DORTMUND Am Sonntag prallen im Signal Iduna Park zwei Ruhrpott-Welten aufeinander: Borussia Dortmund und der VfL Bochum. Im Redaktionsgespräch diskutieren BVB-Sportdirektor Michael Zorc (47) und VfL-Sportvorstand Thomas Ernst (41) über den Reiz des Nachbar-Duells, die 50+1-Regel und mediales Schubladen-Denken.Von Sascha Fligge, Petra Nachtigäller und Uli Kienel
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Ernst (links), Zorc: 18 Kilometer Luftlinie und Fußball-Welten liegen zwischen Dortmund und Bochum. (Foto: Niehörster)
Herr Zorc, wie fühlt man sich als Opa der Liga?
Michael Zorc: Opa?
Niemand ist so lange Sportdirektor wie Sie – stolz?
Zorc: Stolz wäre die falsche Vokabel. Meine elf Jahre in dieser Funktion sprechen für ein gewisses Durchhaltevermögen. Und für den Spaß, den mir diese Aufgabe noch immer jeden Tag bereitet.
Herr Ernst, gibt es einen Spieler, den Sie Michael Zorc gerne wegschnappen würden?
Thomas Ernst: Ich will es mal so formulieren: Nuri Sahin hat sich gut entwickelt. Sein technisches Können, seine Hartnäckigkeit. Er wird immer stärker.
Am Sonntag treffen Dortmund und Bochum zum kleinen Derby aufeinander…
Ernst: Stopp. Es gibt kein kleines Derby. Es treffen zwei Teams aufeinander, die wenige Kilometer von einander entfernt zuhause sind. Damit ist es ein Lokalderby.
Der BVB mag das anders empfinden.
Zorc: Da müssen wir nicht drumherum reden. Trotzdem ist diese Partie als Revierderby etwas Besonderes. Wir haben das Derby gegen Schalke mit 0:1 verloren. Ich habe ehrlich gesagt überhaupt keine Lust, auch im zweiten Revierduell unterlegen zu sein. Wir hatten keinen guten Start in die Saison. Ich erwarte, dass wir jetzt da anknüpfen, wo wir in Mönchengladbach aufgehört haben.
Ernst: Gewinnen wir, wäre das eine Riesensache für unsere Fans. Zumal wir dann in der Tabelle vor Dortmund stünden.
Und Sie hätten ein Problem.
Ernst: Welches?
Wie wollen Sie den VfL-Fans dann noch erklären, dass der neue Trainer nicht Frank Heinemann heißt?
Ernst: Mit dem Problem kann ich gut leben. Wir haben zuletzt wieder Herz und Inbrunst gezeigt. Das spricht auf jeden Fall für Frank Heinemann. Doch eine solche Entscheidung darf man nicht alleine von ein paar Spielen oder einem Derby-Sieg abhängig machen.
Glaubt man dem Boulevard, ist beim BVB Schluss mit dem „Entertainer-Trainer“ Jürgen Klopp. Ist er neuerdings ein „scharfer Hund“?
Zorc: Nein, Klopp ist authentisch geblieben und verhält sich nicht grundlegend anders als vor einigen Monaten. Das Problem ist, dass einige Medien ein Schubladendenken haben und unseren Trainer je nach Bedarf aus einer Schublade herausziehen.
Ernst: Jeder Trainer, der sich plötzlich um 180 Grad dreht, macht sich doch zum Kasper und damit unglaubwürdig. Das kann ich mir bei Klopp nicht vorstellen.
Der VfL tut sich chronisch schwer damit, sein Stadion zu füllen, der BVB erwartet am Sonntag wieder mehr als 70 000 Fans. Wird man angesichts solcher Zahlen eigentlich demütig, Herr Zorc?
Zorc: Jedenfalls sind wir gut beraten, die enorme Anziehungskraft des BVB mit der nötigen Wertschätzung zu begleiten. Wir hatten im vergangenen Jahr knapp 73 000 Zuschauer im Schnitt, nur Barcelona und Manchester United lagen in der Gunst noch weiter vorn – das muss man sich auf der Zunge zergehen lassen. Der VfL hat es als eine Art Knorpel zwischen Schalke und Dortmund ungleich schwerer.
Herr Ernst, wie viel Prozent des Etats entfallen auf den Posten Zuschauereinnahmen?
Ernst: In etwa 17 Prozent.
Zorc: In unserem Fall sind es gut 20. Das größte Stadion Deutschlands bringt uns übrigens keinen finanziellen Wettbewerbsvorteil gegenüber anderen ambitionierten Vereinen. Schalke und der HSV erzielen mit 20 000 Zuschauern weniger bei ausverkauftem Haus mehr Einnahmen pro Spiel.
