Watzke im Interview: „Der BVB ist von Natur aus sexy“
DORTMUND Hans-Joachim Watzke (50) erhöht als Konsequenz einer erfolgreichen Saison das Personalbudget für die nächste um rund drei Millionen Euro. Der größere finanzielle Spielraum hält Borussia Dortmunds KGaA-Boss aber nicht davon ab, das BVB-Umfeld vor einer „übertriebenen Erwartungshaltung“ zu warnen.
«
1/2
»
BVB-Boss Hans-Joachim Watzke. (Foto: dpa)
Artikel aus diesem Ressort
Haben Sie schon Angst vor der kommenden Spielzeit?
Hans-Joachim Watzke: Nein. Großen Respekt, aber keine Angst. Unsere Mannschaft ging schon am Ende der gerade abgeschlossenen Saison auf dem Zahnfleisch, in der nächsten Spielzeit kommt die Europa League hinzu. Da mussman Respekt haben, alles andere wäre fahrlässig. Man sieht ja, wer in der Abschlusstabelle überraschend hinter uns steht. Das sind nicht von ungefähr Mannschaften, die international gespielt haben: Wolfsburg, Stuttgart, Hamburg. Diese Doppel-Belastungen muss man erstmal fahren können. München ist dazu in der Lage, aber wenn ich 130 Millionen Euro für das Personal ausgebe, muss das auch möglich sein. Bei uns stellt es sich wirtschaftlich ein wenig anders dar.
Das heißt, Sie fürchten in der Tat, Opfer des eigenen Erfolgs zu werden?
Watzke: So sehe ich das nicht. Wir haben eine ambitionierte Aufgabe vor uns. Und die ist deshalb so ambitioniert, weil auch in der nächsten Spielzeit Milch und Honig nicht auf das Ruhrgebiet herabregnen werden. Es ist unser Ziel zu vermeiden, dass Borussia Dortmund in der Bundesliga wieder abrutscht.
In welchen Bereichen müssen Sie sich zu diesem Zweck verstärken?
Watzke: Wir haben die Saison schon analysiert. Unsere sportliche Leitung ist zu der Überzeugung gelangt, dass wir in allen Mannschaftsteilen noch etwas machen müssen. Weil uns Marc Ziegler verlässt im Tor, dazu auf der rechten Abwehrseite, im offensiven Mittelfeld und im Sturm.
Sie haben sich also dagegen entschieden, Rechtsverteidiger Patrick Owomoyela durch die interne Lösung Julian Koch Druck zu machen?
Watzke: Ja. Julian zieht es vor, für ein Jahr ausgeliehen zu werden, Spielpraxis zu sammeln und danach zum BVB zurückzukehren. So ist es jedenfalls geplant.
In Shinji Kagawa (21, Cerezo Osaka) wechselt ein japanischer Mittelfeldspieler zur Borussia. Wie sind Sie auf ihn aufmerksam, geworden?
Watzke: Michael Zorc ist es gelungen, unser Scouting-System extrem effizient auszubauen. Wir hatten Kagawa schon auf dem Schirm, als er noch in der zweiten Liga gespielt hat. Das ist ein Zeichen, dass das Scouting funktioniert, dass wir kreativ sind. Der australische Torhüter Mitchell Langerak (Melbourne Victory, d. Red.) zum Beispiel ist uns ja in der asiatischen Champions League aufgefallen. Das alles kommt allerdings nicht von ungefähr. Wir haben unbemerkt von der Öffentlichkeit sehr viel Geld in die Infrastruktur von Borussia Dortmund investiert. Auch in den Analysebereich, in den Scoutingbereich, ins Trainingszentrum. Da reden wir nicht über ein paar hunderttausend Euro, sondern über Millionen, die unser Fundament gestärkt haben. Und das ist mir wichtiger als glänzende Dachziegel.
Was kann man von Kagawa erwarten?
Watzke: In seiner Premierensaison nicht zu viel. In Japan wird körperloser gespielt. Wir müssen abwarten, wie schnell er die Umstellung auf ein neues Land, eine neue Kultur, eine neue Spielphilosophie vollzieht. Er bekommt die Zeit, die er braucht.
Wir sprechen also über eine sportliche Wundertüte?
Watzke: Bei einer Wundertüte wissen Sie ja überhaupt nicht, was drin steckt, deshalb ist der Ausdruck hier nicht angebracht. Wir wissen, was Kagawa kann und hoffen nur noch auf einen zusätzlichen Überraschungseffekt. Das Risiko ist gering, der Spieler kostet lediglich eine Ausbildungsentschädigung in Höhe von 350.000 Euro. Eines muss der Öffentlichkeit aber bewusst sein: Wer in Chile einkauft oder in Japan, also auf einem im Vergleich mit den Top-Ligen niedrigeren Niveau, der läuft Gefahr, dass die Fehlerquote höher ist, und dass auch mal ein Spieler die Erwartungen nicht erfüllt.
Spielte es bei dem Transfer eine Rolle, dass Kagawa dem BVB die Chance bieten könnte, neue Erlöspotenziale in Asien zu erschließen?
Watzke: Klares Nein.
Ist Robert Lewandowski weiter als Kagawa?
Watzke: Ja, er ist gestandener Stammspieler der polnischen Nationalmannschaft, Torschützenkönig der polnischen Liga, hat mit Lech Posen schon in der Europa League gespielt. Unser Trainer Jürgen Klopp hat bewiesen, dass er in der Lage wäre, aus so einem Spieler noch mehr herauszukitzeln. Trotzdem dürfte man keine übertriebenen Erwartungen haben, auch Robert ist kein komplett fertiger Profi.
Müssen Sie das Personalbudget den internationalen Anforderungen anpassen?
