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„Geriatrie. Sozialdemokratie. Sozialgeriatrie.“

rnRainald Grebe im Interview

Rainald Grebe ist Liedermacher, Kabarettist und Autor. 2004 hat der 47-Jährige seine erste CD veröffentlicht, Preise für seine Arbeit hat er in den Jahren gesammelt wie andere Menschen Parkknöllchen und Regisseur wurde er unter anderem auch noch. 2017 erlitt er einen Schlaganfall. Der aber nicht unbedingt etwas mit dem Stress zu tun haben muss.

DORTMUND

, 12.06.2018 / Lesedauer: 6 min

Es gibt Dinge, die man sofort mit Rainald Grebe verbindet. Einen indianischen Federschmuck zum Beispiel. Oder das Lied „Brandenburg“. Auch wenn das Dinge sind, die zu ihm gehören, ist Grebe allein damit nicht zu fassen. Er ist ein Künstler, den irgendwie alle gut finden, auf den man sich auch 2018 noch einigen kann. Denkt man so. Doch auch Grebe hat schon erlebt, dass das Netz anders sein kann. Wir haben mit ihm telefoniert:

Hallo, Herr Grebe. Jetzt ruft die Welt wieder an und will ein paar Sätze. Worüber wollen wir reden?

Naja. Vielleicht über das Programm? Also…

Echt?

Worüber sonst?

Weiß ich nicht. Ich habe hier ne Mail bekommen, Interview mit Rainald Grebe, Konzert im Schauspiel, ist noch nicht ausverkauft. War es beim letzten Mal aber ganz schnell.

Ja, es geht abwärts. Dortmund hat keine Zuschauer mehr.

Wie konnte das passieren?

Eine gute Frage. Ich bin selber ratlos.

Ja. Ich auch. Denn Sie finden ja eigentlich immer alle toll.

Ich weiß es doch auch nicht. Die vom Dortmunder Theater meinten, die ganze Saison ist scheiße von den Zuschauern her. Vielleicht liegt es ja nicht an mir, vielleicht liegt das ja am Ort?

Wie wird man eigentlich ein Mensch, den alle toll finden?

Wie man das macht?

Ja. Heutzutage geht man normalerweise mit irgendeinem Satz an die Öffentlichkeit und zack: öffentliche Hinrichtung.

Vielleicht bin ich in dieser Internetwelt nicht tief genug drin, wo man den Beef braucht. Ich habe aber auch nicht den Eindruck, dass ich mich verstellen müsste. Das sind ja wieder Fragen am frühen Morgen hier.

Naja, wenn wir schon mal miteinander sprechen. Ich habe mich ein bisschen vorbereitet und mal geguckt. Von Ihnen gibt es ja auch ne ganze Menge Youtube-Videos und dadrunter dann die ganzen Kommentarspalten so: Super! Oder: Mensch, der Rainald, Hammer!

Da setzt man einfach so ein paar Akkorde und dann ein paar schöne Sätze und dann mögen das die Leute. Aber jetzt überlege ich gerade: Letztes Jahr hatte ich richtig Shitstorm. Das kenne ich auch. Ist ja nicht so, dass mich alle mögen. Da bin ich in die AfD-Pegida-Mafia gefallen. Das gibt es auch. Ist nicht nur alles Sonnschein.

Was ist denn da passiert?

Da ist mir im Fernsehen ein Satz rausgerutscht: „Ich wünsche mir, dass Frauke Petry von einer linksradikalen Hebamme entbunden wird.“ Das ist mir wirklich nur rausgerutscht. Da bin ich dann voll… also da ging es dann richtig ab. Da habe ich dann gemerkt, was das Netz, also das rechte Netz, zu bieten hat.

Das tut mir jetzt leid.

Das war nicht schön.

In meinem Umfeld mag Sie aber jeder. Spitzentyp…

…alles richtig gemacht…

…ja, auch schon so viele Jahre jetzt. Frauke Petry ist ja auch schon wieder Geschichte.

Ich weiß jetzt auch nicht genau, wer das war, vielleicht waren es auch Trolle, da wurde ich dann ein paar Wochen lang überzogen mit Todesmeldungen, Verwünschungen. Was weiß ich, was die mir alles an den Hals wünschen. Welche Todesarten mir da hergewünscht wurden – da fragt man sich schon, soll man da jetzt prozessieren. Aber es waren einfach zu viele. Da habe ich das dann einfach über mich ergehen lassen.

Und irgendwann war es vorbei?

Irgendwann ist es vorbei.

Schön. Wo wir gerade bei Todesarten waren, das ist jetzt vielleicht ein bisschen makaber – Sie hatten einen Schlaganfall?

Ja, letztes Jahr.

Und: Gut überstanden?

Ich glaube schon, ja. Die Chemie stimmt, sagen wir es mal so. Ich bekomme jetzt halt schöne Tabletten. Das war jetzt nicht aus Altersgründen, ich habe eine seltene Rheumakrankheit, die das verursacht hat.

Sie haben aber auch in den letzten Jahren eine mächtige Schlagzahl vorgelegt, nicht wahr?

Das ist immer schwierig, das in Verbindung zu bringen. Alle Leute suchen nach Ursachen, Stress oder so. Aber das ist heikel. Ich kann jetzt nicht sagen: Wenn ich mich jetzt ruhig verhalte, bekomme ich das nicht mehr.

Jetzt bin ich so ein bisschen raus. Ein Gespräch mit einem Menschen, der andere Menschen eher zum Lachen bringt…

Das ist ja alles inbegriffen. Ich arbeite das ein, lebe damit, trete wieder auf, ich habe Kraft, es ist alles eigentlich wie früher – abgesehen davon, dass es mal kurz vor knapp war. Und, dass es jederzeit wieder auftreten kann. Das weiß ich auch.