Klubs können den Zuschauerschnitt erhöhen, indem sie die Qualität des Kaders stärken. Wie stehen Sie vor diesem Hintergrund zum Thema „50+1“?
Ernst: Wir fühlen uns als eingetragener Verein wohl. Es gibt keinerlei Bestrebungen, einen Investor ins Boot zu holen. Außerdem müssten wir dafür zunächst eine GmbH gründen. Und das haben wir nicht vor.
Zorc: Unsere Haltung ist durch Hans-Joachim Watzke deutlich dargestellt worden. Der BVB ist ein Gegner von Klubübernahmen durch Investoren. Hinter vorgehaltener Hand erhält Watzke viel Zuspruch. Ich würde mir wünschen, dass er vor allem von Traditionsklubs mehr mediale Rückendeckung erhielte. Fakt ist: Einem Investor musst du für die Millionen symbolisch auch den Schlüssel überreichen. Das sind keine Samariter, sondern Leute, die Entscheidungen treffen und Vokabeln wie Tradition nur vom Hörensagen kennen.
Sie beide sind Fußball-Nachbarn des FC Schalke 04. Was ist zurzeit ausgeprägter: Der Respekt vor den sportlichen Leistungen oder die Furcht vor einem finanziellen GAU?
Zorc: Schalkes Trainer Felix Magath macht wirklich gute Arbeit. Was die Finanzen angeht, sind wir aufgrund unserer Historie gut beraten, die Schalker Situation nicht zu kommentieren.
Ernst: Ich will mich auch lieber über uns äußern. Wir haben noch Verbindlichkeiten in Höhe von rund 200.000 Euro, die wir – wenn alles normal läuft – in dieser Saison abbauen werden. Dann wären wir bilanziell gesehen schuldenfrei. Wir bauen keine Luftschlösser, allerdings glaube ich, dass das emotionale Fußballgeschäft manch einen Klub dazu verleitet, trotz Warnungen zu lange aufs Gaspedal zu drücken.
Zurück zu Ihren eigenen Problemen. Dortmund ist nur Zwölfter, der VfL rangiert zwei Plätze dahinter. Was läuft schief?
Ernst: Unsere Bilanz wäre in Ordnung, wenn wir trotz zweimaliger Führung nicht gegen Mainz verloren hätten (2:3, d. Red.). Gerade in Hoffenheim und auf Schalke (jeweils 0:3, d. Red.) mangelte es an den Basics, die du immer zeigen musst. Herz und Biss. Stattdessen war viel zu viel Lethargie im Spiel.
Zorc: Es gibt nicht den einen Grund, der zu diesem schwachen Start geführt hat. Wir haben insgesamt unser Leistungspotenzial nicht ausgeschöpft. Obwohl wir in fast jedem Spiel sehr gute Phasen hatten, sogar in sechs von acht Spielen geführt haben, konnten wir bisher nur zweimal gewinnen. Angesichts der Tatsache, dass in Sebastian Kehl unser Schlüsselspieler fehlt, hätte ich mir erhofft, dass unsere etablierten Spieler diese Lücke konsequenter ausgefüllt hätten.
Welche Etablierten kritisieren Sie konkret?
Zorc: Ich werde keine Namen nennen.
Realistisch betrachtet ist der BVB die Nummer 8 der Bundesliga-Etatrangliste. Trotzdem erwartet das Umfeld, dass die Borussia permanent den Vergleichsindex schlägt.
Zorc: Das stimmt! Es ist ja nicht so, dass wir den internationalen Wettbewerb meiden wie der Teufel das Weihwasser. Aber der finanzielle Abstand zu den Klubs, die mehr Geld investieren können als wir, wird sich in den kommenden Jahren wohl nicht verringern lassen. Ergo wollen wir selbst langfristig unsere eigenen Talente und junge Spieler wie Subotic, Hummels oder Kuba integrieren, etablieren und entwickeln, um den wirtschaftlichen Nachteil auszugleichen. Dazu wird in Zukunft auch immer mal der ein oder andere Transfer-Erlös gehören.
Ernst: Ich glaube, dass es schwierig ist für einen Klub wie den BVB, der in den 90er-Jahren nicht nur an der nationalen, sondern an der internationalen Spitze stand, den Fans eine realistische Erwartungshaltung zu vermitteln. Für Vereine, die einen solchen finanziellen Kollaps hinter sich haben, ist es hart, sich wieder ganz nach oben zu arbeiten.
Welches langfristige Ziel verfolgen Sie, Herr Ernst?
Ernst: Wir wollen uns das Attribut „unabsteigbar“ zurückerobern. Und wenn wir in der Revier-Meisterschaft ab und zu vor Schalke oder Dortmund stehen, nehmen wir das gerne und stolz mit.