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Wer wirklich wissen will, wie eine Stadt tickt, sollte sich ins Amtsgericht setzen. Denn die vermeintlich kleinen Fälle erzählen mehr über eine Gesellschaft als jedes Spektakel.

Dortmund

, 15.07.2018 / Lesedauer: 15 min

Was in einer Stadt wirklich los ist, steht nur zum Teil in den Zeitungen. Sie erzählen es auch nur ansatzweise im Radio, ein Stück weit in der Kneipe und ein bisschen im Stadion. Was wirklich wichtig ist in einer Stadt - wer dort lebt, wer was tut, wem was gehört und wen was umtreibt - das erfährt man im Amtsgericht. Hier sammeln sich die Dramen, die für die Gemeinschaft ein Fliegenschiss sind, aber für die Betroffenen ein Gebirge sein können.

Hier treffen sich Schicksale, die jahrzehntelang miteinander verwoben waren und jetzt heillos verknotet sind. Genauso wie Menschen, die sich nur zufällig trafen, in einem Wimpernschlag, für einen Faust- oder einen folgenschweren Handschlag.

Neun Stufen muss man in Dortmund hinaufsteigen, um ins Amtsgericht zu kommen. Eigentlich sind es 13 Stufen, aber die ersten vier liegen draußen, vor der Tür. Die lassen wir links liegen, denn oft sind sie leer. Abgesehen von denen, die hier noch schnell eine rauchen. Das sind dann wieder gar nicht so wenige. Denn die Anspannung auf den Stufen vor ihnen ist groß.

Neun Stufen also im ersten Innenraum. Dann eine Tür, dahinter eine Schleuse. Die Schleuse - ein Raum und dahinter noch ein Raum - in ihm zwei Wachtmeister, hält den Verkehr meistens auf. Sie kann nichts dafür, das ist ihr Job. Manche Schleusen halten Flüsse auf, diese hier hält Menschen auf. Um sie zu durchleuchten.

Es unterscheidet sich Metall von Kunststoff, organisch von anorganisch

1998 starb ein Amtsrichter in Essen, er wurde erschossen, fünf Schüsse, zwei Treffer, ein Bekennerschreiben. Der Täter richtete sich selber. In der Folge wurden die Gerichte, auch das in Dortmund, mit schrankgroßen Geräten ausgestattet, die durchleuchten und Metall von Kunststoff, Glas von Holz und organisch von anorganisch unterscheiden. Und mit einem Metalldetektor, durch den jeder schreiten muss, nicht ohne zuvor den Gürtel abzulegen. So wie Uhren. Oder Schmuck.

Eine Woche Amtsgericht zeigt: „Die, die vor Gericht kämpfen, kämpfen heute viel härter“

Wenn es voll ist, warten sie auch einmal eine halbe Stunde oder eine drei viertel, bis sie selber an- und ablegen müssen. © Dieter Menne

So stehen die Menschen da und warten, dass Gürtel ab- und wieder angelegt werden. Wenn es voll ist, warten sie auch einmal eine halbe Stunde oder eine drei viertel, bis sie selber an- und ablegen müssen. Und wenn man sich das anschaut, sieht man auf diesen neun Stufen das pralle Leben stehen. Einmal alles. Mit oder ohne scharf. Hier häufiger mit.

Diese neun Stufen sind auch in einer großen Stadt wie Dortmund, in der es viele Stufen gibt, besonders. Die 400 bis 500 Menschen, die auf ihnen am Tag stehen, sind äußerlich ruhig. So gut wie nie sagt jemand ein Wort. Sie halten ihre Ladungen in der Hand, halten sich daran fest und warten. Die Ruhe ist oft Anspannung. Denn dass hier häufig ein ordentlicher Druck auf dem Kessel ist, sieht man erst auf den dritten Blick. Der Blick, der die kleine Schweißperle auf manchen Stirnen erkennt. Das Kneten der Finger. Die weißen Knöchel, die den Autoschlüssel halten.

