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Es darf kein Gewerbegebiet am Hengsteysee entstehen!

rnKolumne: „Klare Kante“

Die Stadt Hagen will am Hengsteysee ein Gewerbegebiet einrichten. Für die Dortmunder heißt das: Eine wichtige Naherholungsregion wird angeknabbert. Zeit zum Handeln, findet unser Autor.

von Dietmar Seher

Dortmund

, 26.11.2018 / Lesedauer: 4 min

„Toll“, riefen unsere Bonner Freunde, noch während sie die Autotüren zuwarfen. Sie hatten das Westhofener Kreuz gemieden und vorher die Abfahrt Hagen-Nord der Autobahn A 1 genutzt, um zu uns zu kommen.

Minuten später waren sie auf eine Seebrücke gestoßen und auf einen scheinbar gewaltigen, unüberwindbaren Gebirgszug mit der Ruine der Hohensyburg on Top. Ihr Fazit: „Schön habt Ihr‘s hier.“

Hagen plant ein Gewerbegebiet am See

Unsere Bonner Freunde haben recht. Welche vergleichbare Großstadt kann so nah der City so ein Naherholungsgebiet samt Pass-Straße, „Gebirge“ und angeschlossenem, weitgehend bewaldeten (Hengstey-)See bieten?

Niemanden stört, dass sich Dortmund diese alpine Szenerie im Miniaturformat mit Herdecke und Hagen teilen muss. Für Tausende Dortmunder Bürger ist der älteste Ruhrstausee am Wochenende vorrangiges Ausflugsziel. Bummeln. Joggen. Segeln. Sie können Entenfamilien beim Futterfassen stalken und auf Kreuzfahrt gehen.

Dass die Kulisse so bleibt? Eigentlich eine Selbstverständlichkeit.

Es darf kein Gewerbegebiet am Hengsteysee entstehen!

Der Hengsteysee ist ein beliebtes Naherholungsgebiet für die Dortmunder. © Dieter Menne

Doch die Verwaltung der Nachbarstadt Hagen will am südlichen Seeufer zwischen Autobahntrasse und der in Ufernähe entlangführenden Bahnlinie ein 20 Hektar großes Gewerbegebiet erschließen. Eingriffe ins Erdreich werden nötig sein, weil für die Bebauung 20 Meter Gefälle auszugleichen sind. An der Dortmunder Straße sind neue Zufahrten und Ampelanlagen vorgesehen. Vor allem: Es ist mit erheblich mehr Lkw-Verkehr zu rechnen.

Hagener fürchten Zerstörung der Natur- und Kulturlandschaft

Der Zugriff auf Hagens schöne Nordflanke sei eine Maßnahme aus der Not geboren, argumentieren die Planer. Hagen leide unter erheblichem Flächenmangel. Die Abwanderung wichtiger Firmen drohe, wenn die Stadt ihnen nicht entgegenkomme. Die einzige Chance: ein Gewerbegebiet am Hengsteysee. Der Plan liegt seit zehn Jahren in der Schublade. Der Eigentümer der Fläche, der Bauer Christoph Külpmann, darf seit Langem keine baulichen Veränderungen an seinem Hof vornehmen. Mit ihm wird über eine Verlagerung seines Betriebes verhandelt.

In diesen Tagen hat die Hagener Verwaltung zu einem Info-Abend gerufen. 130 Interessierte kamen und schlugen Krach. Sie schreckt die Vorstellung, „dass diese Natur- und Kulturlandschaft zerstört wird“. Man könnte sagen: Sie wollen nicht, dass ihrer grünen Augenweide aus Berg, Burg und See am Ende ein Stück fehlt.

Dortmund muss sich wehren

In Deutschland ist Nachbarschaft streng reguliert. Wer seinem Nebenmann per Hecke oder Geräteschuppen zu eng auf die Pelle rückt, den wird das Gericht notfalls zum Wegschneiden oder zum Abriss zwingen. Auch Dortmund, Hagen und Herdecke sind Nachbarn. Sie teilen sich ein Kleinod.

Es ist Zeit, dass sich die Stadt Dortmund, deren attraktivstes Naherholungsgebiet angeknabbert werden soll, dem Protest der Anwohner zwischen Bathey und Hengstey anschließt.

Es geht hier nicht um den Aufschrei eines Wutbürgers, weil ein paar Hektar Bauernland knapp jenseits der Stadtgrenze zubetoniert werden sollen. Dortmund muss sich rühren, um einen zunehmend wichtigen Standortvorteil zu verteidigen: seine überraschend vielfältige Landschaft.

Wir brauchen in Zukunft Flächen zum Durchatmen

Es ist eine Zukunftsfrage. Sie könnte sich an jeder anderen Ecke der Stadt genau so stellen. Wir haben es mit einer ökonomischen Herausforderung zu tun. Wirtschaftliche Attraktivität erschöpft sich längst nicht mehr in einem ausreichenden Angebot an Betriebsflächen und Arbeitskräften. Wer Jobs anbietet, muss den künftigen Job-Inhabern neben guter Infrastruktur Grün zum Erholen und Sporttreiben bieten, kurz: angenehme und unverbaute Räume zum Durchatmen. Die senken den Stresspegel und so, nebenbei, die Ausgaben der Gesellschaft für Gesundheit.

Es darf kein Gewerbegebiet am Hengsteysee entstehen!

Blick von der Syburg auf den Hengsteysee. © Dieter Menne

München ist gefragt, weil die Alpen in Reichweite sind. Hamburg lockt Menschen der nahen Nordsee wegen. Städte mit viel Grün und Erholungsraum liegen beim Wachstum vorn. Etliche Untersuchungen belegen das. Dortmund hat eigentlich alle Voraussetzungen, in dieser Konkurrenz halbwegs mitzuhalten. Den Phoenix-See anzulegen war eine Glanzidee. Unter allen deutschen Städten mit mehr als 500.000 Einwohnern hat Dortmund den zweitgrößten Grünanteil – knapp hinter Hamburg.

Es gibt keinen Grund, solche hoffnungsvollen Positionen einfach wegzuwerfen. Ich empfehle der Dortmunder Stadtspitze einen Brief als Auftakt für einen einschlägigen kollegialen Meinungsaustausch. Die Adresse: Oberbürgermeister Erik O. Schulz, Rathausstraße 13, 58095 Hagen.

Zur Sache

Der Autor und unsere Reihe „Klare Kante“

  • Unser Autor Dietmar Seher (64) hat als Korrespondent in Bonn und Brüssel, als Politikchef der Sächsischen Zeitung und in der Chefredaktion der Westfälischen Rundschau gearbeitet. Heute ist er für das Nachrichtenportal t-online.de tätig. Er wohnt in Dortmund.
  • In der Kolumne „Klare Kante“ fühlen Redakteure und Gastautoren regelmäßig einem Dortmunder Thema auf den Zahn, das ihnen am Herzen liegt. Haben Sie zum Thema Bebauung von Grünflächen auch etwas zu sagen? Dann schreiben Sie an lokalredaktion.dortmund@rn.de
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