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Das Geheimnis des „schluffigen“ Dortmunder Bodens

rnBodenkunde

Er wird getreten, bespuckt - manchmal ist er ganz aufgewühlt: Die wenigsten Menschen machen sich Gedanken über den Dortmunder Boden. Er ist einfach da - und doch birgt er viele Geheimnisse.

Dortmund

, 25.08.2018 / Lesedauer: 6 min

Die Lösung ist so einfach wie schick: Der Vorgarten wird vollständig mit Steinen bedeckt – hellgrauer Schotter, durch den kein Unkraut dringt. Ein, zwei Lebensbäume - und alles rund ums Haus sieht gepflegt aus, ohne dem Gärtner allzu viel Arbeit zu machen.

Will man diesen Vorgarten in einem durchsichtigen Zylinder nachbilden, müsste man Schicht um Schicht aufschütten. Man erhält dann einen Querschnitt – einen Blick in die Tiefe als Modell. Man sähe unten wässrigen Lehm, darüber ein sandig-trockenes Etwas durchsetzt mit Bauschutt. Weiter oben folgten Split, dann der Schotter. Das Ganze sähe sehr trocken aus, Wasser, das man oben hineingibt, läuft größtenteils durch.

Das Geheimnis des „schluffigen“ Dortmunder Bodens

Björn Marx von der Unteren Bodenschutzbehörde zeigt, wie wasserdurchlässig verschiedene Untergründe sind. © Dennis Werner

Anders die Säule daneben. Erde, wie sie jeder von der Gartenarbeit kennt, darunter etwas Sand, dann der Lehm. Der Zylinder ist genauso hoch wie der beim Schotter-Modell. In diesem Boden bliebe viel Wasser zwischen den feinen Bodenpartikeln zurück. Das Zylinder-Modell soll verdeutlichen, wie viel Wasser der Boden speichern kann. Wichtig etwa für die Pflanzen, die in dem Boden gedeihen. „Außer, dass er pflegeleicht ist, macht so ein Steingarten also keinen Sinn“, sagt Björn Marx von der Unteren Bodenschutzbehörde der Stadt Dortmund.

Was ihn und seine Kollegen umtreibt: der Untergrund, auf dem wir alle laufen, fahren, wohnen, in dem wir graben, unser Gemüse ziehen, der unser Wasser filtert, unser Klima bestimmt, der verseucht ist oder heilsam, in dem Zeugnisse unserer Ahnen liegen. Der Boden also. Ihn gilt es zu schützen und seine Nutzung in Einklang mit den Menschen und den Bedürfnissen einer funktionierenden Großstadt zu bringen.

Doch dafür muss man ihn erst einmal kennen. Ein wichtiger Indikator für die Speicherfähigkeit von Wasser ist die Korngröße. Sie lässt sich in einem ersten Schritt über die Fingerprobe erfühlen. Man nimmt einen Klumpen Erde und zerreibt ihn zwischen Daumen und Zeigefinger und merkt, ob der Stoff grob- oder feinkörnig ist. Man kann Erde oder Sand auch in Druckzylinder geben, sie mit Wasser sättigen und dann versuchen, Luft hindurchzublasen. Man kann dann messen, wie viel Wasser auf der anderen Seite herauskommt. So lässt sich Boden in Kategorien einordnen.

Zwischen Sand und gröberem Ton

In Dortmund wird man auf diese Weise häufig Boden der Kategorie schluffig zwischen den Fingern haben. Die feinen Partikel bleiben in den Rillen der Haut hängen. Was die Korngröße angeht, ist dieser Zustand etwas zwischen gröberem Sand und feinem Ton. „Ein Sandboden zum Beispiel ist innerhalb kürzester Zeit ausgetrocknet“, sagt Umweltamtsleiter Dr. Rainer Mackenbach. Der schluffige Dortmunder hingegen trockne nicht ganz so schnell aus.