Eine Woche Amtsgericht zeigt: „Die, die vor Gericht kämpfen, kämpfen heute viel härter“

Hieb- und stichfest. Im Keller des Amtsgerichtes hängen Westen für die Wachtmeister. Das Bild entstand, als Deutschland noch bei der WM mitspielte. © Dieter Menne

Dass der Druck explodieren kann, wissen die Wachtmeister, die nicht ohne Grund zu zweit sind. Immer mal wieder werden Menschen bockig, wollen den Gürtel nicht ablegen, wollen nicht ohne Ehepartner durch die Schleuse, wollen dies nicht oder jenes nicht. Meistens genügen Worte, manchmal nicht. Was aber hilft, um so ein Verhalten einzuordnen, ist vielleicht, die Angst zu verstehen, die manche hier mit sich tragen. Oder den Zorn. Auf sich oder andere.

Das ist ein Gericht. Hier werden Entscheidungen gefällt, die erhebliche Konsequenzen haben können. Und es muss nicht immer die Haft sein. Da gibt es noch so viel mehr.

Neun Stufen mit drei verschiedenen Zeitebenen

Anders als die, die hier vorgeladen sind, als Zeugen oder Angeklagte oder Opfer, sind die Anwälte. Sie kommen hinein, laufen an der Schlange vorbei, stellen sich neben die Person, die als nächste an der Reihe ist. Und schlüpfen mit ihr hinein. Halten ihren Ausweis hoch, ignorieren den piepsenden Metalldetektor und das Gemurre der übrigen Wartenden und verschwinden auf den Gängen. Wer ihr Hineinschlüpfen in den Kosmos Amtsgericht privilegiert findet, gibt sich schnell zufrieden, denn die kleinen Könige, nicht nur an der Schleuse, sind die Richter. Haben einen eigenen Schlüssel für den eigenen Eingang am Ende der eigenen Treppe. Die gleichen neun Stufen, aber getrennt durch ein Geländer.

So gibt es auf diesen neun Stufen drei verschiedene Zeitebenen, und wenn man die hinter sich gelassen hat, dann erst ist man drin. In dem altehrwürdigen Bau von 1904.

Drei Stockwerke hoch. Vorne, zur Straße raus, liegen die großen Gerichtssäle. An den Ecken die kleineren. Dann, auf den langen seitlichen Fluren Richterzimmer und Geschäftsstellen, nach hinten raus wieder Richterzimmer und Gerichtssäle. Ein System, in sich geschlossen, was nicht heißt, dass es sich nicht verändert.

Eine Woche Amtsgericht zeigt: „Die, die vor Gericht kämpfen, kämpfen heute viel härter“

Drei Stockwerke hoch, hohe Flure und die Geländer noch die alten von damals, von 1904. © Dieter Menne

Einerseits räumlich. Die großen Säle, sie nennen die hier „Center Court“, sind noch so aufgebaut, wie man sich 1904 ein Gericht vorstellte: der Richter oben, unten der Angeklagte. So platziert, dass das Tageslicht in sein Gesicht fällt und der Richter sich ein Bild machen kann. Andererseits verändern sich die Fälle.

Das größte Problem vor dem Jugendgericht sind die Drogen

„Das größte Problem, das wir hier vor Gericht haben, sind Drogen. Haschisch oder Gras.“

Dr. Gerd Breuer ist Jugendrichter, Amtsgericht Dortmund, vor ihm sitzen drei Praktikanten, es ist kurz nach zehn Uhr an einem Wochentag in der ersten Juliwoche. Eigentlich sollte hier seit wenigen Minuten verhandelt werden. Wird es aber nicht, der Angeklagte ist nicht erschienen. Er soll, so sieht das die Anklage, seinem Vater ein Akkordeon gestohlen haben. Er habe dazu eine Tür aufgebrochen und das Familienerbstück, das der Vater wiederum von seinem Vater bekam, für rund 1000 Euro versetzen wollen. Um seine Drogensucht zu finanzieren.

Ein Drama für die Familie, unbedeutend für die Gesellschaft. Man würde jetzt gerne den jungen Mann zu dem Thema befragen, aber er kommt halt nicht. Theoretisch könnte man ihn jetzt vorführen lassen, also zu einem späteren Termin per Expresslieferung durch die Polizei ins Gericht bringen lassen. Aber solche Dinge hebt man sich lieber für Ersttäter auf, junge Menschen, bei denen man annimmt, dass sie so etwas nachhaltig beeindruckt und auf den rechten, also legalen Weg zurückführt. Ein Strafbefehl soll es nach kurzer Beratung bei dem Akkordeondieb richten, 600 Euro soll er zahlen. Ersatzweise gingen auch 60 Tage Freiheitsstrafe, was, wenn man es so sieht, mit 42 Cent ein wirklich miserabler Stundenlohn wäre.

