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Café-Betreiber gibt Polizei Hinweise auf Drogenhandel und kassiert Kontrollen

rnDortmunder Nordstadt

Said Bouyakoub versteht sich als Partner der Polizei. Er informiert sie über Drogenhändler. Dealer bedrohen ihn. Doch immer wieder kontrolliert die Polizei sein Café Oase. Warum?

Dortmund

, 10.02.2019 / Lesedauer: 5 min

Ein Montagnachmittag in der Gronaustraße in der Dortmunder Nordstadt. Es ist 15 Uhr. Zwischen beschmierten Hausfassaden und einer ausgedienten Gichtgasleitung wechseln Typen die Straßenseiten. Ihre Blickkontakte fallen auf.

Eine Polizeistreife rollt vorbei. Drei Männer verschwinden im dunklen „Schweinetunnel“, durch den früher das Vieh in den Schlachthof getrieben wurde. Das Sichtfeld der Polizeistreife haben sie verlassen. Dann stehen sie zusammen. Drei, vier Handkontakte und das Geschäft ist perfekt. Einer der Männer hat zwei Kunden mit Drogen versorgt.

Café-Betreiber gibt Polizei Hinweise auf Drogenhandel und kassiert Kontrollen

Der "Schweinetunnel" verbindet die Gronaustraße mit der Straße "Lütgenholz". Das Umfeld ist ein Treffpunkt für Drogenhändler. Der Tunnel heißt so, weil durch ihn früher die Schweine zum Schlachthof getrieben worden sind. © Peter Bandermann

Ein alltägliches Bild in der Gronaustraße. Wer die Drogengeschäfte sehen will, muss sich dafür nicht verstecken. Das Dealen funktioniert so zuversichtlich und selbstverständlich wie die Ampel an der benachbarten Jägerstraße. Genau das ist das Umfeld für Anwohner, die Kinder der Grundschule Kleine Kielstraße und auch für Said Bouyakoub.

Café-Betreiber gibt Polizei Hinweise auf Drogenhandel und kassiert Kontrollen

Drei Passanten zwischen Gronaustraße und „Lütgenholz" kurz vor einem Drogengeschäft, das in nur wenigen Augenblicken mit unverdächtig wirkenden Handkontakten vonstatten geht. © Peter Bandermann

Der 48-jährige gebürtige Marokkaner lebt seit 1986 in der Nordstadt, arbeitet seit 25 Jahren als Verfahrensmechaniker bei Thyssen-Krupp, ist Vater von vier Kindern, engagierte sich im Verein „Rund um Hannibal und Heroldwiese“ in der Jugendarbeit, erhielt dafür anerkennende Worte vom Jugendamt und sogar Besuche vom Bezirksdienst der Nordstadt-Polizei, die damals, Mitte der 1990er-Jahre, die Nähe zu genau solchen Projekten suchte.

Unter Generalverdacht

Wenn Said Bouyakoub nach der Schicht, um 15 Uhr, sein Café „Oase“ an der Gronaustraße / Ecke Heroldstraße eröffnet und in den folgenden Stunden die Drogendealer in seinem Eingangsbereich oder auf der Straße sieht, versucht er sie davonzuscheuchen. „Ich habe mit diesen Leuten zu kämpfen“, sagt er frustriert, aber ohne Angst.

Die Dealer würden ihn bedrohen und hätten bereits sein Auto zerkratzt, weil er sie verbal schon zusammengefaltet und die Polizei verständigt habe. Said Bouyakoub informierte die Polizei auch schon über Drogenverstecke. Eine seiner Aussagen schlug sich in einem Zeitungsbericht wieder: Der „aufmerksame Zeuge“, der die Polizei über „Drogenbunker“ informiert hatte, war: Said Bouyakoub.

Wenn die Polizei das Café besucht

Der Bürger Bouyakoub versteht sich als Partner der Polizei. Er kennt die Balkone, auf denen die Drogen liegen, die Gullydeckel, die Baumscheiben und die Löcher im Rasen, wo das „Gras“ versteckt ist. Doch inzwischen geht er auf Distanz zur Polizei, denn er versteht sie nicht mehr.

Er sieht sich einem Generalverdacht ausgesetzt. Ohne einen für ihn erkennbaren Grund zieht die Polizei immer wieder sein Café auf links. Durchsucht Schubladen und Küche, kontrolliert Gäste, sucht die Deckenverkleidung nach Drogen ab oder fotografiert die Sky-Karten, für die er jeden Monat 759,81 Euro an den Pay-TV-Sender zahlt.

Café-Betreiber gibt Polizei Hinweise auf Drogenhandel und kassiert Kontrollen

Die Gronaustraße in der Dortmunder Nordstadt: Das Umfeld ist ein Terrain für Drogenhändler. © Peter Bandermann

Ja, es komme vor, dass Jugendliche sein Café aufsuchten, die schon mal gedealt hätten. „Das sind Jungen, die deren Eltern zu mir schicken und sagen: Said, bitte mach was. Wir kommen mit ihm nicht mehr klar. Wir brauchen Hilfe.“

Said Bouyakoub will helfen. Er setzt sich auch heute noch für sein Quartier ein. Wie damals, Mitte der 1990er-Jahre, im Hannibal und für die Nordstadtliga. Er richtet im Café Oase für 40 Kinder eine Weihnachtsfeier aus und stellt das Café Oase gerne der Stadt bei der Europawahl im Mai 2019 wieder als Wahllokal zur Verfügung.