Watzke: Das ist schon geschehen. Bislang lag es bei 32,5 Millionen Euro, in Zukunft wird der Etat um 2,5 bis 3 Millionen Euro höher angesiedelt sein. Der Beirat hat das neue Budget bereits genehmigt.
Nur zur Erinnerung: Im August 2009 haben Sie uns in einem Interview gesagt, um „mit hoher Wahrscheinlichkeit in Europa zu spielen“, sei ein „Lizenzspieler-Etat um 40, 45 Millionen Euro nötig“.
Watzke: Völlig richtig, das ist ja auch so. Alle anderen deutschen Mannschaften, die jetzt in Europa tätig sind – und auch einige, die es nicht geschafft haben – , geben so viel Geld oder sogar mehr fürs Personal aus. Genau deshalb sage ich ja immer wieder, dass unsere Mannschaft in der abgelaufenen Saison mit Platz 5 eine außergewöhnliche Leistung vollbracht hat.
Und Sie glauben ernsthaft, ständig den Vergleichsindex schlagen zu können?
Watzke: Nein, das kann man nicht immer! Auch im nächsten Jahr werden wieder neun Teams um die internationalen Plätze kämpfen, und wir haben den Nachteil, dass wir in finanzieller Hinsicht von Platz 9 aus starten. Wenn ich den Kicker richtig gelesen habe, will Wolfsburgs Manager Dieter Hoeneß im kommenden Jahr nicht in die Europa League, sondern direkt in die Königsklasse. Und Hoffenheims Mäzen Dietmar Hopp hat angekündigt, dass er sehr wohl in der Lage wäre, noch mal ein bisschen was vorzufinanzieren. Wir wissen also, woher der Wind weht.
Sie betonen immer wieder, die Fans müssten realistische Maßstäbe anlegen, wenn es um Saisonziele geht. Welche Maßstäbe sind das?
Watzke: Jeder BVB-Fan muss sich eines klar machen: Wir spielen extrem leidenschaftlichen und extrem engagierten Fußball, aber es wird für uns in den nächsten Jahren nie selbstverständlich sein, unter die ersten Fünf zu kommen!
Die Plätze 7 bis 9 wären also keine Enttäuschung für Sie?
Watzke: Nein. Das wäre dann das Normale.
Borussia Dortmund hat in den vergangenen Monaten junge Spieler auf ein nicht für möglich gehaltenes Niveau gehoben – zum Beispiel Schmelzer, Hummels, Bender, Sahin. Erleichtert Ihnen das die Arbeit auf dem Transfermarkt?
Watzke: Ja, das hat geholfen, gar keine Frage. Es ist bekannt, dass Jürgen Klopp junge Spieler weiterentwickelt, das macht uns noch attraktiver. Borussia Dortmunds Gesamtpaket aus sportlichen Eckpunkten und den Rahmenbedingen – Stichwort: größter Zuschauerzuspruch in Europa – stimmt einfach. Wolfsburg oder Hoffenheim müssen das große Geld auspacken, um sexy zu sein. Der BVB ist von Natur aus sexy! Wenn wir irgendwo auf der Welt aufschlagen, um einen jungen Spieler zu verpflichten, dann stehen oft viele Ampeln auf Grün.
Haben Sie Mats Hummels zur Berufung für das Malta-Länderspiel gratuliert oder ihn dafür bedauert, dass er keine Chance auf eine WM-Teilnahme hat?
Watzke: Ich habe ihm und Kevin Großkreutz gratuliert. Sie sind jetzt Nationalspieler. Das kann ihnen in diesem Leben niemand mehr nehmen.
Zuvor hatte seit 2007 kein Borusse mehr für Deutschland gespielt. Fehlt dem Klub die Lobby beim DFB?.
Watzke: Das würde ich so sehen, ja.
Was sind die Gründe?
Watzke: Das Epizentrum der Nationalmannschaft liegt in Süddeutschland. Die wohnen alle in München, um München herum oder in Freiburg. Es ist eben ein Unterschied, ob ich einen Spieler des VfB Stuttgart viermal pro Jahr zu Hause in einem Heimspiel erlebe oder unsere Akteure zweimal im Jahr, und dann auswärts.
Welche Konsequenz ziehen Sie?
Watzke: Gar keine. Wir haben der deutschen Fußball-Nationalmannschaft in den nächsten Jahren einiges anzubieten. Da gibt es kaum einen Klub in Deutschland, der mithalten kann.
Das Potenzial der Dortmunder Talente spricht für die sportliche Perspektive. Jürgen Klopp hat gerade erst verlauten lassen, er sei jetzt reif für Titel und habe sich schon mal die Feierstätte Borsigplatz angeschaut. Müssen Sie ihn mit dem Lasso einfangen?
Watzke: Nein, überhaupt nicht. Jürgen hat das sicher mit einem Augenzwinkern gesagt. Und das kann man in einem Zeitungs-Interview schlecht einfangen. Grundsätzlich ist mir ein Trainer, der immer mit Vollgas in jede Veranstaltung geht, viel lieber als einer, der ständig nur Bedenken streut. Es würde mich freuen, wenn Jürgen Klopp zeitnah einen Titel gewinnt. Idealerweise sollten wir mit dem DFB-Pokal anfangen, weil der am einfachsten zu erringen ist. Die Deutsche Meisterschaft halte ich für sehr, sehr unwahrscheinlich. Aber ich hätte es zu Beginn der Saison 2009/2010 auch für unwahrscheinlich gehalten, dass wir Fünfter werden.
Wer hat 2010/2011 – um ein viel diskutiertes Zitat von Ihnen zu bedienen – eigentlich „das natürliche Recht, vor Borussia Dortmund zu stehen“?
Watzke: Bayern München. Sonst niemand.
neuen Kommentar verfassen




