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Ist der Feldhase in Dortmund noch zu retten?

rnTierschutz

Die Jäger schlagen Alarm: Die Zahl der Feldhasen in Dortmund geht dramatisch zurück. Sie wollen deshalb einen Rettungsversuch für Meister Lampe starten – zusammen mit Naturschützern.

DORTMUND

, 27.08.2018 / Lesedauer: 6 min

Wenn die Zahl der erlegten Feldhasen ein Indiz für die Größe ihres Bestands ist, sieht es ganz schlecht aus für den Feldhasen in Dortmund. Das treibt die Jäger um. Und nicht nur sie. In der letzten Sitzung des Kreisjagdbeirates, in dem auch Natur- und Tierschützer sitzen, ließen die Zahlen, die der städtische Forstbetriebsleiter Erwin Fischer präsentierte, die Alarmglocken läuten.

Blieben vor 30 Jahren noch 1000 Hasen pro Jahr auf der Strecke, darunter 800 durch Abschuss und 200 aufgrund anderer Ursachen wie Verkehrsunfälle und Krankheiten, waren es im Jagdjahr 2017/2018 nur noch ganze 36 Feldhasen. „Es geht gegen Null“, sagt Fischer.

Ist der Feldhase in Dortmund noch zu retten?

Die Hasenstrecke sind die innerhalb eines Jagdjahres zu Tode gekommenen Tiere, darunter auch die Hasen, die als Fallwild (rote Säule) bei Verkehrsunfällen und durch Krankheiten die Löffel abgegeben haben. © Grafik Martin Klose

„Hege mit der Büchse“

Dabei gebe es aufgrund des Rückgangs schon seit ein paar Jahren keine Gesellschaftsjagden mehr, bei denen es den Hasen ans Fell ging, sagt der Vorsitzende der Kreisjägerschaft, Jörg Tigges. „Wir schießen so gut wie gar keine Hasen mehr.“ Die meisten der zuletzt geschossenen Hasen seien verwundetes Wild oder Hegeabschüsse gewesen. Die „Hege mit der Büchse“ zielt auf krankes, schwaches, verletztes und überaltertes Wild, das sich nicht vermehren soll.

Seit zehn Jahren geht es mit der Hasenstrecke nur noch bergab. Damals waren es knapp 400 tote Hasen, in den letzten drei Jahren immer um die 40. „Der Feldhase ist in Dortmund vom Aussterben bedroht“, sagt Tigges, „da müssen wir ran.“

Runder Tisch für Niederwild

Geplant ist ein runder Tisch für Niederwild, an dem Vertreter der bei der Stadt angesiedelten Unteren Jagdbehörde, Grundstückseigentümer, Landwirte, Mitglieder der Jagdgenossenschaften und Jäger mit Revier sitzen sollen. Zum Niederwild gehört auch der Fasan. Für ihn sieht es genauso traurig aus wie für den Hasen. Waren es vor 30 Jahren noch mehr als 800 erlegte Fasane, sind es heute gerade mal noch 50. „Viele Jäger geben bei ihren Gesellschaftsjagden Fasane gar nicht mehr frei“, weiß Fischer.

„Jäger und Landwirte müssen am runden Tisch eine gemeinsame Strategie zum Erhalt der Niederwild-Strecke in Dortmund entwickeln“, sagt der Kreisjägerschaftsvorsitzende Tigges. Denkbar sei, dass sich die Jäger für ein, zwei Jahre ein totales Jagdverbot von Hasen auferlegen. Auch die Stadt sei aufgerufen zu überlegen, was sie im Rahmen eines Gesamtkonzepts tun könne. Es fehlten arten- und strukturreiche Felder und Wiesen. Landwirte könnten noch mehr Grünstreifen anlegen mit Wildkräutern, die für Feldhasen wichtig sind, sogenannte Hasenapotheken.

„Alle sind ziemlich ratlos“

Ob so ein runder Tisch Sinn macht - „Ich weiß es nicht“, sagt Stadtförster Fischer. Die Landwirte seien verpflichtet, Blühstreifen an den Ackerrändern anzulegen und täten das auch. „Wir sind alle ziemlich ratlos. Das ist ein großes Problem.“ Offensichtlich gebe es viele Faktoren für den Rückgang des Hasen, vermutet Fischer. Die immer wiederkehrenden Hasenseuchen allein könnten es nicht sein.

