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Anonyme Baumschützer schreiben seit gut vierzehn Jahren Trauerkarten an Politiker

rnPolitisches Stalking

Es begann um 2005, dass selbst ernannte Baumschützer anonyme Trauerbriefe an Persönlichkeiten der Stadt schickten. Sie schreiben noch immer und zahlten bereits mehrere tausend Euro an Porto.

Dortmund

, 10.02.2019 / Lesedauer: 4 min

Karl-Heinz Cierpka, Bürgermeister des Stadtbezirks Brackel hat nachgewogen: Im Laufe der Jahre hat er 2,9 Kilogramm Trauerbriefe erhalten.

Geschrieben von selbst ernannten Baumschützern, die vor allem Politiker, aber auch andere Persönlichkeiten in Dortmund in Beileidsbekundungen für gefällte Bäume als Baummörder und Schlimmeres beschimpfen.

Der Trauer-Terror begann damals im Kaiserstraßen-Viertel. Pamphlete waren dort angeschlagen mit Anwürfen wie „Dieser Baum soll gemordet werden“. Unter anderem ging es um einen 70 bis 80 Jahre alten Ahorn, der von einem heimtückischen Pilz befallen war und Sporen auf die anderen Bäume ausstreute. Er musste gefällt werden.

Strafanzeige wegen Stalkings und Verleumndung

Regelmäßig fischte der damalige Vorsitzende der Werbegemeinschaft Kaiserstraße die anonymen Trauerkarten aus seinem Briefkasten. Darin wurde er als „Mörder“ beschimpft, der illegale Fällungen unterstütze. Der so Gescholtene erstattete Strafanzeige wegen Stalkings und Verleumndung.

Auch Dr. Gerhard Langemeyer, Oberbürgermeister a.D., sowie Oberbürgermeister Ullrich Sierau und der ehemalige Superintendent Paul Gerhard Stamm, SPD-Ratsfraktionschef Norbert Schilff und Utz Kowalewski, Fraktionsvorsitzender von Linken & Piraten, gehören zu den Opfern des Trauerkarten-Terrors.

Gegen Schilff begann das Brief-Bombardement, als er 2014 den SPD-Fraktionsvorsitz übernahm.

Ab Brief 438 hat Schilff alle ungeöffnet in die Altpapiertonne geworfen, das bis dahin ausgegebene Porto von 270,94 Euro auf 300 aufgerundet und je zur Hälfte an den Grünen Kreis, der Bäume pflanzt, und das Schülerprojekt „Plant for the Planet“ (Pflanze für den Planeten) gespendet.

Seitdem schreibt ihm nur noch ein Unverbesserlicher. Schilff: „Es ist immer diesselbe Handschrift.“

Anonyme Baumschützer schreiben seit gut vierzehn Jahren Trauerkarten an Politiker

Der SPD-Fraktionsvorsitzende Norbert Schilff mit den ersten 437 Trauerkarten, die er bekommen hat. Alles, was danach kam, hat er ungeöffnet in die Altpapiertonne geworfen. © Laryea

Vor allem Mitglieder des Umweltausschusses sind Opfer

Auch die Mitglieder des Umweltausschusses im Rat, wie Renate Weyer (SPD), werden immer wieder von der Trauerpost heimgesucht.

Trotz aller Appelle der Betroffenen an die „Baumschützer“, sich zu erkennen zu geben und die offene Diskussion zu suchen, outeten sich die Briefeschreiber nicht, sondern schrieben unbeirrt fort.

Aus der Handschrift glauben die Adressaten zu erkennen, dass es sich um eine Handvoll älterer Menschen handelt, die ihre skurrile Botschaft unter die (vermeintlichen) Entscheidungsträger bringen.

Anonyme Baumschützer schreiben seit gut vierzehn Jahren Trauerkarten an Politiker

Der ehemalige Vorsitzende der Grünen-Ratsfraktion Marion Krüger und seine Frau Rita-Maria Schwalgin im Jahr 2012 inmitten eines Berges von Trauerkarten, die der Postbote ihnen im Laufe von Jahren gebracht hat. © Oliver Schaper

Besonders schlimm traf es Mario Krüger, als er im Mai 2009 für die Grünen für das Amt des Oberbürgermeisters kandidierte. In den Jahren darauf verstopften die unbekannten Absender fast täglich seinen Briefkasten mit Trauerkarten.

Mehrere tausend kamen zusammen, in denen er als Naturfrevler und Baummörder bezeichnet wurde. Trauerkarten, immer wieder Trauerkarten mit Anklagen wie „Ist Baummord Umweltschutz?“ und Listen von Straßen, in denen wohl in den vergangenen 40 Jahren Bäume gefällt wurden.

Trauerkarten zu Trauerbäumen verarbeitet

Die Bäume, um die es ging, waren nach den Erkenntnissen der Experten allesamt morsch und mussten gefällt werden wie Bäume an der Saarlandstraße und die Brackeler „Kaisereiche“. Krügers Frau Rita-Maria Schwalgin machte als Künstlerin aus der Not eine Tugend, verarbeitete die Karten zu Trauerbäumen und stellte sie im Atelier aus.

Anonyme Baumschützer schreiben seit gut vierzehn Jahren Trauerkarten an Politiker

Die Künstlerin Rita-Maria Schwalgin hat einen ganzen Trauerwald mit Kunstbäumen aus den Trauerkarten kreiert und in der Big Gallery ausgestellt. © Tilman Abegg

Mindestens 6000 Euro haben die anonymen Schreiber allein für das Porto an Krüger investiert. Davon hätte man 36 Eichen oder 37 Linden (Umfang je 12 bis 14 Zentimeter) pflanzen oder 70 Baumpatenschaften übernehmen können, hat Krüger mal ausgerechnet.

Zum Schreiben zu faul geworden

Karl-Heinz-Czierpka hat wie andere Opfer dieses politischen Stalkings eine Veränderung bei den Schreiben festgestellt. „Waren es früher hochwertige Beileids- und Trauerkarten auf dicken Papier und teilweise Karton in extra Umschlägen, so müssen anscheinend auch die Baumschützer irgendwo etwas kapiert haben,“ sagt der Brackeler Bezirksbürgermeister.

Seit etwa einem Jahr kämen nur noch dünne Kärtchen an, meistens billige Karteikärtchen. „Und auch zum Schreiben ist man zu faul geworden, die oft verquere Botschaft wird einfach zigfach auf Aufkleber gedruckt und diese dann auf die Kärtchen geklebt.“

Nur die Adresse sei noch immer handgeschrieben, und immer mit einem Grammatikfehler, geht die Post doch an „Herr“ Czierpka. Auch sonst sei er als Adressat „immer noch grundsätzlich falsch, da ich noch nie in meinem politischen Leben final entscheiden musste, ob ein Baum gefällt wurde oder nicht.“

Vor allem die Post profitiert

Allein das Porto für die vielen Nachrichten hätte ausgereicht, sinnvolle Aufforstungsaktionen zu initiieren oder zu finanzieren, sagt auch Czierpka: „Ich bin ja nur einer von ganz vielen, die auf dem Verteiler dieser „Baumschützer“ stehen und allein bei mir dürfte die Porto-Summe dreistellig sein und im Bereich Dortmund über die Jahre sicher in einen hohen vierstelligen Bereich vorgedrungen sein.“

Und das sei auch der einzige fassbare Nutzen dieser Aktion: „Die Gelbe Post freut sich!“

Vielleicht steigen die „Baumschützer“ ja noch irgendwann auf E-Mail um. Dann müsste kein Baum mehr für ihr Treiben sterben.

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