Experte im Interview: Weihnachtsstress gefährdet die Gesundheit

DORTMUND Voll, hektisch, Weihnachtszeit. Alle wünschen sich Besinnlichkeit, und das Gegenteil ist der Fall. Das nervt. Alle Jahre wieder. Ungesunder Jahresendzeitstress. Wir sprachen mit Psychiater Hans-Joachim Thimm darüber, Erster Oberarzt an der LWL-Klinik, Allgemeine Psychiatrie I.

  • Einkaufsstraße Westenhellweg: Vor Weihnachten herrscht erhöhter Stressalarm.

    Einkaufsstraße Westenhellweg: Vor Weihnachten herrscht erhöhter Stressalarm. Foto: Dieter Menne

Hallo Herr Thimm, warum sind diese Wochen exakt das Gegenteil von dem, was sie sein sollten?
Hans-Joachim Thimm: Im Berufsleben wird es oft hektisch, Jahresabschlüsse, Inventuren, man will/muss den Auftrag noch in diesem Jahr erledigen, und und und. Das führt zu Stress am Arbeitsplatz. Die Zahl der Weihnachtsfeiern steigt, ob Chor, ob Kegelverein, Arbeitskollegen oder Nachbarn – alle laden zur besinnlichen Feier. Wer alle Einladungen wahrnimmt, kommt unter Zeitdruck, hat noch weniger Zeit, sich zu regenerieren. Der Stresspegel steigt nach oben.
 
Wie sehen Sie diese Zeit?
Hans-Joachim Thimm: Vor dem Fest der Ruhe und Besinnlichkeit liegt eine Zeit von Besinnungslosigkeit und Stress. Wir erhöhen im Advent sukzessive unsere Geschwindigkeit und bremsen zu Weihnachten bei 180 km/h abrupt ab. Danach wundern wir uns, dass bei dieser brachialen Vollbremsung kein Wohlgefühl aufkommt.
 
Dafür sind doch vorher die Weihnachtsmärkte da. Schön heimelig und so...
Hans-Joachim Thimm: Sie laden zum beschaulichen Bummel und sind dabei hoffnungslos überfüllt. Verweilen? Fehlanzeige. Wir werden durch die Budengassen geschoben und können nicht das tun, was wir wollen – in Ruhe verweilen. Wenn wir auf diese Weise gezwungen werden, etwas zu tun, was wir nicht wollen, geraten wir – Sie ahnen es – in Stress.
 
Und in Ruhe einkaufen?
Hans-Joachim Thimm: Weihnachtseinkäufe sind zusätzliche Aufgaben, die neben dem Alltagsgeschäft zu erledigen sind. Bei völliger Reizüberflutung, Lichter, Massen an Waren, Menschenaufläufe, dazu in vielen Geschäften dieses Weihnachtsgedudel. Es fällt uns schwer, Wichtiges von Unwichtigem zu unterscheiden. Wir geraten wieder in Stress.
 
Aber Geschenke sind doch Zeichen der Liebe...
Hans-Joachim Thimm: Stimmt. Aber oft hat es den Eindruck, dass wir schenken statt zu lieben. Geschenke werden oft in letzter Minute gekauft. Zuletzt gilt: Hauptsache irgendetwas schenken.
 
Für viele geht der Stress an Festtagen weiter.
Hans-Joachim Thimm: Weihnachten erzeugt Nähe, die wir möglicherweise nicht wollen. Konventionen und Regeln zwingen uns mitunter, das Fest mit Menschen zu verbringen, die wir ansonsten selten sehen. Pflichtbesuche, oft dicht gedrängt, sind ein freudloser Akt. Konflikte, die das Jahr über verdrängt werden, in der harmoniegeschwängerten Zeit zu lösen, das kann nicht funktionieren.
 
Was passiert bei dem ganzen Stress?
Hans-Joachim Thimm: Er macht krank, wenn er länger anhält. Im Stress gerät das Hormon Cortisol in höherer Dosis in den Blutkreislauf. Cortisol soll bewirken, den Körper kurzzeitig in eine Flucht- oder Kampfsituation zu bringen. Das Herz schlägt schneller, der Blutdruck steigt, die Hirnleistung wird verbessert, die periphere Durchblutung maximiert, der Verdauungstrakt in seiner Aktivität reduziert. Das alles führt kurzfristig an unsere Leistungsreserven. Stress darf aber nicht chronisch werden. Gelingt es uns nicht, Entspannung zu finden, reagiert der Organismus mit reduzierter Immunabwehr. Der Blutdruck steigt dauerhaft, der Blutzuckerspiegel schwankt, Bauchfett wird vermehrt angelagert und erhöht das Risiko für Schlaganfälle oder Herzinfarkte. Langfristig kann chronischer Stress zur seelischen Überlastung und auch zur Depression führen.
 
Also lernen, auch mal „nein“ zu sagen in der Vorweihnachtszeit?
Hans-Joachim Thimm: Weniger ist mehr. Das gilt für gut überlegte, rechtzeitig eingekaufte Geschenke, für Einladungen und fürs Essen. Mehr Zeit für sich nehmen, bei einem ausgedehnten Spaziergang Ruhe aufnehmen oder ein paar Stunden mit einem Buch verbringen. Die Formel heißt: Sich selber achtsamer wahrnehmen.
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