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Mit 14 allein im Cockpit? Das geht! Minderjährige Flugschüler sind auch beim Luftsportverein Dorsten keine Seltenheit. Doch sie müssen bestimmte Voraussetzungen erfüllen.

Dorsten

, 28.08.2018 / Lesedauer: 5 min

Dass dieser Montag im August der Tag ist, auf den er schon so lange wartet, erfährt Hendrik Pischny am Telefon. Ein paar Stunden später sitzt er mit einem Prüfer im Flugzeug, zeigt einwandfreie Starts und Landungen und meistert auch Manöver wie den Seitenflug souverän. Zurück am Boden schüttelt der Prüfer ihm die Hand: Glückwunsch, junger Mann, zur bestandenen Luftfahrerprüfung.

Hendrik ist 16 und damit gerade alt genug für die Segelfluglizenz. Seine Ausbildung beim Luftsportverein Dorsten beginnt er mit 14, in diesem Alter sitzt er auch erstmals ganz allein im Cockpit. „Ich wusste an dem Tag damals gar nicht, dass mein erster Alleinflug ansteht“, erzählt der Nachwuchspilot aus Schermbeck. „Mein Fluglehrer meinte nur, wir fliegen nochmal, ist dann aber nicht mit eingestiegen.“

Hendrik überlegt kurz: Bin ich wirklich bereit? Reichen meine 60 Starts im Doppelsitzer mit dem Fluglehrer aus? „Dann hat der Lehrer gesagt, dass ich das kann, und ich habe ihm geglaubt, dass ich gut vorbereitet bin.“ Der Flug läuft super, Hendrik hat Talent und ist nun noch mehr angefixt vom Fliegen als er es ohnehin schon war.

Fünf Tage, nachdem Hendrik seine praktische Prüfung besteht, zerschellt in Braunschweig ein Segelflugzeug auf einem Friedhof. Der 15-jährige Flugschüler, der allein im Cockpit saß, kommt dabei ums Leben. Wie es zu dem Unglück kommen konnte, ist noch nicht geklärt.

Die Staatsanwaltschaft Braunschweig ermittelt wegen Verdachts auf fahrlässige Tötung gegen den Fluglehrer des 15-Jährigen. Der Jungpilot soll seinem Ausbilder per Funk Steuerprobleme gemeldet und von ihm kurz vor dem Absturz die Aufforderung zum Absprung erhalten haben. Der Fallschirm soll sich laut ersten Erkenntnissen jedoch nicht geöffnet haben.

Seit 2010 gab es laut Bundesstelle für Flugunfalluntersuchung jährlich zwischen drei und zehn Unfälle mit Segelflugzeugen, bei denen der Pilot tödlich verletzt wurde. Wie viele dieser verunglückten Piloten minderjährig waren, ist nicht bekannt. Aber der Vorfall in Braunschweig wirft die Frage auf, wie sinnvoll es ist, Minderjährige allein fliegen zu lassen.

„Das ist in der Tat komisch“, sagt der Landesausbildungsleiter des Aeroclub NRW, Hermann-Josef Hante. „Die Jugendlichen dürfen nicht mit dem Moped zum Flugplatz kommen, aber Segelflugzeuge fliegen. Das verstehen viele nicht.“

Die entsprechende Verordnung, die EU-weit gilt, ist fast 100 Jahre alt und geht zurück auf die Anfänge des Segelflugsports in Deutschland. An sich sei Segelfliegen relativ leicht zu erlernen, sagt Hante. „Das Flugzeug fliegt alleine und der Pilot steuert quasi nur dahin, wo er hinfliegen möchte.“ Start und Landung seien die Phasen mit dem größten Gefahrenpotenzial, dementsprechend würden sie auch am meisten trainiert.

In wenigen Sekunden auf 100 km/h

Beim sogenannten Windenstart wird das Flugzeug von einem Seil in die Luft gezogen, das an einer Startwinde befestigt ist. Binnen weniger Sekunden beschleunigt der Flieger auf mehr als 100 Stundenkilometer, bis er schließlich abhebt. Die Kräfte, die bei so einem Start wirken, haben anfangs auch Hendrik Pischny beeindruckt: „Da wird man schon ganz schön in den Sitz gepresst. Ist man dann aber oben und wird ausgeklinkt, herrscht totale Ruhe und man hat einen tollen Ausblick.“ Rund 250 Starts hat Hendrik inzwischen absolviert, mehr als die Hälfte davon waren Alleinflüge.