Dann lassen Sie uns doch lieber über Ihr Programm sprechen. Sagen Sie doch mal was zum „Elfenbeinkonzert“, so heißt das ja.

Das ist ein Programm, das vor zwei Jahren entstanden ist. Da war ich mit dem Reisebüro vom Auswärtigen Amt, dem Goethe-Institut, an der Elfenbeinküste. Dort habe ich einen Workshop gegeben über Volksmusik. Und das habe ich zum Anlass genommen, dieses Programm zu machen. Das ist jetzt nicht das alleinige Thema, aber der Aufhänger. Und da spinnen sich die Fäden entlang.

Ich bin Lokaljournalist und die Menschen erzählen mir oft viel. Und wenn ich das dann nicht so richtig verstanden habe, das aber nicht sagen will, dann sage ich immer „Ja, das ist ja sehr interessant. Aber wie würden Sie das meiner 75-jährigen Mutter – Verzeihung Mama, aber so ist es – erklären?“.

Oh Gott. Mmmmh. Der würde ich sagen: Geh doch mal in das Theaterstück, in dem du vielleicht nicht alles verstehst. Mal gucken, wie es läuft. Lass dich mal überfordern. Oder, wie das Theater Dortmund sagt: „Enjoy complexity!“

Dortmund kennen Sie vermutlich gar nicht so, Sie wohnen doch in Berlin, glaube ich.

Ja.

Dortmund hat auf jeden Fall auch einen eigenen Slogan: „Dortmund überrascht!“

Ah. Den werden wir dann natürlich breit treten an dem Abend. Dann habe ich jetzt noch ein Thema.

Sie kommen ja eh noch mal nach Dortmund. Warten Sie, wo habe ich diese Mail… hier: „als Regisseur für ein neues Theaterstück in der kommenden Spielzeit“. Um was geht es denn da?

Das ist noch nicht raus. Ich treffe mich dann noch mit dem Herrn Voges, dem Intendanten, das müssen wir dann noch bereden. Es wird auf jeden Fall ein Stück geben. Ich inszeniere ja auch an Theatern und dann werde ich in dieser hippen Stadt Dortmund auch mal auflaufen und ein schönes Stück machen. „Dortmund überrascht“, mal sehen, was da kommt.

Das ist dann eher so Volksmusik in Grönland? Oder hat das mit der Stadt hier zu tun?

Das kann gut sein. Die Herzkammer der Sozialdemokratie…

Die hat aber eher Herzkammerflimmern.

Ja eben. Ich guck mal, was Dortmund so hergibt für den Außenstehenden. Was wär denn interessant?

Mmmh. Ich persönlich finde Dortmund immer so ein bisschen ruppig. Heute Morgen zum Beispiel, 7.30 Uhr aus dem Bahnhof raus, der erste Bettler. Das kennt ihr jetzt in Berlin auch, aber dann denkt man sich, na gut, komm hier, 50 Cent habe ich noch. Und dann geht man weiter, 20 Meter weiter, ist dann der nächste. Und 20 Meter weiter wieder der nächste. Dann schiebt eine Frau den Kinderwagen durchs Bild, die raucht dann dabei. Die Kinderdecke ist aber schwarz-gelb. Und dann trinkt noch einer Bier. Und dann ist es 7.37 Uhr und dann ist man im Büro und denkt so: Puuuuh, hartes Pflaster.

Was macht man da jetzt für ein Stück draus? Sozialer Aufschnitt?

Sie sind doch der Künstler.

Ich kenn ja in Dortmund nix. Also außer dem, was man von außen kennt.

Borussia und Bier?

Und Glück auf, der Steiger kommt!

Alles Geschichte.

Ja eben. Geriatrie. Sozialdemokratie. Sozialgeriatrie… also ich überleg ja und fasel rum. Geht es denn gerade so richtig abwärts?

Das ist ne Standpunktfrage. Da sagt Ihnen der Sozialarbeiter im Jobcenter wahrscheinlich was anderes als der Oberbürgermeister. Aber wo wir gerade bei Kinderwagen waren, Sie sind selbst Vater geworden, nicht wahr? Mittelalter Vater, junges Kind, wie läuft es?

Ja, letztes Jahr. Sehr alter Vater, sehr junges Kind, es schläft gerade hier im Park. Und ich gebe ein Interview. Es läuft. Und lässt sich vereinbaren.

Welcher Park denn?

Ehrlich gesagt ist es ein Friedhof. Wo einige Frauen auch Rückbildung machen.

Ein bisschen morbid, unser Gespräch. Womit wir noch mal zum Elfenbeinkonzert zurückmüssen. Die Frau, die Sie damals eingeladen hat nach Afrika, die lebt nicht mehr, oder?

Nein, sie ist erschossen worden. Das kommt auch an dem Abend vor. Sie war eine alte Freundin von mir, die ganz toll war. Also untypisch für das Goethe-Institut, sie kannte sich sehr gut aus in Afrika. Und sie ist dann durch Zufall sechs Wochen später bei einem Attentat durchlöchert worden.

Oh Mann. Wie bekommen wir denn jetzt hier die Kurve?

Ja, jetzt könnte man meinen, das „Elfenbeinkonzert“ wäre eine Totenmesse. Aber das ist es nicht, es ist nur alles mit im Boot.

Gibt es noch etwas, was ich der Stadt ausrichten soll? So etwas, wie: „Kommt alle. Es wird schön!“

Ja, genau. Kommt alle. Es wird schön. Und vielleicht auch lang.

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