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Als Jane 2014 mit ihrer Familie aus Syrien nach Dortmund kam, sprach sie kein Wort Deutsch. Jetzt geht die 16-jährige aufs Gymnasium. Rassismus hat sie hier schon zu spüren bekommen.

Dortmund

, 17.07.2018 / Lesedauer: 4 min

Jane Kurdi kam nach Dortmund, als die Worte Flüchtlingswelle, Flüchtlingsstrom, Flüchtlingskrise noch nicht in aller Munde waren. Vor Angela Merkels „Wir schaffen das“, vor dem Flüchtlings-Deal mit der türkischen Regierung und lange, bevor Horst Seehofer nach dem Asyl-Streit mit der Kanzlerin von seinem Rücktritt zurücktrat. Sie hat das alles miterlebt: Die Debatten, die Gewalt gegen Flüchtlinge und wie das Klima gegenüber Menschen wie ihr jeden Tag feindlicher wurde.

Und sie hat sich nicht beirren lassen. Jane hat deutsch gelernt, sich in den Unterricht an der Robert-Koch-Realschule in Renninghausen reingehängt – und ist dabei an vielen ihrer deutschen Mitschüler vorbeigezogen. Ab August geht sie aufs Goethe-Gymnasium in Hörde.

Zu Fuß über die Grenze

Ende 2014 verließ Jane zusammen mit ihrer Mutter und ihrer Schwester ihre Heimatstadt Dêrik. Offiziell heißt die Stadt im östlichsten Zipfel Syriens Al-Malikiya, doch kaum einer benutzt noch den arabischen Namen der Stadt. Dêrik liegt in Kurdistan.

„Wir hatten Angst“, erzählt Jane, die heute 16 Jahre alt ist. Ihr Familienname ist offensichtlich kurdisch, außerdem hat ihr Opa, ein Arzt, der Peschmerga geholfen, den kurdischen Streitkräften. Er habe Kämpfer versorgt, wenn sie verletzt wurden.

Zu Fuß ging die Familie über die syrisch-türkische Grenze, sechs Stunden lang liefen sie. An der Grenze bekamen sie ein Dokument, das ihnen erlaubte, die Türkei via Flugzeug zu verlassen. Sie kamen bei Verwandten unter, dann erhielten sie ein deutsches Visum. Von Istanbul flogen sie nach Dortmund. Ihr Vater kam erst zwei Jahre später zu ihnen.

Geflohen für eine bessere Zukunft

„Wir sind für die Zukunft von meiner Schwester und mir hierhergekommen“, erzählt Jane. „Damit wir eine bessere Bildung bekommen können.“ Die Familie zog nach Hörde, nur zwei Wochen nach ihrer Ankunft wurde Jane der Realschule in Renninghausen zugeteilt, ab da ging sie in die 8. Klasse.

Eine Mitschülerin, die Arabisch spricht, übersetzte anfangs für sie, außerdem ging sie in die Deutsch-Förderklasse. „Sie war sehr fleißig“, erzählt ihr Klassenlehrer Christian Barrenbrügge. Schnell war Jane nicht mehr auf den Förderunterricht angewiesen, nahm am regulären Unterricht teil.

Trotzdem: „Deutschlernen war am Anfang schwer“, sagt Jane. Lediglich das Alphabet kannte sie, das hatte sie im Englisch- und Französischunterricht zu Hause in Dêrik gelernt.

Ein neues Leben in Deutschland

Doch Jane hatte einen Plan: „Ich habe erst Grammatik gelernt, dann an meinem Wortschatz gearbeitet. Dann habe ich langsam angefangen, ganze Sätze zu sprechen“. Nach einem Jahr konnte sie alles verstehen, auch mit dem Sprechen klappte es immer besser. Barrenbrügge lobt sie: „Jane hat sich früh getraut, im Unterricht zu reden.“ Sie sei sehr zielstrebig und fleißig.

Jane (16) will allen zeigen, „dass wir Syrer auch was können“

Jane Kurdi mit ihrem ehemaligen Klassenlehrer Christian Barrenbrügge. Er ist stolz darauf, was Jane seit ihrer Ankunft in Dortmund geschafft hat. © Marie Ahlers

„Ich will ein neues Leben in Deutschland anfangen“, erklärt Jane, warum sie so motiviert ist. „Ich habe die Chance bekommen, nach Deutschland zu gehen. Das will ich nutzen.“ An zwei Abschlussprüfungen, in Englisch und Arabisch, hat sie sogar freiwillig teilgenommen.

„Sie hat die Hilfe, die ihr angeboten wurde, angenommen“, sagt Barrenbrügge. Das mache sie besonders. „Ich will allen zeigen, dass wir Syrer auch was können“, sagt Jane. Leicht wurde ihr das allerdings nicht gemacht.

Rassismus im Unterricht

„Am Anfang habe ich die Schule gehasst“, gibt Jane offen zu. „Die anderen Schüler haben mich viel geärgert.“ Das zunehmend rassistische Klima in Deutschland hat sie am eigenen Leib zu spüren bekommen. Und das sogar in Situationen, die einen besorgten Bürger doch eigentlich beruhigen sollten.

„Im Deutschunterricht wurden wir gefragt, was Konjunktiv Zwei ist“, erzählt Jane. „Ich wusste als einzige die Antwort.“ Die Schüler waren schockiert, dann rief ein Schüler laut „Ich bin Anti-Asyl“ in den Klassenraum. „Nur weil ich die Antwort wusste“, sagt Jane. „Da habe ich angefangen zu heulen.“

Schwierig war es für sie auch, als die Klasse als Abschlussfahrt auf einen Segeltörn in die Niederlande fuhr. Nur wenige Wochen vorher waren Verwandte von ihr auf der Flucht im Mittelmeer ertrunken.

„Als wir dann auf ein Boot sollten, kam alles bei mir zusammen“, erzählt sie. „Ich hatte Angst vor dem Wasser.“ Es dauerte, bis die Lehrer und Mitschüler sie überzeugen konnten, dass sie auf dem Segelboot sicher ist.

Nach dem Abitur will sie an die Uni

Der Unterricht in Deutschland ist ganz anders als in Syrien. „Da sind die Lehrer sehr streng. Man muss viel auswendig lernen“, sagt Jane. Trotzdem findet sie das Schulsystem in Syrien ein bisschen besser. „Am Anfang war das meiste im Unterricht Wiederholung für mich.“

Was sie aber gut findet: „In Syrien mussten wir auswendig lernen, in Deutschland müssen wir die Dinge verstehen.“ Für ihren Weg zum Abitur ist sie optimistisch. „Ich muss weiter lernen“, sagt Jane. Aber Angst, dass sie es nicht schaffen könnte, habe sie nicht.

Und nach dem Abitur? Da ist sie sich noch nicht ganz sicher. Ihre Mutter möchte, dass sie Medizin studiert. Weil ihr Opa, der Arzt, sich das immer für seine Enkeltochter gewünscht hat. Jane selbst hat aber auch überlegt, Ingenieurin zu werden. Um ihre Heimatstadt Dêrik wieder aufbauen zu können, wenn der Krieg vorbei ist. Auch Jura könnte sie sich vorstellen. Ein Studium soll es auf jeden Fall sein.

Wenn sie im August aufs Goethe-Gymnasium in Hörde geht, hat sie vor allem einen Wunsch: dass alle Schüler sie akzeptieren. „Ich will keinen Rassismus mehr erleben“, sagt Jane. Dass die Schüler nicht mehr sagen: Das ist eine Syrerin, mit der will ich keinen Kontakt haben.

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