Reifenzoff: Mercedes keilt gegen Red Bull

Montréal (dpa)

Mercedes beteuert weiter seine Unschuld. Die Konkurrenz beharrt darauf, dass das Team mit dem Reifentest Mitte Mai klar gegen die Formel-1-Regeln verstoßen habe. Am 20. Juni herrscht Klarheit: Dann verhandelt das Internationale Tribunal den komplizierten Fall.

  • Red Bulls Motorsportchef Helmut Marko hält eine Bestrafung von Mercedes für notwendig. Foto: Jan Woitas

    Red Bulls Motorsportchef Helmut Marko hält eine Bestrafung von Mercedes für notwendig. Foto: Jan Woitas

Im hochpolitischen Streit um den Reifentest von Mercedes und Pirelli wird der Ton immer schriller. Red Bull erhöhte am Rande des Kanada-Rennens den Druck auf das Internationale Tribunal des Weltverbands FIA, das deutsche Formel-1-Werksteam hart zu bestrafen.

«Wenn dieser Test ohne Konsequenzen durchgewinkt wird, würden alle Verhandlungen über Kostenbegrenzung über Bord gehen. Das wäre die Öffnung von Pandoras Büchse, die wir dann kaum jemals wieder schließen könnten», sagte Red-Bull-Motorsportdirektor Helmut Marko in einem Interview der offiziellen Formel-1-Internetseite.

Das Team von Dreifach-Weltmeister Sebastian Vettel und Ferrari hatten gegen die Probefahrten von Rivale Mercedes Protest eingelegt und damit das FIA-Verfahren ausgelöst. Grund der Anzeige: Die Übungsrunden haben womöglich gegen das aus Kostengründen erlassene Verbot von Testfahrten während der Saison verstoßen. Mercedes sieht das völlig anders und ging in Montréal seinerseits in die Offensive. «Die meisten derjenigen, die am lautesten schreien, kennen die Fakten nicht», griff Mercedes-Motorsportchef Toto Wolff die Widersacher vor dem siebten Saisonlauf am Sonntag frontal an.

Niki Lauda, der Vorsitzende des Formel-1-Aufsichtsrats des deutschen Autobauers, schimpfte: «Red Bull ist ganz vorne mit dabei, Mercedes einen Strick zu drehen.» Red-Bull-Teamchef Christian Horner konterte kühl: «Nach unserer Interpretation war das ein klarer Bruch der Regeln und deshalb haben wir Protest eingelegt.»

In dem undurchsichtigen, teilweise widersprüchlichen Fall geht es um Politik, Macht, viel Geld und sportliche Vorteile. Für die Formel 1 und deren Image ist das ganze Gezerre indes eher schädlich. Auch in Montréal überlagerte der Reifenzoff das sportliche Geschehen.

In eineinhalb Wochen könnte «Testgate» zumindest juristisch zu den Akten gelegt werden. Am 20. Juni befasst sich das Internationale Tribunal in Paris mit dem Fall. Mercedes und Pirelli müssen sich vor dem neu geschaffenen FIA-Gremium rechtfertigen. Die anderen Teams hat die FIA zu Stellungnahmen aufgefordert.

Trotz aller kontroversen Interessen und Interpretationen über Vorteile und Legalität des dreitägigen Tests Mitte Mai sind sich Beschuldigte und Kläger in einem Punkt einig: Es sei gut, dass das Internationale Tribunal den delikaten Fall verhandelt. «Wir vertrauen dem Tribunal», erklärte Mercedes-Teamchef Ross Brawn. Horner versicherte: «Wir vertrauen darauf, dass die FIA die angemessenen Entscheidungen trifft.»

Ferrari-Kollege Stefano Domenicali ist davon überzeugt, dass das Tribunal den Fall klären werde: «Sie haben alle Grundlagen dafür.» Der Italiener ist fein raus. Die Scuderia testete zwar im April ebenfalls Pirelli-Reifen, aber mit einem 2011er-Modell. Damit liegt juristisch nichts gegen das Traditionsteam vor, auch wenn einige urteilen, Ferrari habe von den Fahrten trotzdem profitiert.

Die Mercedes-Verantwortlichen verteidigten zum wiederholten Mal ihren Test und versicherten, gegen keine sportlichen Gesetze verstoßen zu haben. RTL-Experte Lauda sagte: «Mercedes hat sich abgesichert und die Erlaubnis bekommen, mit dem 2013er Auto zu testen. Beim Tribunal wird sich zeigen, wer recht hat.» Er glaube, dass Mercedes «gute Argumente» habe.

Wolff plädierte dafür, die Entscheidung von Paris abzuwarten. «Dort werden wir die Fakten offenlegen», sagte der Österreicher. Wolff bestritt zudem den Vorwurf der Widersacher, Vorteile aus dem Test gewonnen zu haben: «Wir haben nichts gelernt, wir haben Pirelli unterstützt.» Dies ist offensichtlich die Verteidigungsstrategie der Sternfahrer. Teamchef Ross Brawn beteuerte mehrfach, dass es sich «um einen Pirelli-Test» gehandelt habe: «Es ist sehr wichtig, das zu beachten.» Zudem sei es ein privater und kein geheimer Test gewesen.

Was sich wie Wortklauberei anhört, könnte vor dem Gericht eines der entscheidenden Argumente sein. Das Reglement lässt Probefahrten mit aktuellen Rennwagen während der Saison eigentlich nicht zu. Der Dachverband stimmte Pirellis Wunsch aber unter der Maßgabe zu, dass auch andere Teams zu einem solchen Test eingeladen würden. Das mindestens drei Mitglieder umfassende Tribunal muss nun klären, ob der Test über insgesamt 1000 Kilometer mit einem aktuellen Silberpfeil und den beiden Stammpiloten Nico Rosberg und Lewis Hamilton regelkonform oder rechtswidrig war.

Pirelli hat in dem Rechtsstreit kaum etwas zu befürchten. Der Pneu-Produzent ist kein Wettbewerber und deshalb in einer anderen juristischen Position. Nur wenn der Reifen-Monopolist seinen Vertrag mit der FIA gebrochen hätte, könnten Konsequenzen folgen. Pirelli-Motorsportchef Paul Hembery sieht der Verhandlung gelassen entgegen und sagte: «Wir reden vor dem Tribunal über alles. Wir sind froh, dort unsere Position und Situation darstellen zu können.»

Autor
Elmar Dreher, dpa
ZUM ARTIKEL
  • Erstellt:
    9. Juni 2013, 12:17 Uhr
    Aktualisiert:
    17. Dezember 2013, 17:54 Uhr
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