunden warten. Vielleicht noch anderthalb Jahre. Dann sei sie fertig mit dem Studium. „Ich freue mich auf ein normales Alltagsleben.“ Das Klopfen an der Tür reißt sie aus den Gedanken. Sie öffnet, lächelt freundlich. „Einen Moment noch.“
*Name geändert
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