Gruß aus Bochum: Weihnachtspost aus Stiepel

BOCHUM Ein interessantes Dokument aus der frühen Nachkriegszeit ist eine Postkarte mit einer Grafik der Stiepeler Dorfkirche. Sie wurde vor 66 Jahren, am 23.12.1946 als Weihnachtsgruß verschickt. Das Motiv greift bewusst auf eine Zeit vor den verheerenden Zerstörungen des Zweiten Weltkriegs zurück.

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  • Als Weihnachtsgruß wurde diese Karte 1946 verschickt.

    Als Weihnachtsgruß wurde diese Karte 1946 verschickt. Repro: Dengler

  • Die Stiepeler Dorfkirche.

    Die Stiepeler Dorfkirche. Foto: Dengler

  • Die wertvollen mittelalterlichen Wandmalereien waren 1946 noch weiß übertüncht.

    Die wertvollen mittelalterlichen Wandmalereien waren 1946 noch weiß übertüncht. Foto: Dengler

Die Ansichtskarte gehört zu den frühesten nach dem Krieg überhaupt. Damals erschien auf dünnem Karton eine Serie von einfarbigen Druckgrafiken mit Bochumer Motiven und Stadtwappen. Sie zeigten Ansichten aus der Vorkriegszeit, wie zum Beispiel die Kleine Beckstraße (siehe Folge 89 unserer Serie). Mit der Unterschrift „Alter Winkel in Bochum“ und einer Ordensschwester im Bild wird eine idealisierte „gute alte Zeit“ heraufbeschworen, die sogar bis vor die Industrialisierung zurückreicht.

In Wirklichkeit lag die Kleine Beckstraße in Trümmern, und die alten Häuser waren für immer verloren. Im Gegensatz dazu war die Dorfkirche in Stiepel unversehrt, doch selbst bei ihrer Darstellung wurde nicht auf eine historisierende, romantische Staffage verzichtet, denn im Vordergrund ist eine Frau mit Kind im Biedermeier-Kostüm platziert.

Bedeutendes Denkmal

Die Kirche ist eines der ältesten und bedeutendsten Baudenkmale Bochums. Auch wenn eine Urkunde, die ihre Gründung auf das Jahr 1008 datiert, heute als Fälschung angesehen wird, konnten mehrere Ausgrabungen nachweisen, dass der erste Kirchenbau tatsächlich um 1000 entstanden ist. Diese Saalkirche, von der kein oberirdisches Mauerwerk erhalten ist, war deutlich kleiner als das jetzige Gebäude. Mit 5,60 Meter Breite hätte sie in das heutige Mittelschiff gepasst, und sie war drei Meter kürzer.
    
Die ältesten sichtbaren Teile der Dorfkirche stammen aus der Zeit zwischen 1130 und 1170, als ein romanischer Neubau errichtet wurde. Von der dreischiffigen Basilika mit Querhaus, Kreuzgratgewölben und runden Nebenchören sind noch große Teile erhalten. Auch der Kirchturm – ursprünglich wohl als Wehrturm nutzbar – wird in diese Bauphase datiert.

Er ist im letzten Viertel des 15. Jahrhunderts erhöht worden, als die Basilika zu einer gotischen Hallenkirche mit neuem Chor umgebaut wurde, unter anderem erkennbar an den Spitzbogenfenstern und Kreuzrippengewölben. Damit hatte die Dorfkirche die Ausmaße und äußere Gestalt erreicht wie auf der Postkarte abgebildet.

Wandmalereien

Ihre wertvollsten Kunstwerke, die mittelalterlichen Wandmalereien, waren 1946 allerdings noch weitgehend unbekannt. Es handelt sich dabei um Werke des 12. bis 16. Jahrhunderts mit umfangreichem Bild- und Dekorationsprogramm. Nach dem Übertritt der Gemeinde zur Reformation entsprachen sie nicht mehr den liturgischen Bedürfnissen. So wurden die Malereien 1698 weiß übertüncht und gerieten in Vergessenheit. Erst 1952 wurden sie wieder aufgedeckt, allerdings geschah dies nur unvollständig.

Außerdem erfolgte eine unprofessionelle Übermalung und Ergänzung, weshalb 1963-65 eine umfangreiche Nachrestaurierung nötig war. Nun wurden die Gemälde vollständig freigelegt und in ihrem Originalbefund gesichert, die Zutaten von 1952 wieder entfernt. Die jüngste Konservierung der Malereien fand 2002 statt.

Symbol für Hoffnung

Auch ohne Kenntnis des kunsthistorischen Wertes der Kirche war das Kartenmotiv 1946 sicherlich eine gute Wahl für Weihnachtsgrüße. In der bitteren Not nach dem Krieg hätte eine Ansicht der Kleinen Beckstraße vielleicht Wehmut über das entstellte Gesicht der Stadt ausgelöst. Dagegen konnte die Stiepeler Dorfkirche als Symbol dafür dienen, dass nicht alles restlos verloren war.
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