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Hartz 4: Pfandflaschen helfen bis zum Monatsende über die Runden

rnArmut und Leergut

Als Pfandsammler muss ein 46-jähriger Hartz-4-Empfänger bis zum Monatsende über die Runden kommen. Aber der Konkurrenzdruck steigt. Fünf Minuten mit dem Bürger „T.P.“ auf der Bahnhofsplatte.

Dortmund

, 02.09.2018 / Lesedauer: 4 min

Es ist 17 Uhr, seit gut einer Stunde sitzt der Mann zusammengekauert auf der dritten Stufe neben dem mittleren Geländer auf der Katharinentreppe vor dem Hauptbahnhof. „T.P.“ sollen wir ihn nennen. Kriechend fließt der Berufsverkehr über den Königswall. Schleppend läuft auch für den Mann mit der schwarzgelben Handkarre und dem daran befestigten Schild „LEERGUT BITTE HIER DANKE“ das Geschäft.

In den vergangenen 60 Minuten haben Passanten auf dem Weg zwischen Katharinenstraße und Hauptbahnhof neun Plastikflaschen in die kleine Karre geworfen. T.P. bedankt sich stets freundlich bei den Leergut-Lieferanten. „Die Leute behandeln mich ja auch immer sehr freundlich.“ Seine Arbeitsweise: „Niemanden blöd anquatschen. Bloß keinen stören. So kommst du am besten durch.“

Auf einem Auge blind

Als seine Mutter vor einigen Jahren ins Heim musste, zog T.P. von Hamm in die Dortmunder Nordstadt. Dass er keiner geregelten Arbeit nachgehen kann, ist dem 46-Jährigen anzusehen. Auf einem Auge ist er blind. Vor drei Wochen kam ein Herzinfarkt dazu. Davor schwere Erkrankungen an Magen und Darm. T.P. ist gezeichnet vom Leben. „Es war kein gutes Leben bisher“, sagt er.

Dann erscheinen zwei junge Männer. Sie wollen ihn als Darsteller für einen Videoclip zu einem Junggesellenabschied gewinnen. Er soll einen vorgefertigten Text in die Kamera sprechen. T.P. willigt ein. „Klar. Können wir machen.“

Verdrängungswettbewerb am Stadion

Als Pfandflaschensammler kommt T.P. viel herum. Am Stadion war er mehrfach, doch dort hat ein Verdrängungswettbewerb eingesetzt. Flaschensammler sind in Teams unterwegs und halten eine große Logistik aus Einkaufswagen und sehr großen Plastiksäcken bereit, um Leergutannahme und -abtransport zu optimieren. T.P. ist Einzelkämpfer. Für ihn ist da oben am Stadion kein Platz mehr. Er hat auch schon beobachtet, dass sich Leergutsammler ins Gehege gekommen sind. Doch das ist nicht das Revier des gutmütigen Mannes.

Also zog er um und dachte über neue Vertriebswege nach. Zuerst probierte T.P. den Nordausgang des Hauptbahnhofs aus. Das Geschäft lief nicht so gut. Dann die Platte am Haupteingang. An diesem Donnerstag läuft das Geschäft mehr schlecht als recht. Bis 19 Uhr, also innerhalb von drei Stunden, will er mindestens fünf Euro verdienen. Es gab auch schon bessere Zeiten.

Gutes Geschäft bei Heimspielen

„Wenn Borussia ein Heimspiel hat, dann läuft’s gut“, berichtet er über den Arbeitsplatz am Hauptbahnhof. Doch auch dort muss T.P. um seine Kunden kämpfen. „Die Konkurrenz wird immer größer“, berichtet der 46-Jährige, immer mehr Leergutsammler würden auf den Markt drängen. „Ist doch klar. Hartz 4 reicht fürs Leben nicht. Ich mache das, um bis zum Monatsende über die Runden zu kommen“, begründet der Nordstädter seine Arbeit auf der Bahnhofsplatte. Die Kollegen von der Konkurrenz seien allesamt nett. „Wir quatschen mal kurz oder rauchen eine Zigarette zusammen. Manchmal helfen wir uns auch untereinander und geben uns gegenseitig Tipps, wo das Geschäft sonst noch gut laufen könnte. Viel mehr ist es aber auch nicht.“

Juicy Beats und Dortmund olé

„Bei Juicy Beats und Dortmund olé“ kannst du innerhalb von zwei Stunden gut und gern 200 bis 300 Euro machen“, berichtet T.P. über die wenigen großen Ausreißer nach oben. Über solche aussichtsreichen Festivaltermine informiert der 46-Jährige sich bei einer Bekannten. „Die hat das Internet. Da halte ich Ausschau.“ Nach der Arbeit geht’s zu Lidl oder Netto. „Ist am besten da.“ T.P. verwandelt sein Leergut am Pfandautomaten in einen weißen Bon und kauft damit für den Tag und seine beiden Katzen ein.

Hartz 4: Pfandflaschen helfen bis zum Monatsende über die Runden

Das Ergebnis an einem Donnerstagnachmittag: Neun Flaschen in einer Stunde. © Peter Bandermann

T.P. weiß, dass er beim Amt angeben muss, dass er neben Hartz 4 durch das Leergutsammeln ein paar Euro dazu verdient, und er verdrängt diese Meldepflicht. Er hat ganz andere Sorgen. „Ich muss bis zum Monatsende über die Runden kommen.“ Gelegentlich zwischen 16 und 19 Uhr auf der Katharinentreppe am Dortmunder Bahnhofsvorplatz.

Die fünf Minuten sind vorbei. T.P. wartet auf die nächste Flasche.

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