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Dr. Reinhard Rauball ist mit Borussia Dortmund durch alle Extreme gegangen. Der Präsident hat gelenkt, gerettet, gefeiert, gelitten. Für die neue Saison setzt er große Hoffnungen in die neuen Leute an Bord des BVB.

Dortmund

, 24.08.2018 / Lesedauer: 5 min

Wie lange er noch BVB-Präsident bleiben will? Auf diese Frage mag Reinhard Rauball keine Antwort geben. „Ich bevorzuge es, die aktuelle Arbeit zu erledigen, anstatt mir große Gedanken über die ferne Zukunft zu machen“, sagt der 71-Jährige und lächelt. Rauballs Energie für Schwarzgelb hat sich offenbar nicht abgenutzt, auch nicht durch bald 24 Jahre im Amt des Klub-Präsidenten. Im großen Exklusiv-Interview blickt Rauball zurück auf die alte und voraus auf die neue Spielzeit, auf neue Impulse, Disziplin und wütende Fans.


Borussia Dortmund hat sich für die Champions League qualifiziert. Das war die Vorgabe des Klubs - darf man also sagen: Alles gut?

Man darf sagen: Das Saisonziel ist erreicht worden. Man muss aber auch sehen, wie es erreicht worden ist. Nämlich am letzten Spieltag, in den letzten Minuten. Man kann Hannover 96 gar nicht dankbar genug sein, dass es sich in Leverkusen sportlich so gewehrt hat, dass wir am Ende mit einem um drei Treffer besseren Torverhältnis gegenüber Leverkusen Platz vier erreicht haben. Die Art, wie wir das Saisonziel erreicht haben, war nicht so, wie wir uns das vorgestellt haben.


Warum hat Ihnen die vorige Saison Bauchschmerzen bereitet?

Die Saison war sehr schwierig, wenn ich an die Kaderbesetzung denke. Das Thema Dembele und Aubameyang hat für viel Unruhe gesorgt, es gab zudem nicht wenige Verletzungen, die uns Qualität gekostet haben. Und dass wir in der Gruppenphase der Champions League gegen im Grunde alle Gegner schlecht aussahen, hatte beim BVB auch keiner erwartet.


Was muss der BVB aus solch einer Saison lernen?

Er muss sich auf seine Stärken besinnen. Er muss von der ersten Minute an zu 100 Prozent da sein und auch in den Partien gegen schwächere Mannschaften alles geben. Oder dann, wenn es spielerisch nicht gut läuft. Der BVB darf kein Team unterschätzen, denn auch die anderen Bundesligisten haben personell und taktisch aufgerüstet.


Von vielen Fans kamen Kritik, Pfiffe, Wut. Muss die Mannschaft verspielten Kredit zurückgewinnen?

Sie muss nicht bei Null anfangen, so sehr ist das Verhältnis sicher nicht zerrüttet. Aber die Mannschaft muss solche Signale wahrnehmen und sie verarbeiten. Und zwar in Geschlossenheit. Die jetzige Saisonvorbereitung und die Art und Weise, wie sie sich da den Fans geöffnet hat, war ein guter Anfang. Der Kontakt der Mannschaft zu den Fans muss nachhaltig sein.


Die Identifikation mit dem BVB und seinen Werten, das hatten Spieler wie Aubameyang oder Dembele offenbar nicht verstanden. Muss der BVB in dieser Hinsicht stärker auf seine Spieler einwirken?

Identifikation als Fußball-Begriff aus den früheren Jahren kann man nicht mehr gleichsetzen mit Identifikation in der heutigen Zeit. Die Welt verändert sich rasant, dazu zählt auch, dass die Spieler globaler aufgestellt sind. Das kann man ihnen nicht übel nehmen, bestimmte Verhaltensweisen sind in die Nähe zur Normalität gekommen. Damit meine ich nicht die Ablösesummen, aber zum Beispiel den Fakt, dass Spieler heute viel früher bereit sind, den Weg ins Ausland zu gehen. Auch zum BVB sind ganz junge Spieler gekommen wie Sancho oder Zagadou und haben ihre Vereine verlassen.

BVB-Präsident Rauball über Favre, Kehl und die Kritik an der Mannschaft

Zusammenarbeit in neuer Konstellation: Dr. Reinhard Rauball (r.) und Sebastian Kehl. © imago

Neu an Bord ist Sebastian Kehl als Leiter der Lizenzspielerabteilung. In Zusammenhang mit seiner Aufgabe ist stets von Regeln und Disziplin die Rede. Heißt das, dass es vorher Schlendrian im Team gab?

