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Gerald Baars ist neuer Mediator des Ältestenrates, der sich im Januar konstituiert. Er verfolgt ein ehrgeiziges Ziel. Was wird das sein? Darüber sprachen wir mit dem Castroper im Interview.

Castrop-Rauxel

, 06.12.2018 / Lesedauer: 5 min

Sie sind vergangene Woche im Rat einstimmig zum Mediator, sprich zum künftigen Vorsitzenden des Ältestenrates gewählt worden. Glückwunsch! Wie kam es dazu?

Ich habe mich dazu bereit erklärt, als ich gefragt wurde.

Wer hat Sie gefragt?

Bürgermeister Rajko Kravanja.

Sie haben nicht gleich zugestimmt, war zu hören. Stimmt das?

Ich habe gesagt, dass ich das nur mache, wenn alle Parteien mir als Person in diesem Amt vertrauen. Die haben sich dann wohl interfraktionell vorberaten, und ich habe mich im Hauptausschuss zwei Tage vor dem Rat im nichtöffentlichen Teil erstmals vorgestellt und mich für das einstimmige Vertrauen bedankt.

Ein neues Amt, eine neue Aufgabe. Warum machen Sie das?

Ich habe mich bereit erklärt, weil ich mir Sorgen um unsere Demokratie und die Gesellschaft mache. Ich sehe eine immer größere Entfremdung der Bürger von der Politik und den Parteien, aber auch von den Medien. Ich glaube, man muss politische Prozesse transparenter und für die Bürger erfahrbar machen, und sich mit den Parteien über den Entscheidungsweg strittiger Themen verständigen. Das genau wird ja meine Rolle sein: Wie kann man einen inhaltlichen Streit über eine Sache so führen, dass dieser Streit über die Positionen für die Bürger nachvollziehbar ist und nicht als Gezänk zwischen „denen da oben“ rüberkommt?

Gerald Baars: „Weil ich mir Sorgen um unsere Demokratie und die Gesellschaft mache“

„Ich denke manchmal: Könnte man dies oder das vonseiten der Politik oder der Verwaltung nicht einfacher und verständlicher erklären?“ © Tobias Weckenbrock

Sehen Sie dazu denn konkreten Anlass in Castrop-Rauxel?

Das sehe ich erst einmal ganz grundsätzlich: Die Vorstellung „die da oben machen eh, was sie wollen und machen sich die Taschen auch noch voll“ trifft bei Kommunalpolitikern ja nun mal gar nicht zu. Sie arbeiten ehrenamtlich unter großem Zeitaufwand. Sie machen auch mal Fehler, keine Frage – aber Fehler machen alle mal. Und sie dann in diese Schublade zu packen, ist nicht okay.

Geht das denn? Der Anspruch ist ja ein ehrgeiziger…

Man kann dieses Gefühl bei den Menschen mindern, indem man sich im Ältestenrat darauf verständigt, wie man die Diskussion transparent führt. Ich werde versuchen, ein Anwalt der Bürger zu sein, und die Parteien darauf hinweisen, dass sie an die Bürger denken müssen und daran, dass sie die Entscheidungen nachvollziehen können.

Zur Person

Gerald Baars

Gerald Baars: „Weil ich mir Sorgen um unsere Demokratie und die Gesellschaft mache“

Gerald Baars, neuer Mediator im Ältestenrat der Stadt Castrop-Rauxel © Tobias Weckenbrock

  • Gerald Baars ist unverdächtig, sich einer Partei zugehörig zu fühlen. Er arbeitet seit über 40 Jahren als Journalist für den Westdeutschen Rundfunk, derzeit als Leiter des Landesstudios an der Ardeystraße in Dortmund.
  • Er wohnt mit seinem Mann Hans-Joachim Schmale-Baars, der das Hotel und Café Residenz betreibt, in Castrop.
  • Baars, geboren in Wolfenbüttel, studierte Raumplanung in Dortmund, absolvierte ein Volontariat bei der Fernsehsendung „Hier und Heute“, wurde Redakteur und verantwortete 1995 als Wellenchef den Start des Radiosenders „Eins Live“, die erfolgreichste Welle des WDR-Hörfunks.
  • 2000 wurde er Leiter desARD-Auslandsstudios New York und erlebte dort die Anschläge vom 11. September 2001.
  • 2006 wurde er Leiter des Dortmunder WDR-Studios.
  • 1988 gewann er den Grimme-Preis für ein deutsch-sowjetisches Projekt zwischen Dortmund und Rostow am Don mit dem Titel „Jugend im Gespräch“.
  • Ende Dezember geht Baars in den Ruhestand.

Dann noch mal anders gefragt: Haben Sie denn den Eindruck, dass es in Castrop-Rauxel intransparent zugeht?

