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Medienhaus Lensing
13.08.2010 23:00 Uhr
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Hirtenzug zum EU-Parlament: Schäfer wandern mit Herde von Berlin nach Brüssel

WERL/BRÜSSEL 200 Schafe, noch mehr Kilometer: Beim Hirtenzug 2010 sind deutsche Schäfer mit einer Herde von Berlin zum EU-Parlament in Brüssel unterwegs. Die Route führt auch durch NRW. Mit der Aktion wollen Schafhalter auf ihre Leistungen aufmerksam machen.Von Dennis Werner

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Ein Schäfer wie aus dem Bilderbuch: Anton Hense. (Dennis Werner)

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Anton Hense schaut selten zurück. Schnurstracks schreitet er geradeaus. Den Blick stolz und weit in die Landschaft gerichtet. Jeden seiner Schritte setzt er sicher im rutschigen Straßengraben. Asphalt meidet Hense. Die 200 Schafe seiner Herde finden dort kein Futter. Außerdem schafft er so Platz für die Autos, die nahe der Autobahn 445 bei Wickede an ihnen vorbeifahren.

200 Kilometer geht das für ihn und seine Tiere schon so – eine Etappe auf dem Weg von Berlin nach Brüssel, wo die deutschen Wanderschäfer auf die Probleme ihrer Zunft aufmerksam machen wollen. Kein Protestmarsch. Nur die Bitte um Verständnis. Und dass sich was ändert. Hoher Bürokratie-Aufwand, sinkende Preise für Lammfleisch und Wolle und die EU-Gesetzgebung: „Wenn der Wahnsinn nicht aufhört, wird es in Deutschland bald keine Schäfer mehr geben“, meint Anton Hense. Er spricht leise. Aber den Hirtenstab setzt er bestimmt auf den Boden, als er das sagt.

Ende einer Dynastie

Henses Beruf stirbt aus. Auch der 54-Jährige aus Lichtenau bei Paderborn findet keinen Nachfolger. Das Ende einer Dynastie, die bis in das Jahr 1400 zurück reicht. „In meiner Familie hat es immer Schäfer gegeben. Nun eben nicht mehr. Meine Cousins und ich waren die letzten. “, sagt er. Dass ihn das rührt, lässt er sich kaum anmerken. Doch er will, dass der Beruf des Wanderschäfers eine Zukunft hat. Dafür übernimmt er seine Etappe des Hirtenzugs: von der Landesgrenze zu Niedersachsen bis nach Unna. Dort gibt er den symbolischen Hirtenstab an Schäfer Mike Dünow weiter.

Was idyllisch wirkt, ist auch Politik. Das Hauptproblem: Die Europäische Union verlangt die Kennzeichnung der Schafe mit Elektro-Chips, wenn sie ins Umland verkauft werden: „Das ist für die Schäfer kaum noch leistbar“, sagt Günther Czerkus, Sprecher der Berufsschäfer im Verband Deutscher Landesschafzuchtverbände (VDL). Der VDL hat den Hirtenzug ins Leben gerufen.
Ohren entzünden sich

Nicht nur, dass die Schäfer ihre Tiere einzeln chippen und mit einer individuellen Nummer versehen müssen, auch die Buchführung über jedes einzelne Tier, bedeute großen Aufwand. Früher wurde der gesamte Bestand erfasst. „Hinzu kommt, dass die Chips bei gut einem Drittel der Tiere zu Entzündungen in den Ohren der Schafe führen“, so Czerkus. Ein guter Schäfer nimmt das nicht hin, sondern versorgt seine Schützlinge. Das ist der eigentliche Zeitaufwand. Dagegen wehren sich die Schäfer, wollen mit ein paar Tieren bis zum EU-Parlament nach Brüssel.

Anerkennung für Beruf

Gleichzeitig hoffen sie auf Anerkennung für ihren Beruf. VDL-Geschäftsführer Stefan Völl, der Hense und dessen Herde an diesem Tag begleitet, verteilt Handzettel an die Autofahrer: „Wir pflegen die Landschaft, die Sie lieben“, steht das drauf. Schafe leisteten einen enormen Beitrag zur Landschaftspflege – nicht nur an den Küsten. „Die Wiesen verarmen, ohne uns Schäfer“, so Völl.

Anton Hense braucht wenige Kommandos. Seine Schafe folgen ihm auch so. Den Rest besorgen die Hunde, Ann und Lore. Zwei Gelbbacken – eine alte Hirtehunderasse, die Hense selbst trainiert hat. Ganz ohne Schafe will er nicht sein. Ein typisches Rentnerleben kann er sich nicht vorstellen. 20 bis 30 Tiere will er am Schluss noch halten. Aufgeben gilt nicht. „Trotz aller Probleme ist der Beruf mein Leben.“ Sagt es und guckt entschlossen nach vorn. 


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