Der Stadtförster glaubt, dass es vor allem die Umweltbedingungen sind, die mit dem Verlust von Lebensräumen einhergehen - die Nahrung ist für den Hasen monoton, die Deckung wenig. „Die Umweltbedingungen sind für den Hasen immer schlechter geworden und für den Fuchs immer besser“, sagt Fischer.

Zehnmal soviel tote Füchse

Wenn sich Fuchs und Hase, oder besser die kleinen Junghasen, Gute Nacht sagen, dann bleibt von dem Aufeinandertreffen nur der satte Fuchs übrig. Und dessen Bestand ist seit den 90er-Jahren rasant gestiegen. Die Fuchsstrecke hat sich gegenüber 1987 verzehnfacht. Damals gab es in Dortmund rund 50 tote Füchse, im Jagdjahr 2017/2018 waren es 500.

Ist der Feldhase in Dortmund noch zu retten?

Im vergangenen Jahr blieben zehn Mal so viele Füchse auf der Strecke wie vor rund 30 Jahren. Die roten Säulen sind wieder das Fallwild.

Es gebe zu viele Beutegreifer für den Hasen, meint Tigges. „Wie der Hase abgenommen hat, hat der Fuchs zugenommen“, sagt auch Fischer. Dortmund sei eine sehr begrünte Stadt mit vielen Industriebrachen, „das kommt dem Fuchs entgegen“. Der fühle sich auch in Kunsthöhlen wohl wie Kabelkanälen und auf Bauschuttflächen. Der Fuchs habe sich urbanisiert, lebe inzwischen in Großstädten wie London und Paris. „Das Problem gibt es europaweit.“

Gefahr für Junghasen

Der ausgewachsene Feldhase als Beutetier sei zwar für den Fuchs zu groß, erklärt der Forstbetriebsleiter, doch er nehme gern die Jungtiere des Hasen, die von der Häsin in einer Mulde (Sasse) auf offenem Feld abgelegt werden. „Da nimmt der Fuchs gleich den gesamten Besatz mit.“ Aber auch Reineke Fuchs sei nicht allein verantwortlich für den Hasenschwund.

Auch Zoodirektor Dr. Frank Brandstätter, der als Tierschutz-Vertreter im Jagdbeirat sitzt, vermutet, dass es der verschwindende Lebensraum ist, der dem Hasen das Überleben schwer macht. „Ich fürchte, da ist Dortmund keine Ausnahme.“ Möglicherweise sei es auch das auf Feldern ausgebrachte Glyphosat.

Allerdings fehlten Brandstätter für eine abschließende Meinungsbildung die Bestandszahlen der Feldhasen in Dortmund. In der Sitzung des Jagdbeirates lagen nur die Zahlen der erlegten Hasen auf dem Tisch.

15 Hasen auf einem Quadratkilometer

Auch die Bestandszahlen sind für Dortmund immer schlechter geworden. Sie werden bei den halbjährlichen Hasenzählungen nachts im Scheinwerferlicht ermittelt. In Dortmund gibt es dazu zwei Referenzreviere, eines im Osten und eines im Norden der Stadt. Laut Landesjagdverband lag die Zahl der Hasen im Jahr 2017 in Dortmund mit 15 Tieren pro Quadratkilometer nach Jahren erstmals unter dem NRW-Durchschnitt von zuletzt 17 Hasen. 2015 wurden in Dortmund noch 23, 2014 sogar 38 Hasen pro Quadratkilometer gezählt. Deutschlandweit sind es aktuell nur 11 Hasen.

„Auch wenn wir in Dortmund noch verhältnismäßig gut unter den Schlechten dastehen, ist das schlecht“, sagt Tigges. Dass es überhaupt noch so viele Hasen im Bestand gebe, sei der Tatsache geschuldet, „dass die Jagd schlichtweg eingestellt ist“.

Schlechte Witterung

Wenn der Feldhase nicht so fruchtbar wäre, wäre er längst ausgestorben. Auf eine Häsin können in einer Saison theoretisch mehr als 30 Nachkommen zurückgehen, wenn man die Enkel-Häschen mitrechnet. Theoretisch. Wenn sie nicht von Fuchs oder Krähe gefressen, Krankheiten zum Opfer fallen oder von Mähwerken untergepflügt werden, sterben viele Junghasen aufgrund schlechter Witterung.