Ein Akkordeondieb, zwei randalierende Brüder und ein Missverständnis

Breuer verhandelt in den nächsten zwei Stunden:

Einen, der mit 18 Jahren und 1,4 Promille nachts einen Wagen durch Düsseldorf lenkte. Er bekommt, schwierige Familienverhältnisse, jetzt in der Ausbildung und nachweislich seit dieser Fahrt trocken, eine Strafe von 200 Euro und für weitere sechs Monate den Führerschein entzogen.

Zwei Brüder, einer zur Tatzeit 18, der andere 24, die bei einer Party ausrasteten. Als die Polizei zur ersten Ruhestörung ausrückte, pöbelten sie. Als die Polizei dann noch mal rauskam, wurden sie handgreiflich. Der Ältere geht mit fünf Monaten Haft auf Bewährung und 80 Stunden gemeinnütziger Arbeit nach Hause, der Jüngere bekommt Richter Breuers Lieblingsstrafe: das „strukturierte Wochenende ohne Alkohol“. Er muss sich in den kommenden drei Monaten immer am Wochenende in der nächstgelegenen Polizeiwache melden. Nüchtern. Am Freitagabend um 20 und um 22 Uhr, am Samstag um 7, um 20 und um 22 Uhr und am Sonntag um 7 Uhr. Einmal nur, in einem anderen Fall, ging das schief, als einer, der das auch machen musste, in der Polizeiwache mit Gras auffiel. Er rannte aus der Wache und dann vor ein Auto und dann weg. Problematisch war nur: Er hatte danach zwei weitere Verfahren an der Backe. Eins wegen Unfallflucht und eins wegen Drogenbesitzes.

Eine Woche Amtsgericht zeigt: „Die, die vor Gericht kämpfen, kämpfen heute viel härter“

Grün heißt öffentlich, rot ist nichtöffentlich. © Dieter Menne

Es folgt an diesem Vormittag ein junges Pärchen aus Ecuador. Sie hat ein Neugeborenes auf dem Arm, beide sehr nervös. Sie sollen bei einem Modehaus am Westenhellweg Waren im Wert von 215,50 Euro gestohlen haben, die Geschichte wird sich als ein einziges großes Missverständnis und das Modehaus als Primark herausstellen. Die beiden werden als unschuldig entlassen.

Ein weiterer junger Mann, notorischer Schwarzfahrer, erscheint nicht zur Verhandlung, vielleicht hatte er kein Ticket, er wird in den nächsten Tagen einen Strafbefehl von 400 Euro in der Post haben.

Mittendrin ist dann doch noch der Akkordeondieb vorstellig geworden. In Begleitung seiner Großeltern. Der Vater musste arbeiten, die Mutter mochte nicht mitkommen. Der Staatsanwältin zufolge hatte der Sohn bei einem gemeinsamen Einkauf den PIN der Mutter „ausgespäht“ und sich dann später vom Konto der Mutter 3000 Euro besorgt, um sie mutmaßlich für Drogen auszugeben. Wie sich zeigt, hat der junge Mann seinem Vater später das Akkordeon zurückgegeben und leidet, das ist ärztlich verbrieft, unter einer paranoiden Schizophrenie. Die Großmutter schluchzt und der Enkel bekommt für die nächsten sechs Monate einen Betreuer. Hätte er keine Erkrankung, wäre es anders gelaufen, unter anderem wäre er wahrscheinlich in den Jugendarrest gekommen. Dort gebe es, so Richter Breuer, kein Drogenproblem - im Gegensatz zu jedem normalen Knast.

Fünf Fälle von den rund 700 im Jahr, die Amtsrichter Breuer aburteilt.

Weniger Jugendliche - weniger Jugendstrafverfahren

Breuer ist ein fröhlicher Mann, mit seinen 50 Jahren und den weißen Haaren strahlt er eine zufriedene Gelassenheit aus. Er richtet über Jugendliche und Heranwachsende seit acht Jahren, streng genommen neun, weil er das Anfang der 2000er auch mal in Lüdenscheid gemacht hat. Da ging es um frisierte Mopeds und so Sachen. Hier geht es um Joints, Schwarzfahren und um Diebstahl, wobei das eine mit dem anderen zu tun haben kann. Breuer ist irgendwann aufgefallen, dass viele seiner Schwarzfahrer in der Verbindung zum Keuning-Haus erwischt wurden, er fing dann an, nachzufragen und glaubt jetzt daran, dass 50 Prozent der Schwarzfahrer schwarzfahren, weil sie ihr Geld lieber in Drogen als in Tickets stecken.