Im Gegensatz zum Autofahren ist Segelfliegen weniger komplex, was das direkte Umfeld betrifft. „Im Straßenverkehr kommt von allen Seiten etwas, der Luftraum dagegen ist – wenn auch dreidimensional – relativ überschaubar“, sagt Gerhard Rademacher, Geschäftsführer des Deutschen Segelflugverbands. Sämtliche Ausbildungsinhalte würden aufeinander aufbauen. „So werden die Schüler schrittweise immer besser im Beherrschen des Flugzeuges und des Segelflugs.“

Beim LSV Dorsten können Personen aller Altersklassen die Flugausbildung absolvieren. „Aktuell haben wir auch zwei Schüler im Alter von 55 und 58 Jahren“, sagt Ausbildungsleiter Sebastian Hater. Grundsätzlich aber seien die Flugschüler vorwiegend jung. Bereits mit 14 Jahren kann die Ausbildung begonnen werden, die Lizenz gibt es frühestens zum 16. Geburtstag.

Wer fliegen will, muss bestimmte Voraussetzungen erfüllen: Ein Arzt muss das gesetzlich vorgeschriebene flugmedizinische Tauglichkeitszeugnis ausstellen, das alle fünf Jahre zu erneuern ist; angehende Piloten dürfen nicht schwerer als 105 und nicht leichter als 50 Kilogramm sein; besonders großen (über 1,90 Meter) und besonders kleinen (unter 1,50 Meter) Personen wird zudem empfohlen, eine Sitzprobe mit dem Fluglehrer zu machen.

Minderjährige Segelflieger: Zu jung fürs Auto, aber alt genug fürs Flugzeug

Vor jedem Flug werden die Flugzeuge gründlich geprüft. Hier checkt LSV-Ausbildungsleiter Sebastian Hater die Luftbremsen, Jung-Pilot Hendrik Pischny (16) schaut genau hin. © Robert Wojtasik

Die eigentliche Ausbildung dauert meist zwei oder drei Sommer. In den Wintermonaten, wenn keine Flugsaison ist, wird Theorie gepaukt. „Es gibt zehn Fächer und pro Fach werden etwa zwölf Stunden benötigt“, sagt Sebastian Hater. Zu den theoretischen Inhalten zählt etwa die richtige Kommunikation mit Fluglotsen. „Am Ende steht dann die geballte Theorieprüfung bei der Bezirksregierung Münster.“

Erst danach darf ein Flugschüler den Gleitbereich des Dorstener Flugplatzes verlassen. Ein 50 Kilometer weiter Überlandflug ist fester Bestandteil der praktischen Ausbildung. „Der Schüler fliegt so weit weg, dass er eigentlich nicht zurückkommen kann, ohne das gelernte Wissen anzuwenden“, sagt Hater. Schafft er das nicht, muss der Flugschüler im Zweifel auf einem Acker landen.

Eltern stehen hinter dem Hobby ihres Sohns

Die Ausbildung noch früher als mit 14 zu beginnen, hält Hater nicht für sinnvoll. „Wir schauen uns die Schüler genau an, eine gewisse geistige Reife müssen sie auf jeden Fall mitbringen.“ Mit der Zeit bekomme man einen guten Blick dafür, so der 31-Jährige. „Man sieht aber vor allem, dass die Jugendlichen sich im Verein stark entwickeln. Je mehr sie können, desto mehr Verantwortung übernehmen sie.“

Das haben auch Hendriks Eltern beobachtet. „Ich kriege ja mit, wie viel Wertschätzung er im Verein erfährt“, sagt Vater Reiner Pischny. „Die Mitglieder machen sehr viel, auch gerade im Winter, wenn an den Flugzeugen geschraubt wird.“ Natürlich habe es auch Bedenken gegeben. „Meine Frau war froh, dass ich ihr die Entscheidung damals abgenommen habe. Ich hab Hendrik das aber immer zugetraut und wurde ja auch in keiner Weise enttäuscht.“ Die Reißleine ziehen könne er immer noch, sagt Reiner Pischny - etwa dann, wenn sein Sohn in der Schule nachlassen würde.

Hendrik schließt nicht aus, irgendwann einmal selbst Fluglehrer zu werden. Jetzt freut der 16-jährige Pilot sich aber erst mal über die frisch erworbene Lizenz und hofft noch auf möglichst viele sonnige und wolkenfreie Tage. „Ich fühle mich sicher im Cockpit, aber ich möchte noch viel mehr Routine bekommen.“

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