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Der 18-jährige Benedikt Schäfer wollte nach seinem Abitur drei Monate in den USA verbringen – um neue Erfahrungen zu sammeln. Stattdessen landete er in einem Bostoner Gefängnis.

Dortmund/Boston

, 14.09.2018 / Lesedauer: 5 min

Benedikt Schäfer sitzt in einem Bostoner Gefängnis für illegale Einwanderer und schaut Fußball. Die Nacht hat der 18-Jährige in einer Zelle verbracht – und im Ungewissen. Erst am Morgen des Vortags hatte er sich von seinen Eltern verabschiedet und ist in Deutschland in ein Flugzeug gestiegen um nach seinem Abitur drei Monate in den USA zu verbringen. Was ist in der Zwischenzeit passiert?

Benedikt Schäfer hat keine Dokumente aus den USA. Das Auswärtige Amt bestätigt, dass es mit Familie Schäfer in diesem Fall zusammengearbeitet hat, gibt aber aus Gründen des Datenschutzes keine weiterführenden Informationen heraus. Auch die amerikanische Grenzschutzbehörde CBP bestätigt den Fall im Allgemeinen. Die folgende Schilderung der Ereignisse haben Benedikt Schäfer und seine Eltern aus dem Gedächtnis rekonstruiert.

Schwitzige Hände

Schäfer fliegt über Manchester mit der Fluglinie Thomas Cook nach Boston. Vorab hat er bereits eine elektronische Reisegenehmigung (ESTA) eingeholt. Diese berechtigt ihn zur Anreise zum Flughafen, allerdings nicht zur Einreise in die USA.

Darüber entscheiden Beamte der US Customs and Border Protection (CBP) am Flughafen. Sie kontrollieren seine Dokumente und nehmen Schäfer standardmäßig Fingerabdrücke ab. „Die waren zu gut“, erzählt er. „Meine Hände seien zu schwitzig – ob ich sehr nervös sei.“ Das reicht offenbar als Anfangsverdacht aus: Benedikt Schäfer wird in einen separaten Raum geführt. „Man hat mich da ein paar Stunden lang sitzen lassen ohne irgendeine Information. Ich durfte meine Eltern nicht anrufen, dass ich offensichtlich Schwierigkeiten bekommen habe.“

Der Lüge bezichtigt

In Boston ist Benedikt Schäfer mit Professor Mark Burrows verabredet, einem Freund der Familie. Bei ihm will er eine Woche verbringen und ihm beim Umzug helfen. Die folgenden Wochen will er auf der Farm eines Freundes von Professor Burrows verbringen „und von dort aus Unternehmungen machen, Städte besuchen, Wanderungen machen, ein bisschen mithelfen aber kein Geld bekommen, keinen festen Arbeitsvertrag, keine festen Arbeitszeiten“, sagt Schäfer. Einen Rückflug hat er noch nicht gebucht, weil er die letzten Tage seines USA-Aufenthalts frei gestalten können möchte.

Benedikt Schäfer schildert all das auch den Beamten der US Customs and Border Protection, die ihn mehrfach verhören. Doch die glauben ihm nicht. „Man hat mir vorgeworfen ich würde sie anlügen, dass es Mark gar nicht gäbe, der wahrscheinlich nicht mal 100 Meter Luftlinie von mir im Warteraum saß, den ich aber auch nicht sehen durfte, ich durfte ihn nicht sprechen und auch nicht anrufen.“

Die Beamten werfen Schäfer vor, nicht zum Reisen sondern als Arbeitsmigrant zu kommen. Auch dass er keinen Rückflug gebucht hat, wird zum Problem.

Tipps für die Einreise in die USA vom Auswärtigen Amt:
  • Deutsche Staatsangehörige können visumfrei in die USA einreisen, sofern sie im Besitz eines elektronischen Reisepasses (e-Pass mit Chip) und einer gültigen elektronischen Einreisegenehmigung (ESTA) sind.
  • Falls Sie visumfrei einreisen, sollten Sie ein gültiges Rück- oder Weiterflugticket haben.
  • Planen Sie Zeit für erweitere Sicherheitskontrollen bei der Abreise und am Ankunftflughafen ein.
  • Die Transport Security Administration (TSA) hat das Recht, alle Gepäckstücke zu öffnen und haftet nicht für verlorene oder beschädigte Inhalte.
  • Bei der Einreise wird die Angabe der Adresse verlangt, an der Sie sich in den USA aufhalten.
  • Ihre Fingerabdrücke werden am Einreiseflughafen digital gescannt und es wird ein digitales Porträtphoto erstellt.
  • Führen Sie gültige Einreisedokumente auch während der Reise stets bei sich.

