Diese Website verwendet Cookies. Cookies gewährleisten den vollen Funktionsumfang unseres Angebots, ermöglichen die Personalisierung von Inhalten und können für die Ausspielung von Werbung oder zu Analysezwecken gesetzt werden. Lesen Sie auch unsere Datenschutz-Erklärung

Mit Eigeninitiative von der Kreisliga in die Bundesliga

rnAmy Haggart

Die Fußballerin Amy Haggart wagte vor zwei Jahren den Sprung von der Kreisliga in die Bundesliga. Nun kickt sie für den VfL Bochum II. Obwohl es zur Fußballkarriere fast nie gekommen wäre.

Castrop-Rauxel

, 30.08.2018 / Lesedauer: 5 min

Auf der Außenbahn flitzt die 18-jährige Amy Haggart über den Kunstrasenplatz unmittelbar neben dem Vonovia-Ruhrstadion an der Castroper Straße in Bochum die Seitenlinie auf und ab. Dort tragen die Profis des VfL Bochum ihre Heimspiele aus - vor bis zu 27.599 Zuschauern. So viele sind es nebenan auf dem Gelände nicht, nur etwa ein Dutzend Personen schauen sich die Partie der Fußballerinnen des VfL an. Dabei läuft hier mit den Bochumerinnen ein Regionalligist auf.

Doch zwischen dem Männerfußball, bei dem es um immer höhere Summen geht, und dem Frauenfußball liegen Welten. „Frauenfußball verfolge ich ehrlich gesagt selbst auch weniger. Das passiert aber vielleicht auch einfach unterschwellig“, sagt Amy Haggart, „Die Informationen zum Männerfußball bekommt man fast überall und es wird einem auch überall fast als allererstes angezeigt. Um an Informationen zum Frauenfußball zu kommen, muss man selbst aktiv werden.“

Bruder Jonas prägte die Schwester in fußballerischer Hinsicht

Dass sie heute im Trikot des VfL Bochum aufläuft, hat sie ihrem eigenen Durchsetzungsvermögen zu verdanken. „Meine Mama wollte früher nicht, dass ich Fußball spiele“, so Amy Haggart, „irgendwann habe ich mich dann aber mit meinem Dickkopf durchgesetzt.“ Dass sie das Talent dazu hat, das bewies sie bereits im heimischen Garten - beim Pöhlen mit ihrem Bruder Jonas, der im Jugend- und Seniorenbereich für den FC Frohlinde und die SG Castrop auflief, und dessen Freunden.

Im Internet stöberte die damals Zehnjährige nach Vereinen. „Ich wollte in einer reinen Mädchenmannschaft spielen“, sagt die heute 18-Jährige. Eine Entscheidung, die sie etwas bereut. Denn bis zur D-Jugend hätte sie auch bei den Jungs mitspielen dürfen. „Beides hat Vorteile. Aber bei den Jungs hätte ich in Sachen Körperlichkeit und Technik noch mehr gelernt“, so Amy Haggart. Letztlich verschlug es sie zu den U13-Juniorinnen des FC Frohlinde.

Nachwuchsspiele gegen bis zu drei Jahre ältere Gegner

Amy Haggart fasste schnell Fuß bei den Frohlinderinnen. Körperlich haben andere Vorteile, auch größentechnisch. Das zeigt sich vor allem, als sie zu alt wird für die U13 und dann in der U17 des FCF auflaufen muss, da es kein U15-Team in Frohlinde gab. „Das war vom Körperlichen her nicht einfach, aber da ich recht flink bin, konnte ich mich dennoch behaupten“, sagt sie.

Mit der U17 feierte sie dann auch ihre bisher größten Erfolge: Zweimal gewann das Team die Kreisliga-Meisterschaft in der Saison 2013/14 und 2014/15. Ein Jahr später qualifizierte sich Frohlinde als Zweiter für die Aufstiegsrunde und nahm erstmals daran teil. Der Aufstieg blieb dem FCF jedoch verwehrt.

Mit Eigeninitiative von der Kreisliga in die Bundesliga

Das Meisterteam der U17 des FC Frohlinde im Jahr 2015: (hinten v.l.) Trainer Ingo Sommer, Trainer Stephan Gerhardt, Lorena Sellinghoff, Maja Hünnemeyer, Lynn Sommer, Katrin Walkenhorst, Luisa Wurm, Maja Boyke, Maja Wollenburg und Lina Kirchner sowie (vorne, v.l.) Amy Haggart, Paula Niedermowe, Vivien Gerhardt, Feline Nejedli, Anna Lehmke und Leonie Schölzel. Es fehlten: Lea Vollenberg, Kornelia Janoschek, Melissa Förster und Caitlin Lanfer. © FC Frohlinde

Für Amy Haggart kam es dabei aber zu einer besonderen Situation: Am 29. Juni 2016 spielte sie gegen die Zweitvertretung der U17 des VfL Bochum - Frohlinde verlor mit 0:7, der VfL stieg auf. Nur wenige Tage später durfte sie die Bochumerinnen Vereinskolleginnen nennen. Denn Amy Haggart wechselte zum U17-Bundesliga-Team des VfL.