Ein Problem: Es scheint immer weniger freie Bodenflächen zu geben. „Als Stadt geraten sie da in einen Nutzungskonflikt“, sagt Mackenbach. Auf der einen Seite wolle man den Baumarkt, der neue Arbeitsplätze schafft und die Menschen versorgt. Doch der steht dann auf Boden, der kein Wasser mehr speichern wird. In Dortmund achte man deshalb darauf, den Baumarkt oder andere gewerbliche Neuansiedlungen auf Altbrachen zu errichten und die grüne Wiese außerhalb in Ruhe zu lassen, so Mackenbach. Von der gesamten Fläche der Stadt würden 54 Prozent von Bebauung frei gehalten.

Verdunstung wichtig fürs Klima

Offener Boden sozusagen, der viel Wasser speichern und auch durch Verdunstung wieder abgeben kann. „Das ist von entscheidender Bedeutung fürs Klima“, sagt Gerd Hornig vom Geologischen Dienst Nordrhein-Westfalen. In Städten mit viel Freifläche bleibe die Temperatur niedriger, solange noch Wasser verdunsten kann. Nach langen Hitzeperioden - wie zuletzt - schleift sich allerdings auch dieser Effekt ab. Aus einem ausgetrockneten Boden kann auch nichts mehr verdunsten.

Das Drängen der Menschen in die Großstadt steht dem Ziel, möglichst große freie Flächen vorzuhalten, entgegen. Alle wollen wohnen, doch der Raum ist knapp. Das Zauberwort, das Stadtplaner dann nennen, ist Nachverdichtung. Wie beispielsweise im Kreuzviertel geplant, soll im Zentrum eines Häuser-Karrées ein weiteres Gebäude errichtet werden. Der Innenhof mit seinen offen Rasenflächen und dem Baumbestand weicht. „Das ist eine Herausforderung, denn die Menschen brauchen ja Wohnungen. Da muss man dann Ersatz schaffen eventuell durch Dachbegrünung“, so Mackenbach.

Gärten in luftiger Höhe

Der Boden wandert also vom Grund in die Höhe. Gärten in luftiger Höhe könnten vielleicht ausgleichen, was unten dicht gemacht wird. Denn auch Straßen werden gebaut.

Das Geheimnis des „schluffigen“ Dortmunder Bodens

Per Fußballfeld zeigt Sebastian Wolf vom Landesamt für Natur, Umwelt und Verbraucherschutz wie schnell Bodenflächen versiegelt werden © Dennis Werner

Zehn Hektar Fläche würden in Nordrhein-Westfalen pro Stunde versiegelt, sagt Sebastian Wolf vom Landesamt für Natur, Umwelt und Verbraucherschutz. Bei Präsentationen zeigt er symbolisch ein grünleuchtendes Fußballfeld (circa ein Hektar), das im Laufe der verstreichenden Sekunden und Minuten grau wird. Versiegelte Flächen sind ein Problem, sagt er: „Das wirkt sich auch aufs Klima aus“, so Wolf. Und noch ein weiteres Phänomen, das in der Vergangenheit auch in Dortmund häufiger aufgetreten war („Marten“) lasse sich erklären, schaue man sich die großen Asphalt- und Betonflächen an: Das Wasser laufe einfach ab, statt zu versickern, was regelmäßig zu Überschwemmungen führe.

Das Kima-Problem

Mit dem Klima-Problem müssen Städte umzugehen lernen. Auch in Dortmund. In den Hitzesommern 2003 und 2006 gab es laut Mackenbach 21 heiße Tage. „Jetzt haben wir schon 23 Hitze-Tage, und der Sommer ist längst nicht um“, sagt der Diplom-Geologe. Die Auswirkungen betreffen nicht nur die Menschen, die unter der Hitze leiden, sondern auch Tiere und Pflanzen.