Alle Adressen und Telefonnummern, die Benedikt Schäfer bei sich hat, muss er angeben. Und er muss Einblick in sein Konto gewähren, um zu zeigen, dass er das Geld für einen Rückflug hat. „Es haben mich mehrere Officers verhört. Teilweise waren es drei, vier, die mich dann angeschrien haben, ich würde sie anlügen. Und dann hat man mich einen Eid leisten lassen.“

Ein Anruf in der Nacht

Irgendwann erlauben die Beamten Benedikt Schäfer, seine Eltern und die deutsche Botschaft in Washington anzurufen. Seinen Vater erreicht er gegen 3 Uhr morgens deutscher Zeit. Die deutsche Botschaft in Washington ruft Benedikt Schäfer nicht an: „Ich habe gefragt, ob mir das irgendwas bringen würde. Es war ja 11 Uhr abends, also wahrscheinlich nicht die normale Büroöffnungszeit der Botschaft. Und da meinten die Officers nein nein, das bringt jetzt eh nichts mehr.“

Wie ein Dortmunder in Amerika als illegaler Einwanderer im Gefängnis landete

Professor Gerhard Schäfer und Pfarrin Heike Bährle, die Eltern von Benedikt Schäfer. © Bastian Pietsch

„Benedikt hat uns nur gesagt, es sei alles schief gelaufen und man würde ihm vorwerfen, ein illegaler Arbeitsmigrant zu sein. Das war in jeder Hinsicht völlig unerwartet“, erzählt Vater Gerhard Schäfer. Benedikts Mutter, Pfarrerin Heike Bährle, gelingt es schließlich, einen Kontakt zum Notdienst der deutschen Botschaft in Washington herzustellen, die sich des Falles annimmt.

In Handschellen

Die Beamten am Bostoner Flughafen sagen Benedikt Schäfer, er werde am nächsten Tag von Thomas Cook zurück nach Europa gebracht und dürfe die Nacht in einem Zimmer verbringen, würde etwas zu Essen bekommen. Doch es kommt anders.

„Man hat mir Handschellen angelegt. Zwei Officers haben mich festgehalten: Einer drückt einem den Kopf runter einer hält die Hände fest. Dann hat man mich mit einem Panzerwagen in ein Gefängnis gefahren.“ Welches Gefängnis das war, weiß Benedikt Schäfer, weil er später den Gefängnishof auf Google Maps wiedererkennt: Es handelt sich um das Suffolk County House of Correction. Ein Gefängnis in Boston, das auch einen speziellen Trakt für illegale Einwanderer hat.

Im Gefängnis wird Benedikt Schäfer noch mal verhört und medizinisch untersucht. Er bekommt eine Tuberkulosespritze und wird gefragt, ob er sich oder anderen wehtun möchte. „Die Krankenschwester war eigentlich die einzig nette an diesem Abend“, sagt Schäfer, „weil die das Ganze mit Humor genommen und meinen Galgenhumor auch verstanden hat.“

Benedikt Schäfer bekommt einen orangenen Overall, wie man ihn aus Filmen kennt. Alle persönlichen Gegenstände außer Schuhen, Socken und Unterwäsche werden ihm abgenommen. Dann wird der deutsche Abiturient in eine Zelle mit einem Brasilianer und einem Haitianer geführt.

Wenigstens nicht in der Gaskammer

Eine Nacht und einen Tag verbringt Benedikt Schäfer im Suffolk County House of Correction. Kontakt zu Freunden, seiner Familie oder zur deutschen Botschaft kann er nicht aufnehmen. Obwohl er bei der Aufnahme angibt, Vegetarier zu sein, bekommt er Mahlzeiten, die maßgeblich aus Fleisch bestehen.

Doch ein Erlebnis scheint Schäfer besonders berührt zu haben. Eine Wärterin fragt ihn, woher er komme. Als sie erfährt, dass er aus Deutschland kommt, sagt sie erst, es sei sehr schön dort. Doch als Benedikt Schäfer sich wünscht, lieber zu Hause zu sein als in einem amerikanischen Gefängnis, sagt die Wärterin: „Wir schmeißen euch wenigstens nicht in Gaskammern.“

Die Gedanken sind frei

Am Abend des 18. August wird Benedikt Schäfer aufgefordert, seine Sachen zu holen, und in eine Einzelzelle gebracht. Er erfährt nicht warum. In Einzelhaft, so erzählt Schäfer, habe er schließlich angefangen zu singen:

Und sperrt man mich ein
im finsteren Kerker
das alles sind rein
vergebliche Werke
denn meine Gedanken
zerreißen die Schranken
und Mauern entzwei:
die Gedanken sind frei.

Benedikt Schäfer wird zum Flughafen gebracht. Seine Eltern haben in Zusammenarbeit mit der deutschen Botschaft in Washington die amerikanischen Behörden davon überzeugen können, dass er mit einem selbst gebuchten Flug zurück nach Europa darf, nicht erst mit dem nächsten Flug von Thomas Cook. In Handschellen wird der 18-Jährige durch den Flughafen geführt. „Ich hab mich gefühlt wie ein Schwerverbrecher“, sagt er.

Die letzte Entscheidung trifft schließlich der Pilot von TAP Air Portugal. Er muss Schäfer ein letztes Mal befragen und kommt schnell zu einem Schluss: „Er meinte zu mir, es sei ihm eine Ehre, mich nach Hause bringen zu dürfen, weil ich EU-Bürger bin und wir zusammenhalten.“

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