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Raffinierter Schwindel: Das 20-Millionen-Euro-Callgirl

MARL Hätte der Coup geklappt, „Sunny“ wäre ganz sicher eines der reichsten Callgirls der Welt gewesen. Das Geld, 20 Millionen Euro in bar, lag bereits abholbereit auf dem Konto der 27-jährigen Frau bei der Volksbank Marl. Doch der von langer Hand eingestielte Deal platzte im allerletzten Moment.

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    Bereits mit 15 Jahren rutschte sie ins Prostitutionsmilieu ab: Mit dem Prozess will ?Sunny?, wie sie sich heute selbst nennt, einen Schlussstrich unter ihr bisheriges Leben ziehen. Torsten Janfeld

Statt auf einer sonnigen Insel das süße Leben zu genießen, muss sich die hübsche Marlerin demnächst vor einem Gericht in Bremen verantworten – in einem Fall, der Kriminalgeschichte schreiben könnte.

Mit „Sunny“, wie sich die 27-Jährige selbst nennt, werden vier weitere Beschuldigte auf der Anklagebank sitzen, darunter auch ein 50 Jahre alter freier Handelsvertreter aus Waltrop, der zuletzt für zwei Firmen Fleisch- und Wurstlieferungen nach Vietnam organisierte.

Fast ein Jahr lang hat die Staatsanwaltschaft Bremen gegen die fünf Angeklagten und weitere, bisher noch unbekannte Tatverdächtige ermittelt. Die Tätergruppe wollte mit einem ausgeklügelten Plan das Bankkonto eines milliardenschweren Fleischhandel-Unternehmers um 20 Millionen Euro erleichtern. Eine zentrale Rolle soll dabei der Mitarbeiter einer Bremer Bank gespielt haben. Auch er sitzt auf der Anklagebank.
 

Gefälschte Papiere


Vier der fünf Angeklagten haben sich bereits geständig eingelassen. Auch „Sunny“ hat reinen Tisch gemacht. Die 27-jährige Marlerin, die schon in jungen Jahren ins Prostituiertenmilieu abrutschte und zuletzt im Begleitservice tätig war, geriet über einen ihrer reichen Stammkunden in die fast schon unglaubliche Betrugsgeschichte.

Es ist der 11. Oktober 2015, als der 70-jährige Freier die Marlerin fragt, ob sie nicht Lust habe, Millionen zu verdienen. Die junge Frau überlegt eine halbe Nacht lang – und macht mit. Bis es mit dem Deal endlich losgeht, vergeht fast ein Jahr. Ausgestattet mit gefälschten Papieren und Vollmachten, erscheint die Marlerin am 7. Oktober 2016 in der Volksbank-Filiale im Marler Stern, um den minutiös ausgetüftelten Transfer der 20 Millionen Euro auf ihr Konto vorzubereiten.
 

Fischzucht in Vietnam


Begleitet wird sie von ihrem 70-jährigen Freier und einem eigens engagierten, bisher noch nicht identifizierten Schauspieler, der den schwerreichen Fleischhandel-Unternehmer mimt. Dieser gibt in der Volksbank großspurig vor, dass er der Marlerin den Aufbau einer exklusiven Fischzucht in Vietnam finanzieren werde.
Am 17. Oktober 2016 beantragt ein noch nicht ermittelter Mittäter aus einem Hotel in Hamburg per Telefax und mit gefälschten Unterlagen bei der Bremer Bank die Überweisung der 20 Millionen Euro vom Konto des Unternehmers auf das Konto des Callgirls bei der Volksbank Marl.
 

Kleine Panne


Dann gibt es eine kleine Panne: Im Vertrauen auf die Echtheit der Unterlagen überweist die Bremer Bank wegen eines Lesefehlers zunächst nur 20 000 Euro. Der Fehler wird nassforsch angemahnt und korrigiert: Kurz darauf wird auch der restliche Betrag – 19,98 Millionen Euro – auf das Marler Konto überwiesen – und gutgeschrieben.

Einen Tag später erscheinen „Sunny“ und ihr 70-jähriger Freier in der Volksbank-Filiale im Marler Stern, um mit zwei Mitarbeiterinnen der Bank die geplanten Auszahlungsmodalitäten zu besprechen: Neun Millionen Euro sollen für den Aufbau der besagten Fischzucht nach Vietnam überwiesen werden. Dazu präsentieren das Marler Callgirl und ihr Begleiter den Bankmitarbeiterinnen einen professionell auf Hochglanzpapier gedruckten, 20-seitigen Geschäftsplan für die exklusive Fischzucht in Vietnam. Zehn Millionen Euro sollen in bar ausgezahlt werden, eine Million Euro soll auf dem Konto verbleiben.
 

Geld zurückgebucht


Obwohl die Bremer Bank keine Bedenken gegen den Geldtransfer erhoben hat, wittert die Volksbank Ungemach. Sie bucht den gesamten Betrag in Höhe von 20 Millionen Euro noch am selben Tag auf das alte Geld-Management-Konto des betrogenen Fleischhandel-Unternehmers zurück. Kurz darauf werden die ersten Tatverdächtigen von der Polizei verhaftet.

Auf Anraten ihres Verteidigers Burkhard Benecken hat „Sunny“ ihre Tatbeteiligung schon bei ihrer ersten, achtstündigen Vernehmung beim Haftrichter in Bremen eingestanden. „Wir hoffen auf ein mildes Urteil, das meiner Mandantin die Chance gibt, ihr Leben komplett neu aufzustellen“, sagt Burkhard Benecken auf Nachfrage der Redaktion.

Das ist auch „Sunnys“ großer Wunsch: „Am liebsten würde ich mich, wenn alles vorbei ist, mit einem Brautmodengeschäft selbstständig machen.“
 
Die Staatsanwaltschaft Bremen hat beantragt, das Verfahren vor dem Schöffengericht in Bremen zu eröffnen. Der Anklagevorwurf lautet gegen alle fünf Angeklagten auf Betrug und Urkundenfälschung.
Autor
Klaus Wilker
ZUM ARTIKEL
  • Erstellt:
    14. September 2017, 19:07 Uhr
    Aktualisiert:
    24. September 2017, 03:33 Uhr
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