DORTMUND Frauen wissen, warum Männer einen anderen Mann Schöni nennen. Wahrscheinlich, um sich auf diese Weise ein wenig an dem von den Göttern in Sachen Außenbau Begünstigten zu rächen. Egal. Dies ist Schönis Geschichte. Aber nicht nur. Es ist auch die Geschichte eines wunderbaren Ausflugs.
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Joachim Krol und das Revier - vor allem dem Fußball in Dortmund ist der preisgekrönte Schauspieler eng verbunden. (dpa)
Dortmund, Dienstag, der 9. Mai 1989: DFB-Pokal-Halbfinale BVB – VfB Stuttgart, tief in der zweiten Halbzeit. Ecke Andy Möller. Jürgen Klinsmann, der Körperlose, verschraubt sich in eine seiner extravagantesten Pirouetten, Frank Mill verpasst Nils Schmäler mit beiden Fäusten ein Ding in den Rücken, steigt, Kopfball, Tor. 2:0.
Berlin, Berlin, wir fahren nach Berlin. Die Südtribüne bebt. Gelbe Karten, Platzverweise, böse Grätschen, Schlusspfiff, Aus. Dortmund steht im Finale um den Deutschen Fußball-Pokal 1989. Das Stadion, ein Tollhaus.
Für mich war dieses Spiel eine Art Comeback. Habe damals wenig Zeit in Dortmund verbracht, aber nie den Kontakt zu Freunden aus den frühen 80ern verloren, Halbfinale, guter Anlass, alte Verbundenheit aufzufrischen.
Auf dem Weg ins Stammlokal, umringt von zigtausend Borussenfans, übelste Beschimpfungen durch die tapferen Schwaben. Und glauben Sie mir, von Schwaben beschimpft zu werden, hat für unsere Ohren erst einmal etwas Komisches. Es geht hin und her, doch es bleibt im Rahmen. Keine Fäuste fliegen. Es bleibt bei den schwäbisch-folkloristischen Verbalinjurien. Bis Jupp Schmiedeskamp, 300 Prozent Borussenfan und im Späteren „der Reiseleiter“ genannt, die richtigen Worte findet: „Halt die Schnauze, Schwabe, komm mit, Freibier.“ So kriegt man jeden Schwaben, und so erklärt sich vielleicht unsere schöne Fanfreundschaft mit den Kelten von Celtic Glasgow, Schottland. Anyway.
Stammlokal, Verbrüderung, Fangesänge, und bei jeder neuen Runde flehte irgendeiner: „Beschimpf mich, Schwabe!“ Wir haben Tränen gelacht. Ungefähr um diese Zeit muss der Entschluss gefallen sein, natürlich mitzufahren, dabei zu sein, in Berlin, Berlin. Gesagt, geplant.
Aufbruch in Köln, etwa 9:30 Uhr, Ankunft Treffpunkt, pünktlich 11:00 Uhr. Und als ich die kleine Wohnung des Reiseleiters im Dortmunder Norden unweit des Borsigplatzes betrat, ereignete sich der erste magische Moment, von denen in den nächsten zwei Tagen noch etliche folgen sollten.
Diese kleine Wohnung, eher ein Borussia-Museum, hatte eine kleine Küche, und auf dem Küchentisch in dieser kleinen Küche stand ein Pils. Ein Pils um 11 Uhr morgens. Ein Pils gezapft mit unglaublicher Vorbildlichkeit. Jedes Pils aus dem Werbefernsehen ist ein Scheißdreck dagegen. „Bitteschön!“ DEPUTATE, durfte ich lernen. Mir war dieser Begriff bekannt aus dem Bergbau. Mein Vater als Kohlenhauer hatte Anspruch auf ’ne gewisse Menge Kohle für den Hausbrand. Jeder in der Nachbarschaft hatte das. Der Reiseleiter war Angestellter der Actien-Brauerei. Auf seinem kleinen Balkon blitzte er eine feine Zapfanlage, und bevor wir uns auf den langen Weg gen Osten machten, musste das Fässchen „besser wech!“ So fing das an.