Von der Kreisliga direkt in die Bundesliga - drei Spielklassen übersprang die Castrop-Rauxelerin im U17-Juniorinnen-Bereich somit: die Bezirksliga, die Westfalenliga und die Regionalliga. „Ich habe noch nie so viel neuen Input bekommen, wie in den ersten Wochen beim VfL. Beispielsweise zu einzelnen Spielzügen, wie man den Gegner von einer Seite auf die andere lenkt oder generell das Verhalten in der Verteidigung“, sagt Amy Haggart.

Amy Haggart zeigte beim Vereinswechsel Eigeninitiative

Dass der Wechsel überhaupt zustande kam, war mal wieder ihrem „Dickkopf“ geschuldet. „Bereits in der U13 hätte ich zum VfL Bochum wechseln können, doch damals hatte sich der Wechsel nicht ergeben“, so die Castrop-Rauxelerin. Nun zeigte sie erneut Eigeninitiative: „Ich habe den Verein angeschrieben, durfte ein Probetraining machen und habe dann schließlich das Angebot bekommen, in der U17 des VfL zu spielen“, sagt die 18-Jährige stolz. Herausforderungen seien einfach ihr Ding.

Doch damit änderte sich auch ihr Alltag. Anstatt zweimal in Frohlinde zum Training zu gehen, standen nun fortan vier Trainingseinheiten pro Woche an - dreimal „normales“ Fußballtraining, einmal Krafttraining. Das erforderte ein gutes Zeitmanagement, schließlich befand sich Amy Haggart zwei Jahre vor dem angestrebten Abitur. „Man muss sich natürlich Prioritäten setzen. Letztlich wird auch beim VfL gesagt, dass die Schule vorgehe. Aber wenn ich in einer Woche wegen der Schule gar nicht zum Training komme, dann kann irgendwas in meiner Planung nicht stimmen“, so Amy Haggart.

Zeit für Freunde blieb allerdings nicht so häufig. Freitagsabends feiern gehen mit den Mädels, das war nur selten drin. Alkohol trinken ist tabu. Doch die Castrop-Rauxelerin konnte sich auf ihre Freunde verlassen. „Sie haben immer viel Verständnis gezeigt. Zur Schulzeit haben wir uns ja auch zumindest morgens immer gesehen.“

Der Sprung von der Kreisliga in die Bundesliga fiel ihr aber nicht so schwer wie gedacht. Ein Vorteil: Die Mannschaft der Bochumerinnen wurde fast komplett neu zusammengestellt. Vorurteile, dass sie zuvor nur in der Kreisliga gekickt hat, gab es keine. „Das war kein Thema. Und letztlich konnte ich ja auf dem Platz beweisen, welche Stärken ich habe“, sagt sie. Doch das erste Tief sollte schnell kommen: Amy Haggart erleidet einen Ermüdungsbruch im Mittelfuß, fällt die komplette Bundesliga-Hinrunde aus.

Das nächste Ziel der Castrop-Rauxelerin

In der Winterpause kämpft sie sich wieder ins Team und absolviert in der Rückrunde noch neun Spiele. Dann ging es zur vergangenen Saison in den Seniorenbereich. Die Hinrunde spielte sie in der Westfalenliga beim VfL II, die Rückrunde sogar beim Regionalliga-Team, das in der dritthöchsten Spielklasse für Frauen aufläuft.

In den beiden höheren Ligen, den Bundesligen, beginnt auch bei den Frauen die Professionalität des Fußballs. Große Ambitionen, aus dem Hobby einen Beruf zu machen, hat Amy Haggart jedoch nicht, schließlich war sie keine Stammspielerin in der Regionalliga-Mannschaft. Stattdessen will sie sich nun nach dem Abitur am Adalbert-Stifter-Gymnasium in Castrop auf ihr Studium konzentrieren. In die Wirtschaft, Wirtschaftspsychologie oder Sportwissenschaft soll es gehen.

Doch der Fußball soll dabei nicht zu kurz kommen. Es wäre ja schließlich nicht das erste Mal, wenn Amy Haggart ihren „Dickkopf“ durchsetzt und ihr gestecktes Ziel erreicht. Das nächste Ziel lautet: Stammspielerin im Regionalliga-Team des VfL Bochum.

Lesen Sie jetzt

Ruhr Nachrichten Mohammed und Mustafa Ali aus Castrop-Rauxel

Brüderpaar träumt beim VfL Bochum vom Profifußball

Nur die wenigsten hochtalentierten Jugendfußballer schaffen später den Schritt zum Profi. Vielen Fußballern bleibt dieser Traum verwehrt. Mustafa und Mohammed Ali, ein Brüderpaar aus Castrop-Rauxel, hat Von Marcel Witte

Lesen Sie jetzt