Hochwasser in Deutschland: Flutwelle der Elbe erreicht immer neue Höchststände

MAGDEBURG Eigentlich sind Helfer und Flutwasseropfer längst am Ende ihrer Kräfte. Doch an der Elbe kommen ständig neue Hiobsbotschaften. In Magdeburg drohte am Sonntag ein ganzer Stadtteil voll Wasser zu laufen, die Stromversorgung der Stadt war bedroht - und das Wasser stieg immer noch weiter. Die gewaltige Flutwelle rollt nun auf Brandenburg und Norddeutschland zu.

  • Die Anzeige am Pegelhaus der Elbe in Magdeburg (Sachsen-Anhalt) zeigt am Sonntag (9. Juni) einen Wasserstand von 7,46 Meter.

    Die Anzeige am Pegelhaus der Elbe in Magdeburg (Sachsen-Anhalt) zeigt am Sonntag (9. Juni) einen Wasserstand von 7,46 Meter. dpa

Zu allem Überfluss lösten in Sachsen-Anhalt Anschlagsdrohungen auf Deiche Unruhe aus.

Zehntausende Menschen wissen nicht, wann sie zurück in ihre überschwemmten Häuser dürfen. Bundespräsident Joachim Gauck sprach den Hochwasser-Opfern sein Mitgefühl aus. Elbaufwärts in Sachsen gab es starke Regengüsse. 

Gauck besuchte am Sonntag die Hochwassergebiete in Sachsen-Anhalt. "Man kann sich nicht vorstellen, was da alles zu bewältigen ist", sagte er. In der Marktkirche in Halle gedachte er gemeinsam mit Hunderten Menschen der Opfer der Flutkatastrophe in Deutschland, die ihr Leben, ihr Hab und Gut und ihre Existenz verloren haben. 
    


Wo etwa in Sachsen das Wasser schon wieder abfließt, bleiben stinkender Schlamm und Sperrmüllberge zurück. Viele Anwohner sind fassungslos. Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) versprach am Samstag den Flutopfern, man werde beim Wiederaufbau alles tun, was möglich sei. "Deutschland steht in bewundernswerter Weise zusammen in diesen Tagen - und das soll auch so bleiben." Politiker forderten außerdem, Hochwasserschutzbauten schneller zu genehmigen und Veto-Möglichkeiten von Bürgern und Umweltschützern zu begrenzen. 

70.000 Feuerwehrleute und 11.000 Bundeswehrsoldaten

Bundesweit stemmen sich weiterhin rund 70.000 Feuerwehrleute und 11.000 Bundeswehrsoldaten gegen die Flut. Der Deutsche Feuerwehrverbands-Präsident Hans-Peter Kröger drohte Katastrophentouristen damit, auch sie zur Mithilfe zu verpflichten. Mindestens sieben Menschen starben, mehrere werden vermisst.
Die Hochwassersituation vom Wochenende im Überblick: 

SACHSEN-ANHALT: Vor allem in der Landeshauptstadt Magdeburg ist die Situation kritisch. Die Elbe erreichte dort am Sonntagmorgen noch viel höhere Stände als erwartet. Mit 7,50 Metern stand das Wasser rund 80 Zentimeter höher als bei der Jahrhundertflut 2002. Nachdem der Stadtteil Rothensee vollzulaufen drohte, brachten sich fast 3000 Einwohner in Sicherheit. Einsatzkräfte kämpfen vor allem um ein Umspannwerk, das für die Stromversorgung der Stadt wichtig ist. "Wir müssen auf alles gefasst sein", sagte Oberbürgermeister Lutz Trümper. 

Dramatisch zugespitzt hatte sich nach einem Dammbruch auch die Lage unweit von Barby, wo das Hochwasser der Saale auf das Hochwasser der Elbe prallt. In der Chemiestadt Bitterfeld konnten hingegen 10 000 Bewohner zurückkehren, nachdem ein Deich abgedichtet wurde. Für Unruhe sorgte ein Schreiben, in dem Unbekannte mit Anschlägen auf Deiche drohten. "Wir nehmen das Bekennerschreiben ernst", sagte Innenminister Holger Stahlknecht (CDU). Die Deiche würden nun von der Luft und vom Boden aus verstärkt überwacht. 

BRANDENBURG: Nord-Brandenburg steht das Schlimmste noch bevor. In Wittenberge stand die Elbe am Sonntagmorgen mit 7,67 Metern schon knapp 25 Zentimeter höher als 2002. Am Dienstag werden sogar 8,10 Meter erwartet. Den Einsatzkräften stehe ein tagelanger Kampf gegen das Hochwasser bevor, sagte ein Sprecher des Koordinierungszentrums Krisenmanagement. Lautsprecherwagen der Polizei forderten die Einwohner einiger Stadtteile auf, ihre Wohnungen zu verlassen. 
SCHLESWIG-HOLSTEIN/NIEDERSACHSEN/MECKLENBURG-VORPOMMERN: In Norddeutschland hat sich die Hoffnung zerschlagen, diesmal glimpflich davonzukommen. Am Mittwoch und Donnerstag sollen Rekord-Wasserstände erreicht werden. Wegen des steigenden Pegels, sollte bis zum Sonntagabend die Altstadt von Hitzacker evakuiert werden. Im Wendland wurden Freiwillige gesucht, die Sandsack befüllen. Einsatzkräfte stapelten eilig Sandsäcke auf die Deiche. Die Bundeswehr schickte Soldaten zur Verstärkung. 

SACHSEN: Sachsen hat das Schlimmste zwar schon überstanden, doch das Wasser sinkt nur langsam und drückt weiterhin auf die Deiche. Rund 13 000 Menschen sind nach wie vor von Evakuierungen betroffen. In der Nacht zum Sonntag gab es zudem starke Regengüsse, die nach Einschätzung der Behörden aber für die Elbe nicht gefährlich werden. In vielen Orten gehen die Aufräumarbeiten weiter. Hoteliers klagten über Stornierungen, selbst für den weit entfernten Sommerurlaub. 

BAYERN: An der Donau ist das Hochwasser weitgehend überstanden - doch zurück bleiben Unmengen Schlamm. "Es ist eine stinkende Brühe", sagte ein Stadtsprecher in Deggendorf. Mit schweren Räumfahrzeugen reinigte die Bundespolizei Straßen von Schlamm und Treibgut. Bewohner schaufelten die Überreste der Flut aus ihren Häusern. In einer Schule stapelten sich gespendete Kleidung, Schuhe, Zahnbürsten und Duschgel. Bäckereien brachten Kuchen und Gebäck. Die Anteilnahme sei unglaublich, sagte Schulleiter Robert Seif. "Die Flutkatastrophe schweißt die Menschen im Raum Deggendorf zusammen."

ÖSTERREICH/UNGARN/TSCHECHIEN: Auch donauabwärts in Österreich schaufeln Feuerwehr, Soldaten und freiwillige Helfer Tonnen Schlamm aus zuvor überfluteten Ortschaften. Die Schäden werden mit der Jahrhundertflut 2002 verglichen. Auch die ungarische Hauptstadt Budapest hat das Rekordhochwasser erreicht. Tausende Helfer sind im Einsatz, um Dämme mit Sandsäcken zu verstärken. In Tschechien begannen an der Moldau die Aufräumarbeiten. 
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Autor
dpa
ZUM ARTIKEL
  • Erstellt:
    9. Juni 2013, 13:23 Uhr
    Aktualisiert:
    9. Juni 2013, 14:42 Uhr