Was ihm weiter auffällt: Die Jugendstrafverfahren gehen zurück. Was sich damit erklären lässt, dass die Zahl der Jugendlichen zurückgeht. Dafür haben immer mehr Eltern Probleme mit sich selber, verstehen Post von Gerichten nicht und können den Jugendlichen keine Stütze sein.

Eine Woche Amtsgericht zeigt: „Die, die vor Gericht kämpfen, kämpfen heute viel härter“

Dieser Satz vom „miteinander reden“ ist ein Mantra in den Fluren mit den Steinböden und den hohen Decken. © Dieter Menne Dortmund

Es gibt in diesem Amtsgericht einige Dinge, die immer wieder auftauchen, auch in verschiedenen Abteilungen. Der Satz etwa, dass es hilft, miteinander zu reden, bevor etwas eskaliert. Nur haben das nicht alle gelernt. Doch dieser Satz vom Miteinander-Reden ist ein Mantra in den Fluren mit den Steinböden und den hohen Decken. Miteinander reden, bevor wer die Miete nicht mehr zahlen kann und es zu einem Gerichtsprozess kommt. Bevor die Beziehung zerrüttet ist und die Scheidung vor der Tür steht. Und mit ihr die Frage, wie der Haushalt verteilt wird. Das ist oft ein hässlicher Streit, sagt die Familienrichterin. Noch hässlicher wird es eigentlich nur, wenn es um die Frage geht, wer die Kinder bekommt. Und wenn dann Kinder von den Richtern befragt werden.

„Und was machst du so in deiner Freizeit?“

„Ich male gerne und ich soll dir sagen, ich will bei meiner Mama wohnen.“

Früher gab es diese Frage nicht, da blieb das Kind bei der Mutter und der Vater zog aus. So selbstverständlich ist das heute nicht mehr. So wie auch Erziehungsfähigkeit verloren gegangen sein muss in den letzten 15 Jahren, in denen die Familienrichterin richtet. Hier sind sie wieder, die Eltern, die ihren Kindern keine Stützen sind. Schlimmer noch, die ihnen nicht gut tun, weil sie es nicht können. Eltern, die nicht wissen, wie sie reagieren sollen, wenn ein Kind schreit.

Die meisten Polizisten werden verletzt, wenn sie zu Fällen von häuslicher Gewalt müssen.

Die Richterin, die das erzählt, richtet über Familien, ihre Verhandlungen sind nicht öffentlich, was auch gut so ist, denn das Schlachtfeld der Liebe, an dessen Ende hier der totale Krieg stehen kann, ist rational oft nicht zu erklären. Es hat vermutlich einen Grund, dass die meisten Polizisten, die im Dienst verletzt werden, ihre Blessuren davontragen, wenn sie zu Fällen von häuslicher Gewalt gerufen werden.

Das Bundesverfassungsgericht hat geurteilt, dass niemand den Anspruch auf Idealeltern hat, aber es bleibt schlicht eine Entscheidung von unglaublicher Tragweite, Eltern das Kind zu entziehen. Wenn so etwas passiert, kommt ein Kind in eine Bereitschaftspflegefamilie und von dort in eine Dauerpflegefamilie, was in sich schon mehrere Beziehungsabbrüche sind.

Das Familiengericht in Dortmund sind 16 Richterinnen und Richter. 4250 Verfahren in 2017, Sorgerecht oder Umgang, Unterhalt oder Scheidung. Quasi unter Ausschluss der Öffentlichkeit, dafür im Halbkreis im Gerichtssaal, alles auf einer Ebene. Architektonisch so angeordnet, um zu zeigen, dass man gemeinsam an einer Lösung arbeitet und sich im besten Fall einigt und nicht urteilt. Wo es die meisten dann doch irgendwann schaffen, sich gesittet zu benehmen.

