Im Vergleich: Die Strategien bei Chelsea und dem BVB

DORTMUND Simon Johnson ist Chefreporter des Evening Standard in London und berichtet seit 13 Jahren über den FC Chelsea. Jetzt war er in Dortmund, sprach mit Trainer, Manager und anderen Verantwortlichen. Für uns vergleicht er beide Vereine. Jetzt: Das Fazit.

  • Jürgen Klopp leiht dem BVB-Erfolg sein Gesicht.

    Jürgen Klopp leiht dem BVB-Erfolg sein Gesicht. Foto: dpa

Es ist für das Image und die Atmosphäre eines Vereins enorm hilfreich, wenn legendäre Ehemalige ein elementarer Bestandteil des Klubgefüges sind. Beim BVB sind Sportdirektor Michael Zorc und Jugendkoordinator Lars Ricken – zwei Champions-League-Sieger von 1997 – in wichtigen Funktionen tätig.

Harmonische Atsmosphäre
 
Ich habe bei meinem Besuch in den Vereinsbüros eine entspannte und harmonische Atmosphäre erlebt. Die gleiche Wärme verspürte ich am Trainingsgelände. Als ich mir den „Footbonauten“, ein hochmodernes Trainingsgerät, ansehen durfte, gesellte sich Chefscout Sven Mislintat hinzu und erklärte mir die Funktionen des bemerkenswerten Trainingsroboters. Und obwohl der BVB am Vortag sein Heimspiel gegen den Hamburger SV mit 1:4 verloren hatte, nahm sich Trainer Jürgen Klopp bereitwillig Zeit für mich. Während wir sprachen, schaute er sich ein Testspiel der Dortmunder Amateure an. Die U23 des Klubs ist kein Anhängsel, sondern gehört dazu. Die Trainer Klopp und David Wagner, zwei alte Bekannte, pflegen einen engen Kontakt und stimmen sich regelmäßig ab.
 
    

Das Band zwischen Geschäftsführer Hans-Joachim Watzke, Sportdirektor Zorc und Trainer Klopp strahlt eine richtige Stärke aus. „Wir versuchen eine Einheit zu bilden,“ erklärt Zorc das Binnenverhältnis der Dortmunder Führungs-Troika. „Wir arbeiten Tag für Tag sehr eng zusammen. Wir holen keinen Spieler, wenn der Trainer sagt, dass er ihn nicht will oder er nicht ins Team passt. Falls Klopp auf der anderen Seite sagen würde, er wolle Messi, wäre Watzkes Antwort, dass er „nicht so tiefe Taschen“ habe.

Keine klare Zielvorgabe

Die Struktur in Chelsea ist dagegen sehr viel komplexer. Klubeigner Roman Abramovitsch hat viele Ratgeber. Einige von ihnen sind Agenten, die ihm eifrig Ratschläge geben, wenn es um die Transferpolitik geht oder um die Frage, wen man als nächsten Trainer holen sollte. Ganz oben in der Organisationsspitze sitzen Geschäftsführer Ron Gourlay, der Vereinsvorsitzende Bruce Buck und Michael Emenalo, der Technische Direktor. Wenn so viele Stimmen um Abramovitschs Aufmerksamkeit und Gunst buhlen, dann erklärt das fast von selbst, warum es keine klare Zielvorgabe gibt – und warum im Ausland oft ein negativer Eindruck von Chelsea hängen bleibt. So sagte mir BVB-Innenverteidiger Neven Subotic bei meinem Besuch, dass ihn die Strategie der Londoner an eine Achterbahn erinnere.

Mittlerweile ist mein Besuch in Dortmund Geschichte. Ich bin zurück an meinem alltäglichen Arbeitsplatz und kümmere mich wieder um den FC Chelsea. Ich würde es verstehen, wenn die Leser nach der Lektüre meiner Serie den Eindruck hätten, ich würde lieber in Dortmund als in London arbeiten. Und zweifellos wünsche ich mir auch, die Verantwortlichen des FC Chelsea würden sich in manchen Dingen ein Beispiel daran nehmen, wie in Dortmund die Sachen geregelt werden. Etwa die Art und Weise, wie die Jugend aufgestellt ist oder in der wie mit den Medien zusammengearbeitet wird.

Nur ein Sieg zählt

Tatsache ist aber auch, dass beide Klubs in unterschiedlichen Welten leben und arbeiten. In Chelsea herrscht die Einstellung vor, dass nur ein Sieg zählt. Und in gewisser Weise ist das auch so. Am Ende einer Saison interessiert den Fan nunmal am meisten, dass sein Team eine Trophäe in den Händen hält. Damit kann man prahlen, damit kann man seine Kollegen, die Fans von anderen Klubs sind, zwölf Monate lang sticheln. Machen Sie das einmal mit dem Argument, man habe mehr Geld oder die besseren Jugendspieler. Am Ende sind es die Titel, die zählen. Das Ideal ist es, beides zu vereinen – so wie es dem BVB in den vergangenen zwei Jahren geglückt ist.

Ich bin ehrlich: Es kann manchmal frustrierend sein, wenn man aus beruflichen Gründen die Chelsea-Spiele sehen und auch noch darüber schreiben muss. Aber es gibt trotz der vielen Fehler etwas Fesselndes an diesem Klub. Über den BVB zu berichten hat sicher seinen Reiz. Aber ich muss jetzt erst einmal aus der Ferne betrachten, ob der Verein seine Philosophie wirklich dauerhaft beibehält.

Als ich nach Dortmund kam und den Spruch „Echte Liebe“ las, hielt ich das zunächst für einen Werbegag. Jetzt aber ist die Liste der Menschen, die diese Liebe am eigenen Leib spüren konnten, um eine Person länger geworden.


Aus dem Englischen übersetzt von Ralf Weihrauch

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Autor
Simon Johnson
ZUM ARTIKEL
  • Erstellt:
    26. März 2013, 07:03 Uhr
    Aktualisiert:
    30. April 2013, 15:46 Uhr
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