Wenig später war ich Zeuge, wie ein mir damals schier unerschöpflich erscheinender Vorrat an Dosenbier in den hässlichen blauen Buchbinder-Bus verklappt wurde, der uns nach Berlin tragen sollte. Überflüssig zu erwähnen, dass mindestens einer seinen Reisepass vergessen hatte, wahrscheinlich Schöni, aber ausgestattet mit neuen Passbildern, die am Bahnhof noch schnell gemacht wurden, ging‘s endlich los.
Die Reiseleitung hatte eine Kreuzberger Wohnung für uns organisiert, man lagerte sich, wo es ging, wir waren zu zehnt, und überließ sich seinen Träumen vom Pokaltriumph. Als ich gegen Morgen einmal kurz die Augen öffnetet, sah ich mir gegenüber auf dem Sofa Schöni – er schlief mit einem Lächeln im Gesicht, und einer vollen Flasche Schultheiß in der Hand. Sie war geöffnet. Das hatte er noch geschafft.
Finaltag. Samstag, 24. Juni 1989. Ein Tag wie aus dem Bilderbuch. Blauer Himmel. Die Sonne heiß. Grün-weiße Werderaner hier und da, nordisch-kühl. Ich habe Glück. Ich sitze im Olympiastadion auf Höhe der Torauslinie gegenüber dem Marathontor. Vier der fünf Tore werden auf meiner Seite, vor meinen Füßen fallen. Vor meinen Augen wird sich Norbert Dickel in eine lebende Legende verwandeln.ch mache es kurz: RIEDLE, DICKEL, MILL, DICKEL, LUSCH, SCHLUSCH!!! 4:1 - Dortmund war Pokalsieger.
„Das Stadion ein Tollhaus!“ Ich liebe diese Sportschau-Sätze. Ein großartiges Spiel war zu Ende. Ein Märchen wurde wahr. Und Nobbys Knie war endgültig im Arsch. Ich hab nie so viele Männer weinen sehen. Und da hörte ich es zum ersten Mal, aus tausenden, heiseren Dortmunder Kehlen zugleich. Der vielleicht folgenreichste Chor der Fußballgeschichte: „Berliner, wir lieben euch, wir holen euch hier raus!“
Was nun? Die Reiseleitung hatte für alles gesorgt. Parole „Malheur“. Nach dem Spiel zusammen in den Bus und Richtung Kreuzberg ins „Malheur“, einer Kneipe auf der Gneisenaustraße. Kein Problem, wenn man sich verlieren sollte. Ins „Malheur“. Kennt jeder. Die Reisegruppe bleibt zusammen, siegestrunken, glücklich, total verdickelt. Der Bus erscheint, man steigt ein, Gedränge entsteht, die Türen schließen sich, sind alle da??? Der Bus fährt an. Kein Problem. Man gestikuliert. Ins „Malheur“, Schöni, ins „Malheur“!
Gezeichneter Mann
Umsteigen am Bahnhof-Zoo. Schnelles Pils in der Dortmunder Kneipe, die es damals gab. Aus heutiger Sicht ein abgerissenes Baudenkmal, aber ich glaube, man hat in Berlin noch Größeres vernichtet. Vielleicht kommt Schöni auf die gleiche Idee. Warten wir ein bisschen. Kein Schöni kommt. Suchtrupps werden ausgesandt. In die Kneipen der Umgebung. Immer zu zweit, damit nicht noch einer verloren geht. Nichts. Es wird zwölf. Eins. Die Feier erreicht ihren Höhepunkt. Nichts. Irgendwann erscheint Schöni doch. Bleich, schwankend, ein gezeichneter Mann. Hatte Schöni geweint? Die Summe auf dem Taxameter (vom Stadion ins „Malheur“) hatte Schönis Barschaft um ein Erhebliches überschritten.