So ein Amtsgericht läuft oft unterhalb des medialen Radars, denn der Mord und der Totschlag, die laufen vermeintlich vor dem Landgericht. Da schaut die Öffentlichkeit hin. Nur: Wer verübt in seinem Leben einen Bombenanschlag auf die Spieler des BVB? Und wer begeht ein Verkehrsdelikt, fährt schwarz, zahlt seine Miete nicht oder lässt sich scheiden? Nur weil der Fokus auf dem Landgericht liegt, heißt das nicht, dass das Amtsgericht weniger wichtig ist. Nur weil etwas von der Öffentlichkeit nicht wahrgenommen wird, heißt das nicht, dass es in seiner Konsequenz unbedeutend ist.

Und vieles bekommt die Öffentlichkeit ja auch gar nicht mit: Es gibt im Amtsgericht sehr wohl das Personal für die harten Fälle, den BVB-Anschlag etwa oder den Mord an Nicole-Denise Schalla.

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Das sind die Ermittlungsrichter. Sie entscheiden, oft sehr schnell und meistens nach Aktenlage, ob ein Haftbefehl ausgesprochen wird, ein Durchsuchungsbefehl oder auch eine TKÜ, die Telekommunikationsüberwachung. Vier Ermittlungsrichter gibt es und für den Job braucht man häufiger mal ein breites Kreuz. Ein Richter, sei er noch so jung, kann in einem Prozess auch mit einem erfahrenen Rechtsanwalt umgehen, denn der Richter weiß: Er hat ein Prädikatsexamen, der Anwalt in der Regel nicht. Wenn jetzt aber ein erfahrener Staatsanwalt ins Zimmer rauscht, der eben auch ein Prädikatsexamen hat und natürlich das Ziel hat, eine Anklage rund zu bekommen, dann kann das schon mal knistern.

Die Staatsanwaltschaft ist keine Abteilung des Amtsgerichts, sie liegt halt nur direkt daneben. Im Gebäudetrakt neben der Staatsanwaltschaft liegt die „Inso“. Schräg gegenüber der Kantine. Inso steht für Insolvenzgericht und hier geht es um die Pleitegeier und Habenichtse. Man ist ja schnell mit seinen Meinungen bei der Hand und es bleibt ja auch Fakt, dass ein Großteil der Menschen, die in die Privatinsolvenz rauschen, vorher ein „unangemessenes Konsumverhalten“ an den Tag gelegt hat. So heißt das juristisch. 10.238 Privatinsolvenzen, die sie hier Verbraucherinsolvenzen nennen, gab es 2017. Ein „konstant hohes Niveau“ sei das.

Akten, randvoll mit schwarzem Humor.

Aber eben längst nicht alle, die da hineingeraten sind, haben stumpf mehr ausgegeben als eingenommen. Wenn die Richter und Rechtspfleger, die in der Inso arbeiten, eins gelernt haben, dann, dass die Wege in den Ruin so zahlreich sind wie die Aktenbestände in einem Amtsgericht. Nahezu unendlich. Kleinigkeiten reichen aus. Eine Arbeitslosigkeit in der Familie und die Raten für was auch immer ziehen alle runter. Ein krankes Familienmitglied, das dafür sorgt, dass einer von zwei Verdienern nicht mehr verdienen kann – und der Finanzierungsplan für das Haus ist Makulatur. „Wenn Du Gott zum Lachen bringen willst, mach einen Plan“, lautet ein Sprichwort. Wenn das stimmt, dann sind die Akten in der Insolvenzabteilung eine ganze Witze-Bibliothek. Randvoll mit schwarzem Humor.

Wenn man so will, sagt eine Rechtspflegerin, dann ist jede Akte letztlich ein Dokument des Scheiterns. Wenige Minuten später wird sie eine Zwangsversteigerung leiten. Eine von rund 150 im Jahr. Hier geht es um eine rund 70 Quadratmeter große Wohnung. Alte Radstraße, direkt gegenüber von Hoesch Spundwand Profile. Eine Steinwurfweite entfernt rauscht der Verkehr auf der Dorstfelder Brücke über die Rheinische Straße und darunter liegen die Bahngleise. Schöner wohnen definiert sich anders, 27.000 Euro sagt dazu das Wertgutachten. Eine Grundschuld von 100.000 Euro ist auch noch eingetragen und die Wohnungsinhaber, ein Paar, haben den Gutachter nicht reingelassen. Eine Wohnung im Sack.

