DORTMUND Mit „Die Ärzte“ feiert Farin Urlaub seit einem Vierteljahrhundert Erfolge. Am 31. Oktober erschien das neue Soloalbum des Sängers und Gitarristen mit seiner Band „Racing Team“. Christoph Klemp sprach mit ihm über das Album, den Lebenswerk-Preis und die Vorzüge, mit sieben Frauen auf Tour zu gehen.Von Christoph Klemp
«
1/1
»
Gibt sich gern geheimnisvoll, pendelt zwischen Ironie und Ernsthaftigkeit: Farin Urlaub. (Foto: Erik Weiss)
Was fällt Dir zum Stichwort Canto Libre ein?
Urlaub: Canto Libre ist eine spanische, oder sogar kubanische Kunstform. Improvisationsgesänge. Interessante Frage, wie kommst Du darauf?
Ich könnte auch fragen, wer ist „Gobi Todic“? Mit diesem Song hast Du schon vor seiner Veröffentlichung die wildesten Spekulationen ausgelöst. Und es gibt im Internet einen Canto Libre über „Gobi Todic“, mit Faneinträgen, die sich bei Dir bedanken.
Urlaub: Aha. Interessant. Aber viel zu viel der Ehre. Das ist nicht von mir. Aber ich schau‘ es mir an. „Gobi Todic“ – mir gefiel einfach der Name – war einer der Songs, die beim Einspielen im Studio am meisten Spaß gemacht haben. Der wird Live ein Kracher.
Auffällig: Auf der aktuellen Platte gibt es drei Liebeslieder. Fast ohne ironischen Bruch. Das ist neu.
Urlaub: Na ja, komm. Es gab schon andere nicht-ironische Liebeslieder. Aber stimmt, ich war selber überrascht. Ich nehme immer ein paar Songs auf, lehne mich zurück und höre mal, wo mein Unterbewusstsein gerade hin will. Und von den ersten sechs Stücken waren fünf Liebeslieder. Und da dachte ich, aha, Midlife-Crisis? Was ist los? (lacht) Letzten Endes sind jetzt noch drei davon auf das Album gekommen. Irgendwie musste das offenbar raus.
Interessant ist auch „Die Insel“. Da gibt es eine sehr schöne Zusammenfassung von Marx‘ Kapital in zwei Textzeilen...
Urlaub: (lacht) Da war ich auch stolz drauf. Es gab mal Marx als Comic, als ich Kind war. Den habe ich begeistert gelesen und dachte – super, so kann man Wissen heutzutage vermitteln. Und jetzt versuche ich es auch in einem drei Minuten Popsong.
In dem Song geht es darum, dass es schön wäre, eine Insel zu kaufen. Warum kaufst Du Dir nicht einfach eine? Geld hast Du doch genug, oder?
Urlaub: Ganz, ganz ehrlich? Nee, hab ich nicht, überraschenderweise. Aber das ist nicht der Grund. Ich dachte früher auch immer, dass ich gern auf einer Insel leben würde, wenn ich genug Geld hätte. Dann war ich zwei Wochen auf den Malediven. Ungefähr ab der dritten Stunde habe ich mich gefragt, was ich als nächstes machen soll. Es war furchtbar langweilig.
Wie Dein Name schon verrät, reist Du gern und viel. Gibt es noch ein Traumziel?
Urlaub: Die Hälfte der Welt. Eine Hälfte – 102 Länder – habe ich gesehen, die andere fehlt mir noch. Das ist das Traumziel.
Was sagst Du eigentlich, wenn Dich auf Reisen einer fragt, was Du machst? Rockstar?
Urlaub: Na logisch! Und dann wollen die ein Autogramm. Nein, im Gegenteil: Meistens interessiert sich gar keiner dafür, was man macht, sondern wie man ist. Und wenn es doch jemand wissen will, mache ich grundsätzlich Messebau. Oder Musikverleger, das ist wenigstens nicht gelogen.
Bei der EinsLive Krone werden „Die Ärzte“ für ihr Lebenswerk geehrt. Du bist erst 45. Komisches Gefühl?
Urlaub: Ich finde das total albern. Die wissen doch gar nicht, wie es weitergeht. Wenn Sie gesagt hätten, für alles bisher, dann okay. Ich habe aber eine gute Ausrede, um nicht dahin zu müssen: ein Konzert. Ich wäre auch sonst nicht wirklich hingegangen, weil ich Preisverleihungen ablehne. Wir haben ein wunderschönes Leben. Einen Preis haben unsere Fans verdient, die uns das ermöglichen.
Im Racing Team spielen sieben Frauen mit. Was ist anders als bei „Die Ärzte“?
Urlaub: Es riecht besser, zum Beispiel. Und es gibt mehr Adrenalin und weniger Testosteron. Das ist total angenehm. Es geht auch um andere Sachen. Bei „Die Ärzte“ stehen drei Schrate auf der Bühne und haben Spaß. Beim Racing Team geht es schon um die musikalische Darbietung, um geballte Kraft. Zwölf Leute sind lauter als drei.
Deine Songs handeln oft von Leuten, die unzufrieden sind, aber nichts dagegen tun. Das spießt Du ironisch auf. Wirst Du politischer?
Urlaub: War ich jemals unpolitisch? „Es ist Sommer und es ist heiß, da ess‘ ich ein Zitroneneis“ – hallo, das war doch auch hochpolitisch (lacht). Aber im ernst: Wäre es nicht schlimm, wenn mich heute nicht andere Dinge als mit 16 oder 25 beschäftigen? Und die Unfähigkeit, den Arsch hochzukriegen, ist eins meiner Lieblingsthemen. Auch im richtigen Leben übrigens.
Warum gerade das?
Urlaub: Ich habe Verständnis dafür, wenn alles super ist. Aber die meisten Leute meckern. Meckern und den Arsch nicht hochkriegen, das passt nicht zusammen.