"Hierarchie ist wichtig": Sebastian Kehl über Kapitänsbinde, Konzentration und Konkurrenz
DORTMUND Er ist der Kopf der Mannschaft und doch ein Dauerpatient. Borussia Dortmunds Kapitän Sebastian Kehl (30) steht erst seit einigen Tagen wieder auf der BVB-Kommandobrücke und formuliert schon den Anspruch zu führen und zu lenken. Wenn sein Körper ihn denn diesmal lässt.
Die nächste schwere Verletzung, die nächste lange Pause: BVB-Kapitän Sebastian Kehl (Foto: Archiv)
Herr Kehl, was denken Sie, wie viele Einträge man bei Google mit der Wortkombination „Sebastian Kehl verletzt“ findet?
Sebastian Kehl: Schönes Spiel, Google-Raten habe ich mit meinen Jungs und meinen Brüdern neulich erst gemacht. Ich tippe auf 5000.
Es sind 8980. Was sagt diese Zahl aus?
Kehl: Sie führt mir vor Augen, dass es in meiner Karriere gesundheitlich häufig Spitz auf Knopf stand. Ich habe mich aber immer aufgerafft und bin zurückgekommen.
Dieses Aufraffen bedeutet Schmerzen und Tage, Wochen, Monate der kleinen Schritte. Wollten Sie irgendwann mal die Brocken hinschmeißen?
Kehl: Ja, diesen Moment hatte ich ab und an. Es sind schwierige Zeiten gewesen. Ich hatte viel mit mir selbst zu tun, mit meinem inneren Kampf. Letztlich habe ich ihn immer gewonnen und bin nicht nur irgendwie, sondern mit guten Leistungen zurückgekehrt.
Wie geht es Ihnen aktuell?
Kehl: Jede Verletzung hinterlässt nicht nur körperlich, sondern auch seelisch ihre Spuren – zurzeit fühle ich mich gut. Ich muss noch mit dem einen oder anderen Zipperlein zurechtkommen. Aber es sieht so aus, als könnte ich die Vorbereitung durchstehen und mir Power holen, um für die Saison gerüstet zu sein.
Wie viel Geld haben Sie in den vergangenen Jahren privat in Reha-Maßnahmen und Behandlungen investiert?
Kehl: Ich werde das nicht beziffern. Jeder Euro, den ich in meinen Körper und meine Karriere investiert habe, war richtig angelegt und unheimlich wertvoll. Da rede ich doch nicht über Geld.
Gibt es etwas, dass sie durch die vielen langwierigen Verletzungen gelernt haben?
Kehl: Ja, dass ich meinen Körper nie so beeinflussen kann, wie ich mir das immer gewünscht hätte. Ich musste lernen geduldiger zu werden.
Michael Ballack musste gerade die Erfahrung machen, dass es schwierig für einen Routinier ist, sich als Verletzter in einem Team der Fußball-Jünglinge als Rudelchef zu behaupten. Schwierig auch für Sie, Herr Kehl?
Kehl: Zunächst einmal glaube ich, dass das Thema Kapitänsfrage in der Nationalmannschaft hochstilisiert wurde durch Aussagen, die nicht glücklich waren und nicht zu einem passenden Zeitpunkt gefallen sind. Ballack hat immer wieder bewiesen, dass er in schwierigen Situationen Verantwortung übernimmt und ein sehr, sehr wertvoller Spieler sein kann. Diese Rolle habe ich beim BVB auch immer bekleidet.
Wenn Sie da waren…
Kehl: Ich war trotz meiner Verletzungen immer nah dran, habe versucht mich einzubringen, auf Spieler einzuwirken. Natürlich kann man das besser und intensiver, wenn man täglich auf dem Platz steht. Aber als Kapitän habe ich mich stets – ob verletzt oder nicht – funktionstüchtig gefühlt. Ich werde so weitermachen und sehe kein Problem.
Könnten es denn die jungen Spieler als Problem sehen? Nuri Sahin hat zuletzt häufig den Takt bestimmt...
Kehl: Es besteht keine Notwendigkeit, diese Diskussion zu führen. Ich glaube auch nicht, dass Nuri, der eine tolle Saison gespielt hat, seinen Anspruch auf die Binde formuliert. Ganz allgemein gilt: Sie ist eine große Verantwortung. Um sie zu tragen, sollte man in Ruhe ein Stück reifen. Natürlich ist es eine Herausforderung für mich, wieder mit Leistung voranzugehen und das Zepter zu schwingen. Die Binde nur umherzutragen, dazu habe ich keine Lust.
Im vergangenen Jahr hat in Dede ein routinierter Profi und Publikumsliebling seinen Platz an Eigengewächs Marcel Schmelzer verloren. Steht Erfahrung beim BVB noch so hoch im Kurs wie Athletik und Jugend?
Kehl: Ich glaube, dass auch in Zukunft immer ein besonderer Mix notwendig sein wird, um Erfolg zu haben. Wir haben in der vergangenen Saison sehr viel Erfolg gehabt mit unserer Art und Weise Fußball zu spielen – dazu haben aber nicht nur junge, sondern auch erfahrene Spieler beigetragen.
Mats Hummels hat sinngemäß gesagt, im Spiel gegen den Ball sei der BVB klasse, in der Spielgestaltung hätte die Elf Nachholbedarf. Müssen Sie an diesem Punkt ansetzen?
Kehl: Ich glaube, dass wir uns in vielen Bereich verbessern und das Niveau, das wir im vergangenen Spieljahr hatten, schnellstmöglich wieder erreichen müssen. Wir haben die Messlatte sehr hoch gelegt und die Leute begeistert. Unser Spiel basiert nun einmal auf Bausteinen wie „gemeinsam verteidigen“, „mehr laufen als andere“ und „leidenschaftlich sein“. Diesen Weg werden wir weiter beschreiten, aber natürlich müssen wir auch versuchen, im Aufbau etwas ruhiger zu sein, mal das Tempo herauszunehmen und die Geduld zu wahren. Das sind Dinge, die uns helfen, im Abschluss kaltschnäuziger zu sein und Tore zu schießen.
2009/2010 hat die Mannschaft während der ersten 45 Minuten elf Gegentore kassiert, während der zweiten 31. Was sagt das aus?
Kehl: Dass wir uns nach der Pause noch mehr konzentrieren müssen.
Sie treffen die Argumentation des Trainers, der sagt, es handele sich um ein Konzentrations- und nicht um ein Kraftproblem. Kann man beides trennen?
Kehl: Mit nachlassender Kraft schwindet auch die Konzentration – das ist meine Meinung und meine Erfahrung. Wenn der Akku leer ist, wirkt sich das aus. Das sollte aber nicht passieren, und daran arbeiten wir ja auch täglich.
In Dortmunds Kader stehen 17 Spieler, die 22 Jahre oder jünger sind. Was ist Chance, was ist Risiko?
Kehl: Unheimlich viele von ihnen besitzen große Qualität. Ich sehe vor allem die Chancen. Der Verein hat eine Philosophie kreiert, die darauf basiert, dass er nicht mehr die finanziellen Möglichkeiten anderer Klubs hat. Wir mussten andere Ansätze finden und haben Erfolg damit. Dieser Weg ist wichtig und richtig, dennoch wird eine klare Hierarchie auch in Zukunft ganz, ganz wichtig sein. Es gibt Spieler, die müssen den Takt vorgeben!