Zwölf Menschen sind zur Versteigerung bekommen, die Hälfte bietet mit, nach etwas mehr als einer halben Stunde gibt es einen neuen Besitzer. Eine GmbH hat sich die Wohnung 52.000 Euro kosten lassen. Es ist noch gar nicht so lange her, acht oder neun Jahre vielleicht, da hätte für diese Wohnung ein Termin nicht ausgereicht. Da hätte es einen zweiten, dritten oder vierten Termin geben müssen, um sie erfolgreich zu versteigern. Es gab damals, sagen sie in der Inso, einen riesigen Berg an Wohnungen und Häusern, die nicht verkaufbar waren. Vergangenheit. Seit vier, fünf Jahren ist inzwischen jede Versteigerung gut besucht und der Wert, den der Gutachter feststellt, wird immer überschritten. Die Zyklen, denen ein Immobilienmarkt unterworfen ist, den spüren sie hier ganz genau. Und halten ihn in der Grundbuchabteilung fest.

Wem was in Dortmund gehört, welches Flurstück, welches Haus, welche Wohnung, welcher Anteil bis in die Bruchzahlen hinein, all das findet sich in den Grundbuchakten. In den kleinen, die die Geschichte einer Wohnung oder eines Hauses erzählen. Und in den großen, die tausende Wohnungen enthalten. Oder einen Hannibal II. Der ja auch mal zwangsversteigert worden ist. Davon erzählen sie sich in der Inso noch heute.

Eine Woche Amtsgericht zeigt: „Die, die vor Gericht kämpfen, kämpfen heute viel härter“

Wem was in Dortmund gehört, welches Flurstück, welches Haus, welche Wohnung, welcher Anteil bis in die Bruchzahlen hinein, all das findet sich in den Grundbuchakten. © Dieter Menne

So, wie es in jeder Institution Geschichten gibt, die über die Flure wabern, so ist das auch im Amtsgericht.

Die Vaterschaftsklage bei den Zwillingen, bei denen sich herausstellte, dass die Zwillinge unterschiedliche Väter hatten.

Das drogensüchtige Kaninchen. Sein Besitzer hatte es immer unter der Jacke. Der Mann rauchte seine Drogen und das Kaninchen rauchte passiv mit. Man möchte gar nicht wissen, wie rot die Kaninchenaugen waren, inzwischen sind sie geschlossen: Der Besitzer musste wegen Schwarzfahrens ins Gefängnis. Das Tierheim weigerte sich, ein süchtiges Tier aufzunehmen und sein Besitzer erschlug es dann vor Haftantritt. Das einzige Lebewesen, zu dem dieser Junkie eine enge Bindung hatte. Drogen töten.

Die Massenschlägerei vor dem Gerichtssaal. Es war der dritte Verhandlungstag, vor Gericht standen zwei Hochzeitshallenbetreiber aus Dortmund, die Hallen lagen in direkter Nachbarschaft, der eine Betreiber war Kurde, der andere Türke. Am ersten Verhandlungstag, vorsichtshalber mit Saalschutz durch die Wachtmeisterei, war alles ruhig. So auch am zweiten, der Saalschutz wurde nicht gebraucht, am dritten dann, als er nicht mehr da war, ging es rund. Blut floss und das vielleicht deprimierendste an der ganzen Geschichte, sagt die damals beteiligte Richterin heute, war, dass sich das alles nicht aufklären ließ. Alle, die sich da gewemst hatten wie die Irren, hatten null Interesse daran, dass das aufgeklärt wurde. Und hatten damit also auch null Interesse am Rechtssystem.

Was wichtig ist, passiert hier, auch wenn das kaum wahrgenommen wird.

Das Amtsgericht, man lernt das, wenn man eine Woche lang durch seine Flure läuft, ist ein Querschnitt durch die Gesellschaft. Was wichtig ist, passiert hier, auch wenn das kaum wahrgenommen wird.