Wenn man Ordnungsfanatiker ist, dann muss man diese Frage mit „Ja“ beantworten. Wenn man weiß, wie eine Saison läuft, sage ich: Manches von dem, was an Disziplin eingefordert wird, darüber kann man hinwegsehen. Aber Ausreißer müssen in Häufigkeit und Intensität ganz unten angesiedelt sein.


Was versprechen Sie sich von Sebastian Kehl?

Schon als Spieler für den BVB war er herausragend. Und mir hat imponiert, wie er nach seiner aktiven Laufbahn die Zeit genutzt hat, sich selbst zu qualifizieren durch Teilnahme an Lehrgängen, durch Praktika bei Verbänden und Vereinen, er hat einen sehr guten Einblick bekommen ins Konstrukt Bundesliga. Ich verspreche mir eine Menge von ihm. Dass er seine Erfahrung und neue Impulse in die Mannschaft reinwirken lässt. Er wird dem BVB guttun.


Neu ist auch Cheftrainer Lucien Favre. Wie erleben Sie ihn in den ersten Wochen?

Persönlich ist er sehr angenehm, hochintelligent. Er hat eine eigene Meinung, vertritt diese auch gut, er diskutiert sachlich und intensiv mit unserer sportlichen Führung. Wir haben in Lucien Favre jemanden, der in der Lage ist, mit schwierigen Situationen so umzugehen, dass er sie beseitigt oder diese Situationen gar nicht erst entstehen. Er arbeitet so akribisch, wie man sich das kaum vorstellen kann. Er investiert enorm viel Zeit in die Vorbereitung jedes Trainings, auf jedes Spiel. Ich bin gespannt, wie sich das dann mittelfristig in Erfolgen umsetzt. Denn es ist ja nicht einfach, mit einem so großen Kader klarzukommen.


Marco Reus ist der neue Kapitän des BVB. Warum ist er die richtige Wahl?

Die sportliche Führung wird genau beobachtet haben, wer die wichtigsten Wortbeiträge in der Kabine liefert. Nicht die lautesten, sondern die wichtigsten. Und wer einen guten Einfluss auf die Mannschaft hat. Ich halte Marco Reus für eine sehr gute Wahl.


Es sieht derzeit so aus, dass die jungen Abdou Diallo (22 Jahre) und Manuel Akanji (23 Jahre) das Abwehrzentrum des BVB bilden werden. Birgt das ein Risiko?

Überhaupt nicht. Wenn ich zurückdenke an die Zeit, als die jungen Mats Hummels und Neven Subotic zusammen in der der BVB-Abwehr standen und mir vor Augen führe, welch starke Leistungen sie gezeigt haben, dann muss man sagen: Wenn die Qualität da ist, spielt das Alter keine Rolle.

BVB-Präsident Rauball über Favre, Kehl und die Kritik an der Mannschaft

Rauball hofft nach zwei turbulenten Jahren auf eine ruhige Spielzeit 2018/19. © Kirchner

Aubameyang spielt jetzt bei Arsenal, Batshuayi in Valencia. Wie groß ist Ihre Sorge, dass dem BVB im Saisonverlauf ein echter Torjäger fehlen wird?

Auf dem derzeitigen Transfermarkt wäre einer der wenigen Torjäger, die Weltklasse-Format besitzen, nur für einen sehr hohen zweistelligen Millionenbetrag zu bekommen. Einen Torjäger nur aus Aktionismus zu kaufen, wäre Unsinn, er muss zur Mannschaft, zur Spielweise passen. Unsere sportliche Führung beobachtet und scoutet sehr gut und weiß genau, was sie tut.


Für wie groß halten Sie die Chance, dass nach zwei turbulenten Spielzeiten jetzt eine ruhige Saison kommt?

Die Rahmenbedingungen dafür sind gut. Der Trainer passt, wir haben Spieler mit Qualität dazu bekommen. Die Startvoraussetzungen sind gut, um erfolgreich zu sein. Das wären wir, wenn wir wieder in die Champions League einziehen. Aber natürlich benötigen wir alle am Anfang ein wenig Geduld.


Warum landet der BVB in der Liga vor Schalke?

Vorhersagen haben den Nachteil, dass sie sich auf die Zukunft beziehen, davor habe ich Respekt. Ich schaue deshalb nur auf den BVB und wünsche mir, dass wir unsere Arbeit gut machen, unseren Fußball verbessern und unsere Ziele erreichen. Und dann schauen wir, was die anderen geschafft haben.

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