Gruß aus Bochum: Blasmusik im Bürgerhaus

BOCHUM Die Gegend um den ehemaligen Süd- beziehungsweise Hauptbahnhof wies vor dem Zweiten Weltkrieg eine hohe Dichte an Wirtshäusern und Hotels auf, namentlich auf der Bahnhofstraße (ab 1929 Kortumstraße). Sie war in gewisser Weise ein früher Vorläufer des heutigen Bermudadreiecks.

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  • Der Gasthof zum Bürgerhaus auf einer Lithografie-Ansichtskarte aus der Zeit um 1900.

    Der Gasthof zum Bürgerhaus auf einer Lithografie-Ansichtskarte aus der Zeit um 1900. Repro HGN

  • Eine Innenansicht des Restaurants Ludger König von 1929, kurz vor der Umbennung der Bahnhofstraße.

    Eine Innenansicht des Restaurants Ludger König von 1929, kurz vor der Umbennung der Bahnhofstraße. Repro Sammlung Schlenstedt

  • Diese Karte ließ Otto Blum 1911 als Werbung für das Bürgerhaus drucken.

    Diese Karte ließ Otto Blum 1911 als Werbung für das Bürgerhaus drucken. Repro Dengler

  • Filmgenuss statt Musikerlebnis: An der Stelle des Bürgerhauses steht heute das Kino Casablanca.

    Filmgenuss statt Musikerlebnis: An der Stelle des Bürgerhauses steht heute das Kino Casablanca. Foto: Dengler

Unter den zahlreichen Gaststätten herrschte große Konkurrenz (s. Folge 58 unserer Serie im Internet), sodass viele versuchten, ihre Attraktivität durch spezielle Angebote wie Konzerte, Festivitäten und Theateraufführungen zu steigern. Unter ihnen zeichnete sich das „Bürgerhaus“ durch ein besonders reichhaltiges musikalisches Programm aus.

Exotische und kostümierte Ensembles

Im Januar 1900 gab der Wirt August Lueg die Eröffnung seiner „neuen, der Neuzeit entsprechend eingerichteten Restaurations-Räume im Gasthof zum Bürgerhaus“ an der Bahnhofstraße 32 bekannt. Damals reichte die Geschichte der Familie Lueg als Gastwirte bereits einige Jahrzehnte zurück, so hatte Wilhelm Lueg schon seit 1862 eine „Gast- und Schenkwirthschaft“ betrieben. Die farbige Postkarte des Bürgerhauses zeigt eine Außenansicht des Gebäudes mit neugotischen Schmuckformen und zwei Blicke in die Innenräume. Sie waren großzügig genug bemessen, um auch größere Veranstaltungen durchzuführen.

Schon bald machte das Bürgerhaus mit seinen regelmäßigen Konzerten von sich reden. Dabei waren exotische oder kostümierte Ensembles besonders beliebt, wie der Heimatforscher und Gaststätten-Experte Hans Joachim Kreppke in alten Zeitungsannoncen recherchiert hat. Häufig traten „Zigeuner“-Kapellen und Musiker aus dem Balkanraum auf. Auch andere Länder waren vertreten, so das „königl. Englische Knaben-Orchester The Imperial Boys“, „MacGregor’s Balmoral-Orchester“ mit „9 schönen Schottländerinnen“ oder das „First American Ladies-Orchestra“.

Damen-, Bauern- und Bläserkapellen

Letztere gehörten zu einer ganzen Reihe von „Damen-Kapellen“, die im Bürgerhaus auftraten, zum Beispiel das „I. Husaren-Damen-Trompeter-Corps in Gala-Uniform“ oder „H. Brandts Damen-Streich- und Blas-Orchester“. Einen weiteren Schwerpunkt bildeten „Bauern-Kapellen“ mit Volksmusik aus verschiedenen Regionen. Zwischen 1911 und 1918 pachtete Otto Blum das Bürgerhaus.

Er setzte die musikalische Tradition fort, unter anderem mit „Texas Jack und seiner originellen Indianer-Kapelle“ und der „Höllen-Kapelle (4 Teufel, 1 Engel)“. Ein nicht näher identifizierbares Bläser-Ensemble ziert auch die 1911 gelaufene Postkarte des Bürgerhauses, das selbst nicht abgebildet ist.

Wechselnde Pächter

Auf der Rückseite trägt die Karte den Hinweis „täglich Konzert“. Mit dem Ersten Weltkrieg gingen die musikalischen Unterhaltungsprogramme zurück, wurden auch später nicht mehr in alter Form aufgenommen. Seit 1919 hieß das Lokal „Gasthof Lueg“, und in den 1920er Jahren erlebte es wechselnde Pächter und Namen („Bierklause“). 1929 erwarb Ludger König das Gebäude und richtete dort ein neues Restaurant ein. Im selben Jahr änderte sich die Adresse durch die Umbenennung der Bahnhofstraße in Kortumstraße 11. Königs Restaurant existierte bis zum Zweiten Weltkrieg.
    
Nach ersten Kriegsschäden kam es im Oktober 1943 noch zur Renovierung und Wiedereröffnung, doch schon im Februar 1944 erfolgte die erneute Zerstörung. Nach dem Krieg wurde auf dem Grundstück ein Neubau mit einem Kino errichtet. Unter dem Namen „Intimes Theater“ war es seit 1956 über mehrere Jahrzehnte Teil der Bochumer Kinolandschaft, bis in den 1990er Jahren dort das „Casablanca“ einzog – ein mittlerweile traditionsreiches und mehrfach ausgezeichnetes Programmkino.

Die Gastwirtsfamilie Lueg

Insgesamt 67 Jahre lang trat die Familie Lueg in Bochum als Betreiber und Besitzer von Gaststätten in Erscheinung. Es begann im Juli 1862, als Wilhelm Lueg im „Haus Nr. 551“ die erste Gastwirtschaft eröffnete. Nach seinem Tod 1875 führten seine Witwe und sein Sohn Wilhelm das Lokal weiter. Beide verstarben im Jahr 1890, worauf August Lueg den Betrieb übernahm und 1900 das Bürgerhaus gründete. Er führte die Gastronomie bis 1911 und nochmals von 1919 bis 1921 selbst, dazwischen verpachtete er sie. Die Luegs blieben bis 1929 Besitzer der Gaststätte und des Hauses.
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