Wer denkt denn schon an so Sachen wie Betreuung, wenn sie nicht vor der eigenen Tür steht und kräftig dagegen bollert? Früher, wieder so ein früher, aber wie bereits erwähnt, ändern sich die Dinge halt auch vor Gerichten, war die Betreuungsabteilung so eine Art Seniorenresidenz. Im Amtsgericht nannten sie sie die Heimabteilung. Menschen, die hier in den Akten auftauchten, waren in der Regel zuvor alt und ein bisschen tüdelig, wurden dann vergesslich und waren irgendwann komplett verwirrt. Dann wurden sie Namen in den Akten. Demente Senioren, die einen Betreuer brauchten. Die gibt es auch noch heute. Aber es gibt eben auch die Menschen, die mit der Geschwindigkeit der Welt oder ihren Anforderungen nicht mehr klarkommen und selber einen Antrag auf Betreuung oder Teilbetreuung stellen, weil sie merken: So wie es bis jetzt lief, so geht es nicht mehr weiter. Viele Junge übrigens inzwischen, mit psychischen Problemen. Früher hatten sie hier ein Verhältnis von einem Zimmertermin zu drei Ortsterminen. Ortstermine fanden im Heim statt, Zimmertermine in den Zimmern des Amtsgerichts. Heute kommt auf einen Ortstermin ein Zimmertermin und was das jetzt bedeutet, wollen sie nicht bewerten. Man könne das nur beobachten. Die Richterin, die hier Rede und Antwort steht, hat 650 Betreuungen im Jahr und sagt, dass die Zahl der Betreuungen in den letzten Jahren gestiegen ist. Sie hat in ihrer Abteilung 17 weitere Richterkollegen, zusammen brachten sie es 2017 auf 10.813 Betreuungen und Pflegschaften.

Eine Woche Amtsgericht zeigt: „Die, die vor Gericht kämpfen, kämpfen heute viel härter“

Zellen hat das Dortmunder Amtsgericht natürlich auch. Mit einem eigentümlichen Geruch in ihnen, eine Mischung aus Tabak, Schweiß und Mensch. © Dieter Menne

Das hohe Gericht ist kein Neutrum, es ist inzwischen in der Regel eher weiblich. Von 91 Richtern sind 47 Frauen, im gehobenen und höheren Dienst sind von 78 Angestellten 52 Frauen und das dürfte der Institution nicht schaden. Einer der alten Knochen, die es natürlich auch noch gibt, ist inzwischen der Meinung, dass Amtsrichter die neue Grundschullehrerin ist, denn der Job ist familienkompatibel, was an der sogenannten „richterlichen Unabhängigkeit“ liegt. Ein hohes Gut, nicht nur, was die Urteile angeht. Auch die Arbeitszeiten sind frei einteilbar, man muss seinen Kram halt nur hintereinanderkriegen. Ob man jetzt an einem Sonntag oder an einem Mittwochmorgen um fünf Uhr seine Akten wälzt, ist jedem selbst überlassen. Und wie ein Lehrer den Ton in seinem Klassenzimmer vorgibt, so gibt ein Richter den Sound in seinem Saal vor.

Alle, die hier arbeiten, müssen auch die Absurditäten des Rechtssystems aushalten.

Ein Richter muss eine eigene Meinung haben und die dann auch durchziehen können, sagt eine Richterin an einem Morgen in der Kantine. Der Kaffee ist in Ordnung, es gibt diverse Tische hier, aber nur zwei längere, die wie Tafeln wirken. Die eine Tafel, die am Fenster, gehört den Richtern, hier sitzen sie zwischen den Sitzungen oder in den Pausen. Ohne Roben, ohne Schlipse, sehen sie aus wie Sachbearbeiter in einer Versicherung. Zwischen ihnen sitzt ab und an auch mal ein Anwalt, man kennt sich ja. Die andere Tafel ist so etwas wie der Stammtisch der Staatsanwälte und die Besonderheit dieses Tisches ist, das hier tatsächlich nur Staatsanwälte sitzen.

Alle eint, dass sie die Absurditäten des Rechtssystems, die es ja auch gibt, aushalten müssen. Menschen zum Beispiel, die immer wieder vor Gericht erscheinen, wie alte Bekannte. Der Drogenabhängige, der immer wieder wegen seiner Beschaffungskriminalität angezeigt wird. Der Schwarzfahrer, der immer wieder schwarzfährt. Die Menschen, die 25 und mehr Verfahren mitmachen und bei denen man sich die Frage stellt, was das eigentlich immer wieder bringen soll. Aber was hier im Amtsgericht aufläuft, ist die Gesellschaft. Und es ist das, was sich die Gesellschaft leisten können muss in jedem einzelnen Fall: Zuhören und abwägen, bevor sie urteilt. Nach klaren Regeln. Immer wieder. Jedes einzelne Mal. Und manchmal bekommen Menschen tatsächlich nach ihrem 25. oder 35. Verfahren die Kurve. Leistungsträger der Gesellschaft werden sie in der Regel nicht mehr, aber ein Teil von etwas zu sein, ist ja auch schon nicht schlecht.