Jährlich überleben nur 10 bis 40 Prozent der Junghasen das erste Jahr, sagt Dr. Thomas Gehle von der Forschungsstelle für Jagdkunde und Wildschadenverhütung in Bonn, die beim Landesamt für Natur, Umwelt und Verbraucherschutz NRW angesiedelt ist. Und da in der Regel über zwei Drittel eines Jahresbesatzes aus Junghasen bestünden, bestimmten die Junghasen die Besatzgröße. Ihre von Jahr zu Jahr stark wechselnde Sterblichkeit sei Ursache für die Rückgänge.

Population immer in Wellen

Unter der Voraussetzung, dass die Jagdstrecke auch den Besatz abbildet - gibt es viele Hasen werden auch viele erlegt und umgekehrt -, dann lasse sich laut Niederwildfachmann Gehle ein interessanter Trend bei Hasen wie Fasanen feststellen. Nach dem statistischen Wellenverlauf der Strecken gehe es diesem Niederwald alle 20 Jahre gut oder schlecht.

Das Auf und Ab habe seine Ursachen in der Populationsdynamik, denn das einzige Beständige der Besätze sei ihr Wandel: „Sie kommen und gehen, die Wilddichte nimmt zu und wieder ab.“ Die Karten würden jedes Jahr neu gemischt. Typischerweise variierten Hasenbesätze zum Beispiel auf Ackerböden - je nach Qualität des Lebensraumes - um das 30-Fache: „Je einfältiger das Ackerland, desto geringer die Hasendichte.“

Nicht mehr das Niveau der Vorjahre

Doch eines sei am Streckentrend auch abzulesen, sagt Jörg Tigges: Diese 20-jährige Welle erreiche zumindest in Dortmund beim Feldhasen bei Weitem nicht mehr das Niveau der Vorperiode. „Obwohl der Hase zuletzt in Ruhe gelassen wurde, kommt er nicht wieder hoch.“

Da eine ganze Reihe von Beutegreifern wie der Fuchs aktuell auf der Gewinnerseite stehe, habe es der Hase nicht leicht, ohne die besondere Fürsorge von Jägern wieder zuzunehmen, sagt auch Gehle. Aktuell helfe dem Hasen eine intensive Bejagung der Beutegreifer: „Geringe Besätze lassen sich allein dadurch in wenigen Jahren verdoppeln oder sogar vervierfachen.“ Jüngste Ergebnisse der Forschungsstelle wiesen darauf hin, dass bereits ab einer Dichte von einem Fuchs auf einem Quadratkilometer offenem Land Füchse die Feldhasenpopulation beeinflussen.

Jagdverzicht steht im Vordergrund

Langzeitstudien aus der Schweiz hätten ebenso wie praktische Erfahrungen gezeigt, dass der Verzicht, den Hasen zu bejagen, keinen positiven Effekt auf die Besatzgröße der Feldhasen hat, stellt Thomas Gehle fest. Nach seiner Ansicht sollten sich die allgemein zurückgehenden Feldhasenpopulationen in den kommenden Jahren wieder erholen.

Dennoch - ein Jagdverzicht müsse jetzt im Vordergrund stehen, sagt der Kreisjägerschaftsvorsitzende Tigges: „Ich bin sicher, dass sich die Jäger daran halten. Niemand von uns möchte den letzten Hasen in Dortmund totschießen.“

Der Kreisjagdbeirat ist als Gremium im Landesjagdgesetz vorgeschrieben. Er setzt sich zusammen aus drei Jägern, zwei Landwirten, zwei Forstwirten, zwei Vertretern der Jagdgenossenschaften sowie je einem Vertreter der Naturschutzverbände, der Forstbehörde (in diesem Fall der Unteren Jagdbehörde für die Stadt) und des Tierschutzes. Auch die Strecke der Wildkaninchen ist deutlich zurückgegangen. In der Spitze waren es mal 7500, im vergangenen Jagdjahr nur noch 605 - weniger als die Hälfte vom Vorjahr.
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