Wo Erde ist, können Flora und Fauna gedeihen. Auf Dortmunder Boden leben seltene Tiere wie die Ringelnatter oder geschützte Amphibien. Weil die Fläche größtenteils nicht versiegelt ist, fühlt sich der bedrohte Flussregenpfeifer auf Phoenix-West heimisch. Auch in diesem Jahr habe er dort wieder gebrütet, so Mackenbach. Eine Chance bieten also die Brachflächen früherer Industrieanlagen. Ohne sie und die freien Flächen ginge Artenvielfalt verloren, sagt Magnus Süllwold. Er ist als wissenschaftlicher Mitarbeiter der Biologischen Station Kreis Unna/Dortmund zuständig für die Betreuung der Naturschutzgebiete in Dortmund.

Industriebrachen als Refugium für seltene Tiere

Zum Beispiel im Naturschutzgebiet Siesack sammeln Süllwold und Kollegen Daten zu Pflanzen und Tiere, um dann ein Pflegekonzept zu ermitteln. Aber Flächen, wo früher hart gearbeitet wurde, seien ebenfalls wichtig. Die Industriebrache – wie sie nun mitten in der Stadt auf dem Gelände von Hoesch Spundwand an der Rheinischen Straße entsteht – kann ein Ersatzlebensraum für seltene Tiere und Pflanzen sein, sagt er.

Das Geheimnis des „schluffigen“ Dortmunder Bodens

Beim Bodenaktionstag an der Reinoldikirche beschäftigten sich Klara, Enno und Mama Maren Süllwold spielerisch mit dem Thema Boden. © Dennis Werner

Die Schönheit des Dortmunder Bodens stecke im Detail, sagt Umweltpädagogin Regina von Oldenburg von der Natur- und Umweltschutzakademie NRW. Die Welt, die sie Menschen im Lumbricus-Bus – einem fahrenden Schullabor – näherbringen will, ist häufig eine Kleine. In gesunder Erde kreuchen und fleuchen Asseln, Tausendfüßler und andere Tierchen. Sie machten erst möglich, dass aus Pflanzen Boden werde. Und wo sie in großer Zahl zu entdecken sind, ist der Boden gesund. Im geschotterten Vorgarten dürfte man nur wenige finden.

Der Untergrund als Archiv

Und wer noch tiefer gräbt, stößt auf Zeugnisse der Menschen, die früher einmal in Dortmund lebten. „Der Boden hat für uns eine Archivfunktion. Jede Kultur hinterlässt ihre Spuren“, sagt Ingmar Luther, bei der Stadt Dortmund zuständig für die Bodendenkmalpflege. Am besten wäre es, die Funde würden gar nicht erst ausgegraben, um die Informationen für die Nachwelt zu erhalten. Aber eine Baustelle, wie es sie beispielsweise gerade am Wall gibt, mache es nun einmal notwendig, den Boden zu öffnen.

Das Geheimnis des „schluffigen“ Dortmunder Bodens

Bei den Bauarbeiten rund um St. Petri suchten Archäologen zunächst nach Funden aus alter Zeit. © Oskar Neubauer

„Da ist es wichtig, erst einmal Funde zu sichern und die Öffnung möglichst genau zu dokumentieren“, sagt Luther. Die Funde seien nicht immer wertvoll, sagten aber viel über den Alltag der Menschen im früheren Dortmund aus. Wie bei einem zerbrochenen Gefäß, das ein Zufallsfund war. Ein Dortmunder hatte in Brünninghausen eine Grube für seinen toten Hund gegraben und war auf die Scherben gestoßen. Die Experten untersuchen nun, über welche Zeit das zerbrochene Stück Aufschluss geben kann. Und ob es sich lohnt, dort weiter zu graben, um mehr zu finden. „So etwas ist wichtig: Wenn die Bürger etwas finden und es dann auch melden.“ Nur so könne ein Teil Geschichte aus dem Boden im Museum landen.

Es steckt also viel drin im Boden und nur selten sind sich die Dortmunder bewusst, worauf sie so herumlaufen. Es gibt die unterschiedlichsten Wege, wie man sich dem Untergrund nähert. Doch alle Experten, die ihn mit verschiedensten Methoden untersuchen, einschätzen und schützen scheinen sich einig zu sein: Der Blick nach unten lohnt.

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