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Städtepartnerschaften müssen jetzt endlich völlig neu gedacht werden

rnKolumne „Schroeter denkt“

Delft ist schon weg, Wakefield quasi abgängig. Andere Städte sind noch gar nicht richtig aufgetaucht im Bewusstsein der Menschen. Braucht Castrop-Rauxel noch Städtepartnerschaften?

Castrop-Rauxel

, 11.02.2019 / Lesedauer: 4 min

„Wake me up, before you go go“ sangen einst Wham. Sie wissen schon, die mit Last christmas... Egal. Also: Wakefield, die erste Partnerstadt Castrop-Rauxels im Jahr 1949, hat die Europastadt nicht aufgeweckt, als sie sich still und leise aus der Städtepartnerschaft verabschiedet hat. Nicht offiziell zwar, aber faktisch.

Denn was ist der Wert einer Städtepartnerschaft, die seit ewigen Zeiten nur noch auf dem Papier besteht, die höchstens noch von einer Handvoll alter Weggefährten als solche verstanden wird? Ist das nun nur ein Solitärproblem mit dem Insel-Städtchen, das offensichtlich den Brexitus nicht nur der Städtepartnerschaft, sondern der gesamten EU-Mitgliedschaft befördert? Wenn ich mir den Zustand der restlichen Städtepartnerschaften so angucke, bezweifle ich das.

„Ein Fundament grenzüberschreitender Beziehungen“

„In der ersten Phase der Nachkriegszeit ging es vorrangig um die Wiederherstellung vertrauensvoller Beziehungen ehemals verfeindeter Staaten. Die Erfahrung zweier Weltkriege auf europäischem Boden innerhalb kürzester Zeit machte deutlich, dass das zwischenstaatliche Beziehungsgeflecht nicht allein der nationalen Politik und ihren Diplomaten überlassen werden kann. Damit war die Idee der Bürgerbegegnung als Fundament grenzüberschreitender Beziehungen geboren.“ So schilderte Walter Leitermann, Stellvertretender Generalsekretär des Rats der Gemeinden und Regionen Europas, im Jahr 2011 die Idee der Städtepartnerschaften.

Der Europa-Gedanke bröckelt vielerorts.
Thomas Schroeter

Eine tolle Idee damals, die Menschen aus den gerade noch verfeindeten, sich bis aufs Blut bekämpfenden Ländern durch Begegnungen auf lokaler Ebene miteinander vertrauter zu machen. Durch Nähe Verständnis füreinander zu schaffen. Um so Gemeinsamkeiten zu finden statt Trennendes. Auch das hat dazu geführt, dass die schwachsinnige „Erbfeindschaft“ mit Frankreich überwunden werden konnte, dass man längst wieder nach Holland ans Meer fahren kann, ohne als Deutscher misstrauische Blicke zu ernten, wie ich es als Jugendlicher noch selbst in Nordholland erlebt habe (Aus gutem Grund, wie ich aus dem Geschichtsunterricht wusste).

Immer mehr Partnerschaften kamen hinzu

Nach Wakefield (1949) folgten Vincennes (1961) und Kuopio (1965). Das waren die Jahre, als überall in Deutschland die Städtepartnerschaften aus dem Boden schossen. Ich kenne das aus meiner Heimatstadt Dortmund, wo es mit Amiens und Leeds ebenfalls in den 60er-Jahren losging. Später dann kamen all die anderen Städte hinzu, die Zehdenicks, Nowa Rudas oder Trikalas in Castrop-Rauxel, die Buffalos, Netanyas oder Xi’ans in Dortmund. Haben immer mehr Städtepartner zu immer mehr Beziehungen geführt? Weiß der durchschnittliche Castrop-Rauxeler überhaupt, wer hier so als Städtepartner geführt wird? Und wozu überhaupt?

Wenn der Mensch auf der Straße sie nicht kennt, was hat diese Partnerschaft dann für einen Sinn? Boah, sind wir toll, wir haben so viele internationale Partner. Auf dem Papier ja, auf ein paar Schildern, die in der Stadt verteilt sind, ja. Aber in der Realität? Wer war denn schon mal in Nowa Ruda? Wer weiß aus dem Stand so ganz genau, wo dieses Wakefield in England eigentlich liegt? Wer kann mir den tiefen Sinn einer Partnerschaft mit Zonguldak erklären?

KOLUMNE

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  • Unser Autor Thomas Schroeter macht sich in dieser Kolumne regelmäßig Gedanken über die Stadt und die Politik, über kleine Aufreger und große Probleme, über Menschliches und Unsinniges. Das soll zum Nach- und Mitdenken anregen, aber durchaus auch zum Widerspruch.
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Es ist ja für Stadtdelegationen sicher nett, wenn sie mal eine der Partnerstädte besuchen dürfen. Aber bringt das den Menschen in Vincennes, in Zonguldak oder in Castrop-Rauxel irgendetwas? Noch einmal: Die Idee war zum Start super, wer konnte in den 50er- oder 60er-Jahren schon ins Ausland reisen?

Aber heute, da uns Ryanair für einen Fünfziger nach London und zurück bringt, wir zu jeder Tages- und Nachtzeit sämtliche europäischen Großstädte anfliegen können, unsere Kinder zum „Work and travel“ nach Australien, zum Medizinstudium nach Rumänien und zum Sprachkurs nach Barcelona können, wir ohne Ausweis in der Tasche und ohne Währungswechsel zum Einkauf nach Roermond oder zum kurzen Badevergnügen nach Nordwijk fahren können: Müssen wir da noch Europa über eine Vielzahl von Städtepartnerschaften betreiben, die über den Austausch von offiziellen Delegationen kaum hinausgekommen ist in den vergangenen Jahren?

Der Europa-Gedanke bröckelt vielerorts. Auch das ist eine Tatsache. Nationalisten geben in vielen Ländern den lauten Ton an, Separationsbewegungen gehören zum Alltag und machen den Verfechtern des Vereinten-Europa-Gedankens das Leben schwer. Das liegt aber doch nicht daran, dass wir dieses Europa heute nicht kennen. Das bedeutet doch nicht, dass wir über einen persönlichen Kontakt zu einem Wakefielder Finanzbeamten, Briefträger oder Einzelhändler deren Euro-Skepsis überwinden könnten. Dem geht es um Geld, um Sicherheit.

Wir werden mit den bescheidenen Mitteln, die die Stadt für die Städtepartnerschaften erübrigen kann, nicht Europa retten.

Und die Moral von der Geschichte?

Und die Moral von der Geschichte? Wenn man das Thema Städtepartnerschaften nicht komplett einstampfen will, gibt es aus meiner Sicht nur eine mögliche Devise: Die Stadt konzentriert sich auf eine oder maximal zwei Partnerstädte, wird da wirklich aktiv, nimmt die Vereine, Parteien, Verbände, Organisationen, Schulen und einzelne Bürger dafür an die Hand und erfindet das Thema Städtepartnerschaft neu.

Und sorgt tatsächlich wieder für Begegnungen der Menschen. Das Sportturnier, das die Stadt jetzt ins Gespräch brachte, ist da im Prinzip keine schlechte Idee. Alles, nur keine reisenden Politiker-Verwaltungs-Delegationen. Denn die braucht kein Mensch.

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