Wohneigentum als Fortsetzung des Kleingartenvereins im Hochhaus.

„Es menschelt viel in meinem Beruf“, sagt Ulf Börstinghaus, er ist ein Professor und Doktor, Amtsrichter ist er auch und im Amtsgericht Dortmund so etwas wie der Papst des Mietrechts. Zahlreiche Veröffentlichungen, Ehrenvorsitzender des Deutschen Mietgerichtstags, Honorarprofessor, man erstarrt fast vor Ehrfurcht und dann sagt dieser honorige Mann, dass „das Wohneigentum die Fortsetzung des Kleingartenvereins im Hochhaus“ ist.

Der erste Prozess des Tages beginnt, für Börstinghaus sind die Beteiligten alte Bekannte. Er sieht sie, sagt er später, einmal im Jahr. Kurz zusammengefasst geht es in diesem Prozess um ein Haus mit Eigentumswohnungen und einer der Eigentümer bekommt keine Einladungen zu den jährlichen Eigentümerversammlungen. Warum, ist unklar. Klar ist, dass auf diesen Versammlungen Beschlüsse gefasst werden. Wenn einer nicht dabei ist, kann er erstens nicht mit beschließen und zweitens hinterher kein Veto einlegen, da er die Fristen nicht kennt. Ein Beispiel nur, in Börstinghaus Berufsalltag geht es um die Verteilung der Wäscheleinen im Keller oder um die Frage, ob die Blumenkästen an den Balkonen außen oder innen hängen müssen. Das hört sich nicht so grell an, aber Börstinghaus macht einen zufriedenen Eindruck und findet, dass für das, was ihm hier geboten wird, andere Menschen an anderer Stelle Eintritt zahlen.

Eine Woche Amtsgericht zeigt: „Die, die vor Gericht kämpfen, kämpfen heute viel härter“

Arbeiten an einem anderen Ort, für den andere Eintritt zahlen würden. Und Wasser in den Fluren gibt es auch. © Dieter Menne

Wenn man ihn fragt, was sich bei seiner Arbeit verändert hat – der Mann ist seit 1986 Richter – dann antwortet Börstinghaus, dass die Zahl der Verfahren geringer geworden ist. Früher hatte er 800 bis 900 Verhandlungen im Jahr, heute sind es 600 bis 650. „Aber die, die hier kämpfen, die kämpfen heute viel härter.“ Vergleiche würden nicht mehr so schnell gefunden und von Maximalforderungen werde nicht mehr zurückgetreten. Früher, sagt Börstinghaus irgendwann in seinem Richterzimmer, habe es in der Gesellschaft Rot, Gelb und Grün gegeben. Rot ist strengstens verboten, grün ist in Ordnung, gelb aber stand für: Das tut man nicht. „Gelb wird immer kleiner.“

Er muss dann zu seinen nächsten Verfahren, eine Mietrechtssache, eine Frau ist mit 2214,71 Euro im Rückstand, hat aber widersprüchliche Schreiben von ihrer Verwaltung bekommen und jetzt steht die Frage im Raum, ob die Räumung der Wohnung ansteht. Wieder so eine kleine Sache, für die Zeitung keine Zeile wert, für das Radio keinen Sendeplatz, aber all das sagt ja nichts über die tatsächliche Größe der Entscheidung, die hier gleich „im Namen des Volkes“ fallen wird. Was an einer Räumung so alles dranhängen würde – Wahnsinn. Was hier gerade geschieht, ist ein Zivilprozessverfahren, 10.747 gab es am Dortmunder Amtsgericht 2017. Zehn Minuten später ist alles vorbei, die Frau darf in ihrer Wohnung bleiben, neben einer ab sofort pünktlichsten Zahlung der Miete versichert sie, im Monat 250 Euro Mietschulden abzubezahlen.

Ob es gelingt? Börstinghaus wird es erfahren.

Und im Zweifel darüber urteilen müssen.

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