Dortmunds Sportlerwahl 2015: Janni Luca Serra - Gipfelstürmer über Umwege

DORTMUND „Darf ich auch ein Ereignis aus 2014 nennen?“, fragt Janni Luca Serra, Nachwuchstalent des BVB, zurück, als er nach seinem wichtigsten Moment des Jahres 2015 gefragt wird. Er darf. Denn all die Höhepunkte im zurückliegenden Jahr wären ohne die Geschehnisse des 8. November 2014 gar nicht möglich gewesen.

 

An jenem kühlen Herbsttag spielte die U17 des BVB in der B-Jugend-Bundesliga West gegen Viktoria Köln. Es lief nicht für die Elf von Trainer Hannes Wolf, eine Viertelstunde vor Schluss lagen die Borussen 0:1 zurück, wenig deutete auf eine Wende hin. Also entschloss sich Wolf zu einer ungewöhnlichen Maßnahme: Er beorderte den etatmäßigen Innenverteidiger Serra nach vorne – und der dankte es seinem Coach mit zwei Toren binnen sechs Minuten. Der BVB gewann 2:1.

Nicht bloß ein Glückstreffer

Man hätte es als zufällige Glückstreffer abtun können, doch Wolf wollte auf Nummer sicher gehen und wagte eine Wiederholung. Eine Woche später stellte er Serra im Spiel bei Borussia Mönchengladbach von Beginn an in den Angriff. Am Ende hieß es 6:0 für den BVB, Serra traf erneut. „Ab da war es klar“, erinnert sich Wolf. Serra blieb im Angriff – und wurde über Umwege zum Gipfelstürmer.

Denn ohne diesen Positionswechsel wäre der Nachwuchs-Fußballer heute vermutlich nicht da, wo er ist. Der gebürtige Niedersachse ist im vergangenen Sommer Deutscher U 17-Meister mit dem BVB geworden, hat sich mit 18 Toren in 24 Spielen (plus elf Vorlagen) die Torjägerkanone der Bundesliga West geschnappt und die deutsche U 17-Auswahl bei der Europameisterschaft mit einem sensationellen Tor gegen Russland ins Finale geschossen (1:4 gegen Frankreich). Auch der Sprung in die A-Jugend gelang spielerisch, zehn Tore und fünf Vorlagen stehen nach den ersten zwölf Spielen in seiner Bilanz.

WM-Verzicht fürs Abitur

„2015“, sagt Serra, „war für mich ein herausragendes Jahr.“ Und es hätte sogar noch mehr sportliche Höhepunkte bereithalten können, doch der 17-Jährige verzichtete freiwillig auf die U17-Weltmeisterschaft in Chile, um sich auf sein bevorstehendes Abitur vorzubereiten. „Ich weiß schließlich nicht, ob ich es im Fußball schaffe, genug Geld zum Leben zu verdienen“, begründet er diesen bemerkenswerten Schritt, „wenn ich im Sommer mein Abitur in der Tasche habe, stehen mir alle Wege offen.“

Sein Trainer Hannes Wolf war von diesem Schritt beeindruckt, aber nicht überrascht. „Natürlich war es eine krasse Entscheidung, aber menschlich ist Janni einfach top“, sagt er. Als weiteren Beweis führt er Serras Reaktion im DM-Finale gegen Stuttgart (4:0) an. Dort saß der Stammspieler 48 Minuten auf der Bank, weil er mit müden Beinen von der EM zurückgekehrt war.

"Teamplayer statt Egoshooter"

„Er hat sofort verstanden, dass wir ihn erst bringen wollten, wenn die Entscheidung ansteht“, sagt Wolf, „daran sieht man, dass er kein Egoshooter, sondern ein Teamplayer ist.“ Als Serra dann nämlich beim Spielstand von 0:0 auf den Platz ging, entschied er mit zwei Toren und einer Vorlage das Spiel für den BVB.

Serra erinnert sich gerne an diese Momente zurück, doch er weiß sie auch richtig einzuordnen. Ausruhen gilt für den 1,93 Meter großen Angreifer nicht, längst hat er die nächsten Ziele im Blick. Möglichst bald möchte er es seinen U 19-Teamkollegen Felix Passlack und Christian Pulisic, die seit Januar fest zum Bundesligakader zählen, nachmachen und zum Profi aufsteigen. „Der Wunsch“, sagt er, „ist riesig.“ Sein Wille ist es auch.