Ich bin ja nicht aktiv auf den Rat oder den Bürgermeister zugegangen , weil ich glaube, dass es hier so zugeht. Aber ich bin ein aufmerksamer Leser Ihrer Zeitung, verfolge auch die Diskussionen in der Facebook-Gruppe „Du bist Castroper, wenn…“ mit ihren 20.000 Mitgliedern. Und da denke ich manchmal: Könnte man dies oder das vonseiten der Politik oder der Verwaltung nicht einfacher und verständlicher erklären? Als jemand, der 42 Jahre im Mediengeschäft tätig ist, sich also in Sachen Kommunikation ein bisschen auskennt, und parteipolitisch Abstand wahrt, kann ich vielleicht als über den Parteien Stehender Einfluss geltend machen. Meine Devise lautet dann: Lasst uns überlegen, wie wir den Prozess der Diskussion führen, damit die Bürger die Standpunkte besser verstehen und das Agieren nicht als parteitaktisches Geplänkel interpretieren.

Lässt sich das mit Ihrem Job beim WDR in Dortmund vereinbaren?

Nein. Der Bürgermeister ist auf mich zugekommen, weil er wusste, dass ich Ende Dezember als Studioleiter in Ruhestand gehe. Ich hätte diese Aufgabe im Berufsleben niemals angenommen. Als Journalist muss ich Abstand wahren. Das ist jetzt abgeschlossen, nun kann ich etwas Neues machen.

Wie oft wird man denn im Ältestenrat zusammentreten?

Es gibt eine Geschäftsordnung. Über Sitzungsplan und Tagesordnung werden wir uns verständigen. Die erste Sitzung soll voraussichtlich im Januar stattfinden, der Termin steht aber noch nicht fest. Im Dezember wollten wir das nicht mehr übers Knie brechen. Vielleicht kann man sich eine Stunde vor einer Ratssitzung treffen; vielleicht auch an anderen Terminen zweimal im Jahr. Das müssen wir sehen, inwieweit Gesprächs- und Handlungsbedarf besteht.

Weiß man schon, worum es genau gehen wird?

Es wird eine klare Tagesordnung für jede Sitzung geben. Das Regelwerk wird in der ersten Sitzung festgelegt. In der Satzung sind schon die Aufgaben des Ältestenrates beschrieben, das ist aber noch trockene Theorie. Im Gespräch mit allen Fraktionen werden wir es mit Inhalten füllen. Ich werde die Sitzungen dann leiten.

Welche Fragen werden Sie denn besprechen?

Es gibt immer wieder prozedurale Fragen nach Abläufen und Personalien in Politik und Verwaltung.

Entsteht durch so ein Gremium nicht eher noch weniger Transparenz, weil Sie im stillen Kämmerlein möglicherweise Streits und fruchtbare Debatten im Vorfeld unterbinden?

Nein, ganz und gar nicht. Wir werden besprechen, was unter den Nägeln brennt. Und wie wir Auseinandersetzungen über unterschiedliche Positionen verständlich und nachvollziehbar führen. Es ist gut, wenn man das im Ältestenrat abstimmt.

Gerald Baars: „Weil ich mir Sorgen um unsere Demokratie und die Gesellschaft mache“

© Tobias Weckenbrock

Hört sich ein bisschen so an wie die interfraktionellen Runden, die es ab und zu zu einzelnen Themen gibt.

Stimmt. Aber wir wollen ihnen auf diese Art und Weise eine Form geben. Die interfraktionellen Runden haben ja informellen Charakter, darum werden sie manchmal misstrauisch beäugt. Sie haben eine Funktion, Prozesse pragmatisch anzugehen und zu beschleunigen, klar. Sie sind aber oft von Vorurteilen begleitet im Sinne von: „Was mauscheln die Politiker da hinter den Türen?“ Das ist im Ältestenrat formeller, mit Protokoll und allem, was dazu gehört. Es sind auch immer die Fraktionsvorsitzenden aller Fraktionen oder ihre Stellvertreter dabei. Es kann also nicht vorkommen, dass eine Fraktion sich ausgeschlossen fühlt. In den Ältestenrat gehören sicher auch Themen, die zurzeit noch in interfraktionellen Runden besprochen werden.

Mediator, also neutrale Instanz: Freuen Sie sich auf diesen Job im Castrop-Rauxeler Politikgeschehen?

Ach, ich habe schon so viele andere Aufgaben als Leiter der Deutsch-Amerikanischen Gesellschaft NRW, als Büromitarbeiter im Café Residenz meines Mannes. Ich habe auch Pläne, das eine oder andere Buch zu schreiben. Da kann ich auch diese ehrenamtliche Aufgabe noch übernehmen als kleinen Beitrag zur Stärkung unserer demokratischen Strukturen. Dann wird das Rentnerleben nicht langweilig.

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