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Medienhaus Lensing
06.02.2012 18:29 Uhr
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ZDF-Film: Assauer-Doku: Ein wertvoller Film - zur falschen Sendezeit

Gelsenkirchen Rudi Assauer hat viel erlebt in seinen 67 Lebensjahren. Er hatte sich daran gewöhnt eine öffentliche Person zu sein. Es genossen. Doch dann erkankte der ehemalige Schalke-Manager an Alzheimer. Vermutlich wird er sich nun zurückziehen. Eine ZDF-Dokumentation ist der letzte Akt seines Offenbarungs-Prozesses.Von Hermann Beckfeld

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Rudi Assauer leidet an Alzheimer. Foto: Ingo Wagner (Foto: dpa)

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Jeder Tag ist ein Kampf gegen das Vergessen - mit diesen Worten beginnt der Film über Rudi Assauer, der ein Film für 1,3 Millionen Alzheimer-Kranke und deren Angehörige ist. Die damit leben müssen, dass dieser Gegner unschlagbar ist.

Der einzige Schalker, dem in Dortmund der Respekt gehört

Eigentlich wollten wir es ja immer noch nicht wahrhaben. Ausgerechnet Rudi Assauer soll Alzheimer haben, der starke Mann der Frauen, der Bundesliga und der Schalker, die ihm so viel zu verdanken, aber auch nach seinen Alleingängen einiges zu verzeihen haben. Ausgerechnet Rudi Assauer, der einzige Schalker, dem in Dortmund der Respekt gehört. Weil er dem BVB als Mitglied seit vier Jahrzehnten die Treue hält. Weil er 1966 der jüngste der elf schwarz-gelben Helden war, die als erste deutsche Mannschaft einen Europapokal gewonnen haben.

Doch dann, nach sechs, sieben gefühlten Minuten dieses Films, da reicht eine Szene, da reichen Sekunden, um alle Hoffnungen zu zerstören. Sekunden, die deprimieren, die uns brutal vor Augen führen: Der Rudi, wie wir ihn nicht nur im Ruhrgebiet nennen, ist von der Krankheit Demenz gezeichnet. Von einer Krankheit, die unheilbar ist.

Das genaue Datum kennt er nicht mehr

Da sitzt er an einem Tisch in einem kleinen Raum der Memory-Klinik Essen, allein mit einem Mediziner und der Kamerafrau. Bei der Frage nach Jahr und Monat muss sein Gegenüber helfen, das genaue Datum im September 2011 kennt Rudi Assauer gar nicht mehr. Er soll auf einem Kreis die Uhrzeiten eintragen. Eigentlich ein Kinderspiel, das ihm vor Monaten noch halbwegs gelang. Der 67-Jährige bemüht sich, versucht, scheitert, wirft den Kugelschreiber frustriert auf das fast leere, weiße Blatt.

33 Minuten ist der Film lang, in dem ZDF-Redakteurin Stephanie Schmidt mit Absicht nur wenige Bilder mit Erinnerungen an unvergessliche Zeiten eingebaut hat. An Zeiten, da die Eurofighter den Europapokal in den Pott holten, als Schalke nach der geklauten Meisterschaft weinte.

Abstand gehalten ohne Nähe zu verlieren

Stephanie Schmidt und ihr Kamerateam haben Rudi Assauer ein Jahr begleitet. Sie haben Abstand gehalten, ohne Nähe zu verlieren. Sie haben ihn und andere nie bloß gestellt, mehr zugehört, wenn nötig sensibel nachgefragt. Und Rudi Assauer hat erzählt. Von seinem Bruder, der seit Jahr und Tag mit Demenz in der Klinik liegt. Den er nicht besucht, weil es ihn überfordert. Der sich, wenn die Tagesform stimmt, an kleine Anekdoten erinnert, beispielsweise an das Flugzeug, das er nach Bremen „entführte“. Der Minuten später vor einer Bilderwand steht und nicht mehr weiß, welchen Spieler er auf den Fotos in den Armen hält.

Die Kameras zeigen Rudi Assauer, den Meister des Versteckspiels, wie er bei einem Empfang seinen ehemaligen Mitspieler Siggi Held erkennt, aber überspielt, dass ihm der Name des einstigen Handball-Bundestrainers Heiner Brand nicht mehr einfällt.

Ohmacht, Sorge und liebevoller Umgang

Mosaikstein für Mosaikstein formen sich zu einem Gesamtbild. Es zeigt die Ohnmacht, Sorge und den liebevollen Umgang der Familie und Freunde; die Wut, den Lebenswillen, aber auch die schleichende Resignation des Erkrankten; die Überforderung und Ängste gerade seiner Ehefrau Britta. Als sie – vermutlich als Kinderersatz – eine Spielzeugpuppe kauft, ein verzweifelter, irrer Versuch, ein intaktes Familienleben vorzugaukeln, zieht der Assauer-Clan die Reißleine.

Es ist das vorgezogene Ende einer Ehe, die viele sowieso nicht gewollt haben. Der „Papa“ wohnt nun bei Tochter Bettina, kehrt zurück in die Stadt seiner Kindheit, nach Herten. Tauscht die Villa nahe der Arena gegen eine Reihenhaus-Wohnung. „Hier penne ich“, sagt Rudi Assauer und zeigt der Kamera sein Zimmer unter dem Dach, mit einem Einzelbett und den weißen Oberhemden, die an der Schranktür hängen.

"Die Krankheit kriegst du nicht mehr weg"

Es gibt Momente im Film, die wenigstens ein bisschen Hoffnung machen, die schöne Erinnerungen wecken. Wenn hinter dem Qualm der Zigarre sein unwiderstehliches Lächeln aufblitzt, er ohne Selbstmitleid und Hassgefühlen seinen Rausschmiss auf Schalke bilanziert - Rudi Assauer, immer noch ein ganz Großer. Wenn deutlich wird, dass Vater und Tochter in der Not näher zusammenrücken, sich im Garten die Tennisbälle zuspielen.

Was bleibt? Was wird sein? „Die Krankheit kriegst du nicht mehr weg“, sagt Rudi Assauer. In den Strafraum, da wo es wehtut, wie wir im Revier sagen, dahin geht er nur noch beim Tipp-Kick-Spiel am Wohnzimmertisch.

Ein wertvoller Film

Mit „Rudi Assauer - ich will mich nicht vergessen“ ist Stephanie Schmidt und ihrem Team ein wertvoller Film gelungen, der nichts verschweigt, nichts beschönigt und sich trotz aller Emotionen an Fakten orientiert. Einziger Kritikpunkt: Das ZDF zeigt den Film in der Reihe „37 Grad“ heute um 23.15 Uhr. Da verstehe die Öffentlich-Rechtlichen wer will: Thomas Gottschalk darf im Ersten zur besten Sendezeit sein eigenes Denkmal demontieren, für den Film über Alzheimer bleibt nur ein Sendeplatz zur nachtschlafenden Zeit.



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