Opel: Der Niedergang von Werk II und die große Leere

BOCHUM Früher wurden hier Achsen und Motoren produziert, heute offenbart ein Rundgang durch das OpelWerk II in Langendreer vor allem eins: gähnende Leere und zigtausende ungenutzte Quadratmeter. Der außergewöhnliche Anblick ist kaum in Worte zu fassen. Vor allem beim Gedanken an die vielen Arbeitsplätze, die hier über Jahre verloren gegangen sind.

  • Die große Leere in Werk II - ein erschreckende Erfahrung.

    Die große Leere in Werk II - ein erschreckende Erfahrung. Foto: Aschwer

Es ist Donnerstag, der 13. Dezember 2012. Der erste Tag nach der endgültigen Absage der verschobenen Jubiläumsfeier. Der dritte Tag nach der GM-Ankündigung, in Bochum die Produktion 2016 endgültig auslaufen zu lassen. An Tor 10 läuft alles seinen gewohnten Gang. Professionell, routiniert, freundlich. Presseausweis vorzeigen, Besucherschein ausfüllen – und schon öffnet sich die Schranke. Bis zum Haupteingang sind es nur ein paar Meter. Ein flüchtiger Blick reicht. Vorzeigeobjekte eines großen internationalen Konzerns sehen sicher anders aus.

Fast vergessener Ort

Aber wer soll sich hierher verirren? Die Objektive von Presse und Fernsehen konzentrieren sich in der Regel auf Tor 1 am Werk I. Vielleicht noch auf Tor 4, wenn es eine quasi „halböffentliche“ Betriebsversammlung gibt. Hier an Tor 10 gab es nie die ganz großen Proteste, die emotional aufgeladenen Situationen, die verzweifelten Menschen, die die Öffentlichkeit gesucht haben, um für den Erhalt ihrer Arbeitsplätze zu kämpfen.

Mein Ansprechpartner, nennen wir ihn einfach Paul (Name von der Redaktion geändert), holt mich aus meinen Gedanken. Er kennt jede Ecke des riesigen Areals. Mit einem Zafira Tourer – womit auch sonst? – geht es los. Das riesige Tor öffnet sich erst mit einem kleinen Trick. Pakete über Pakete stapeln sich auf unzähligen Paletten. „Ersatzteile, die hier nur übergangsweise gelagert werden“, berichtet Paul. „Früher wurden in dieser Halle Motoren produziert.“

300 statt 3000

Wie lange das her ist, er will sich nicht auf das Jahr festlegen. Deutlich präziser ist die Antwort nach der früheren Mitarbeiterzahl. „Es waren mal mehr als 3000!“ Und heute? „Nur noch 300. In der Getriebeproduktion.“ Keine Rede davon, dass auch diese Jobs auf der Kippe stehen. Das Unternehmen hat die Einigungsstelle mit dem Ziel angerufen, die Produktion Ende 2013 einzustellen und alle Stellen abzubauen. Der Opelaner bittet aber beim Eintritt in diesen kleinen noch aktiven Bereich in Werk II um große Sensibilität. Nicht notwendig. Wer in die Gesichter der Mitarbeiter schaut, muss keine Fragen nach ihrem Befinden und ihren Sorgen stellen.


Die große Leere ist greifbar. Bei den einst so stolzen Opelanern. Und in der rund 1000 mal 400 Meter großen Halle sowieso. Mit Wehmut denken gerade in diesen schweren Tagen viele an bessere Zeiten. Als neben Getrieben und Motoren auch Achsen in Werk II produziert wurden. In riesiger Stückzahl. Zwei Millionen pro Jahr. Das hielt 800 Mitarbeiter in Lohn und Arbeit. Gut ein Jahrzehnt ist das her. Erst brach der Auftrag für das Werk in England weg, dann hatte der Opel-Stammsitz in Rüsselsheim keine Verwendung mehr für die Bochumer Achsen. Im Sommer 2011: das komplette Aus.

"Stimmung ist schlecht seit Montag"

Zigtausende Quadratmeter sind seitdem hier ungenutzt. „Optimal erschlossen, mit Gleisanschluss“, sagt ein nie klagender oder kritisierender Paul. Untypisch für das Ruhrgebiet mit seinen Menschen, die meist das Herz auf der Zunge tragen. Bei Paul sind es eher die leisen Zwischentöne. Beispielsweise beim Blick auf eine weitere Halle auf dem riesigen Werksgelände. In kurzen Sätzen erklärt er die Innenhochdruckumformung. Fachbegriff Hydroforming. In den 90er Jahren sei Opel Bochum bei dieser Art der Metallbearbeitung führend gewesen. Aber die Entwicklung ist weiter vorangeschritten. Der Konzern hat die Anlage nach China verkauft. Die Demontage steht an. Andere Dinge sind von der Öffentlichkeit weitgehend unbemerkt stillgelegt worden. Etwa die werkseigene Müllverbrennungsanlage.

Nach einer Stunde ist der Rundgang beendet. Ohne ein Wort über die Zukunft von Opel in Bochum, ohne Forderungen an die Politik in Bund und Land, ohne Kritik an der Konzernleitung. Nur ein einziges Mal ist das Innenleben ein wenig nach außen gekehrt worden. „Die Stimmung ist schlecht seit Montag“, sagt ein Mitarbeiter. „Seit Mittwoch noch schlechter“, ergänzt ein anderer. Es könnte noch schlimmer kommen für die Opelaner und die Stadt. Werk II ist die in Stein gemeißelte Warnung.
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