„Soll ich die Jugendlichen wegschmeißen?“

Die „Oase“ ist Vereinslokal des MSV Dortmund, der in der Kreisliga C spielt, ein kleines Stadion, wenn die aus ganz Dortmund und sogar Schwerte kommenden Gäste bei ihm die BVB-Spiele oder Partien aus der spanischen Liga sehen möchten. Die allermeisten Gäste seien korrekt, nur die wenigsten Jugendlichen hätten ein alterstypisches Problem. „Was soll ich mit ihnen machen, wenn sie zu mir kommen“, fragt er schnell sprechend, „soll ich sie wegschmeißen?“

„Ich habe etwas gegen die Drogenhändler. Ich befürworte die Polizeikontrollen und gerate selber in Konflikte mit den Dealern. Eigentlich bräuchte ich hier die Hilfe der Polizei und nicht immer wieder diese Kontrollen“, sagt der 48-Jährige und legt hinterher: „Ich könnte das auch alles lassen und mit meiner Familie wegziehen. Ich persönlich brauche diese Bar nicht, um damit mein Geld zu verdienen. Ich gehe täglich einer ehrlichen Arbeit nach und könnte auch sofort wegziehen. Aber das hier ist auch meine Nordstadt. Verstehen Sie? Ich bin bereit, mit der Polizei zu kooperieren, mein Wissen zu teilen und im Endeffekt treffen mich diese Kontrollen.“

Tee kochen und Fußball gucken

„Diese Kontrollen“, das sind die in dichter Folge durchgeführten Razzien in den Shisha-Bars und anderen Etablissements der Dortmunder Nordstadt, wo Familienclans gegen das Gesetz verstoßen, das mit Drogengeschäften erzielte Geld waschen und so an Sucht und Elend der Abhängigen das große Geld verdienen. Um damit dicke Goldketten, sportliche Luxuskarossen, Immobilien und immer mehr Drogen zu finanzieren. Ein wertvoller Kreislauf.

Said Bouyakoub sieht sich nicht als Mitglied dieses Milieus, das eine Beamtin des Dortmunder Ordnungsamtes als „Parallelgesellschaft“ bezeichnet. Er erklärt sich zum überzeugten Gegner der Kriminellen, vor denen er Jugendliche und junge Erwachsene - seine Gäste - schützen will, indem er ihnen einen Tee kocht, Fußballspiele anbietet und einen Treffpunkt aufschließt.

Teil eines Gesamtkonzepts der Polizei

Differenziert die Polizei bei ihren Kontrollen nicht genug? Diese Frage haben wir der Dortmunder Polizei gestellt. Das ist die Antwort: „Die Kontrollen in verschiedenen Lokalitäten bilden ein Gesamtkonzept, um Clans und allgemeine kriminelle Strukturen zu erhellen und Rückzugsmöglichkeiten zu beleuchten. Diese Maßnahmen sind in vielen Fällen nicht gegen die Betreiber der Lokalitäten gerichtet.“

Um Ermittlungen in der Nordstadt nicht zu gefährden, möchte die Polizei keine weiteren Details nennen. Kriminelle könnten das Wissen der Polizei nutzen, um ihre Tat-Strategien zu verändern. Allerdings ist die Polizei zu einem Gespräch mit Said Bouyakoub bereit, um ihm die Hintergründe zu erläutern. Er soll sich melden.

Bereiche der Nordstadt hat die Dortmunder Polizei zu „gefährlichen Orten“ erklärt. An diesen Orten darf sie Personen auch ohne den konkreten Verdacht auf eine Straftat kontrollieren. Bars, Cafés und andere Gaststätten sind ohnehin öffentlich zugänglich. Auch die Polizei darf sie betreten und darin kontrollieren. Straftäter nutzen Lokale in der Nordstadt nach Angaben der Polizei als Rückzugsorte und auch, um darin Straftaten vorzubereiten. Grundlage dafür ist das NRW-Polizeigesetz. Möglich war das auch schon vor der Gesetzesreform.

Kurz getaktete Kontrollen

Aktuell will die Polizei mit viel Personal und kurz getakteten Kontrollen vor allem den Familienclans auf die Pelle rücken. Nordstadt-Bezirksbürgermeister Dr. Ludwig Jörder erkennt Fortschritte durch diese Einsätze, sagt aber auch: „Bis zu einem richtig durchschlagenden Erfolg vergehen sicher noch einige Jahre.“ Die Stimmung bei Hausbesitzern und Anwohnern sei besser als vor wenigen Jahren. Eine Entwarnung sei das aber nicht. „Wenn man mit den Leuten spricht, dann hört man ein Auf und Ab heraus, was die Stimmung angeht.“

Unangekündigt können auch das Ordnungsamt und andere Behörden die Bars, Cafés und Wettbüros betreten, um Personal oder Inventar zu überprüfen. Das Ordnungsamt geht dabei mit dem Gewerberecht vor. Gastronomen müssen für einfache Kontrollen rund 77 Euro bezahlen. Das ist vergleichbar mit einer Hauptuntersuchung für einen Pkw. Die Polizei stellt für ihre Kontrollen allerdings keine Rechnungen aus.

Bei einer Kontrolle im Oktober 2018 bemängelte das Ordnungsamt in Said Bouyakoubs Café „Oase“ einen Defekt an der Warmwasserleitung des Waschbeckens auf der Herren-Toilette.

Unsere Redaktion erreichen Kommentare, in denen uns vorgeworfen wird, den Café-Betreiber mit unserer Berichterstattung in Gefahr zu bringen. Herr Bouyakoub hat sich jedoch freiwillig dazu entschieden, seine Seite der Geschichte zu erzählen und die Ungerechtigkeit, die er empfindet, öffentlich zu machen. Hätte er Einwände gegen die Veröffentlichung seines Names und des Fotos gehabt, hätten wir den Bericht so nicht veröffentlicht. Nach Veröffentlichung des Berichts hat uns Herr Bouyakoub sein Einverständnis erneut bestätigt.
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