Krankenpflege mit Stechuhr: Ambulante Pfleger haben kaum Zeit für Patienten

BOCHUM Vier Minuten Medikation, zehn Minuten Verbandswechsel, fünf Minuten Fahrtzeit, vier bis fünf Patienten in der Stunde – häusliche Krankenpflege ist Akkordarbeit. Mittendrin: Markus Brüggestrath. Der 35-Jährige kennt als Pfleger die Kluft zwischen Kassenanforderungen und Realität.

  • Bei Margarete Dümler muss Markus Brüggestrath den Blutzucker messen, da sie fast blind ist.

    Bei Margarete Dümler muss Markus Brüggestrath den Blutzucker messen, da sie fast blind ist. Ritscher

Brüggestrath, von den Ambulanten Diensten, ist auf dem Weg zu Margarete Dümler. „Da habe ich Glück, im gleichen Haus wohnt eine weitere Patientin.“ Das spart die von der Kasse vorgegebenen fünf Minuten Fahrzeit. Zum Glück. „Oft ist man länger unterwegs. Schließlich finde ich auch nicht immer sofort einen Parkplatz. Im Winter sei es noch schlimmer. Zwischen den Schneewehen ist Parken noch schwieriger. „Und wenn da auf glatten Straßen nur Tempo 20 gefahren wird, passt es gar nicht mehr“, sagt der 35-Jährige und beeilt sich. Gerade schließt ein Bewohner die Haustür der Wohnanlage auf. Brüggestrath huscht mit durch. Wieder ein paar Sekunden gespart.

Spritze und Papierkram
 
Oben erwartet ihn schon Margarete Dümler. Eine kurze Begrüßung, und schon hat Brüggestrath das Messgerät in der Hand. Morgens und Abends muss bei der Patientin Blutzucker gemessen werden. Manchmal gibt es Insulin. „Wenn wir nur messen, dann zahlen die Kassen nichts“, sagt der Pfleger. Immerhin könnten die Patienten ja auch selbst messen. Für Margarete Dümler ein Problem. Sie ist fast blind. Eine Pflegestufe, die mehr Leistungen bedeuten würde, hat sie aber nicht.
 
Heute gibt’s eine Spritze. Und Papierkram. Wie bei jedem Patienten. „Der nimmt oft mehr Zeit in Anspruch, als die eigentliche Medigabe“, sagt Brüggestrath. Schließlich verlangen die Kassen eine genaue Dokumentierung von dem Besuch. Sei es das Wechseln der Nadel oder ihr setzen. Alles muss erfasst werden. „Was nicht in der Dokumentation steht, haben wir für die Kassen nicht gemacht“, so Brüggestrath. Und was nicht gemacht wurde, wird nicht bezahlt.

"Es muss immer schnell gehen"
 
Kaum hat er den Kuli aus der Hand gelegt, verabschiedet er sich auch schon bei seiner Patientin. „Es muss eben immer schnell gehen“, sagt auch Margarete Dümler. Sie kennt das Problem. Und ihren Pfleger. „Markus ist in Ordnung. Er hat wenig Zeit, aber er ist in Ordnung.“ Als nächstes geht es zu Ursula Becker. Die Fahrtzeit entfällt, aber an der Wohnungstür verliert der Mitarbeiter der ambulanten Dienste wertvolle Zeit. Die Patientin kann kaum stehen, ist auf den Rollstuhl angewiesen. Da dauert es, bis sie an der Tür ist. Außerdem ist auch Ursula Becker fast blind: „Ich kann keine Zeitung lesen und auch kein richtiges Buch.“ Oft sitzt sie den ganzen Tag in ihrem Rollstuhl, schaut aus dem Fenster. Viel sieht sie nicht, aber was soll sie tun? „Das ist eben alles, was ich noch habe.“
 
Deswegen ist jeder Besuch eines Pflegers für sie willkommene Abwechslung. Brüggestrath weiß: „Das Gespräch ist die häufigste pflegerische Handlung.“ Und doch muss es bei ihm Nebensache sein. Wieder wird Zucker gemessen, wieder Insulin gespritzt. Nebenher hört er sich an, was seine Patientin zu erzählen hat. Auch sie kennt die Probleme. „Die Pfleger haben nur wenig Zeit. Mal nimmt sich einer noch eine Minute nach der Medikation, liest vielleicht schnell noch einen Brief vor.“ Standard ist das nicht, oft aber nötig.

Abschiednehmen
 
Brüggestrath hat heute keine Zeit für ein paar Worte mehr. Tröstende Worte. Worte gegen Vereinsamung. Schnell geht es ins Auto zur nächsten Patientin. Während der Fahrt erzählt er. Neulich war er während seines Urlaubs auf der Beerdigung einer Patientin. Abschiednehmen muss manchmal sein. Auch bei vielen Kollegen. Erst recht, nach Jahren der Pflege. „Das war allerdings das erste Mal, dass ich während meines Urlaubs auf einer Beerdigung war.“ Sein Arbeitgeber ist kulant. Wenn jemand auf eine Beerdigung eines Patienten möchte, wird oft versucht, den Dienstplan umzustellen. Dann geht es an die Finanzen des Arbeitgebers. Wenn das nicht klappt, geht es an die Freizeit des Arbeitnehmers. Bei vielen Diensten ist das die Regel. Wer Abschied nehmen, den Tod verarbeiten muss, der soll das in der Freizeit tun. Zeit, die in keiner Dokumentation auftaucht.

Knapp kalkuliert
 
Bei Christel Baumann ist wieder Blutzuckermessen angesagt. Zur Grundpflege kam Brüggestrath bereits einige Stunden vorher. Auch die funktioniert nach Stechuhr. Zahnpflege darf fünf Minuten dauern, Ganzkörperwäsche 20 bis 25 Minuten, Stuhlgang drei bis sechs Minuten – Reinigung inklusive. Die Zeit kann kaum jemand einhalten. Auch zehn Minuten für Verbandswechsel sind oft knapp kalkuliert. Bei großen Wunden kann der mit Säuberung auch mal 45 Minuten dauern.
 
Trotz der Stakkato-Arbeit: Markus Brüggestrath macht sein Beruf Spaß. Aber eins fehlt ihm. Er hätte gerne mehr Zeit für seine Patienten. 
 
12.000 Bochumer werden laut Reinhard Quellmann von der Diakonie Ruhr im ambulanten Pflegesystem versorgt. Laut Sozialdezernentin Britta Anger sind 100:000 Einwohner Bochums über 60. 1700 Beschäftigte arbeiten in Bochum bei etwa 40 Pflegediensten. Fünf Minuten haben Pflegedienstmitarbeiter Zeit für Medikation – schreiben die Kassen vor. „In Krankenschulen wird allerdings gelehrt, dass acht Minuten zwischen den Tabletten liegen sollten“, sagt Iris Biernath, stellvertretende Leiterin der Ambulanten Dienste.
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