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Kampf gegen Rennen auf Wall: Rasern droht Verlust ihrer Autos

rnIllegale Autorennen

Mehrfach pro Woche fährt die Polizei gefährliche Einsätze gegen Wallraser in der Dortmunder Innenstadt. Um den Druck auf die Täter zu erhöhen, sollen jetzt Bürger helfen.

Dortmund

, 06.08.2018 / Lesedauer: 5 min

Mehrfach pro Woche ist die Dortmunder Polizei in der Innenstadt, auf Bundesstraßen und auf Phoenix-West in Hörde gegen Raser im Einsatz. Die gefährlichen Verfolgungsfahrten führen mit bis zu 140 km/h durch das Stadtgebiet. Bei großer Gefahr für Unbeteiligte und sich selbst brechen Polizisten auch ab. In mindestens zwei Fällen haben Raser die Anhaltezeichen an Kontrollstellen missachtet und Polizisten beinahe angefahren.

Nach mehreren Gesprächen mit der Justiz und der Stadt Dortmund will die Polizei ihren Druck auf die Teilnehmer illegaler Autorennen deutlich erhöhen. Helfen sollen dabei die Bürger.

„Die Raser sind unerwünscht“

„Wir bekommen deutlich zu spüren, dass die Dortmunder Bürger die Raser nicht in der Stadt haben wollen. Die Raser sind unerwünscht, weil von ihnen ein hohes Risiko ausgeht und weil sie die Nachtruhe stören“, sagt der Leitende Polizeidirektor Ralf Ziegler über die Gespräche zwischen seinen Kollegen und den Bürgern auf der Straße. Genervte Anwohner schreiben auch Briefe an das Polizeipräsidium und bitten um mehr Kontrollen.

Jetzt bittet die Polizei die Bürger um aktive Hilfe, um Raser abzuschrecken und um höhere Strafen zu erwirken. Ralf Ziegler: „Wir brauchen die Bürger als Zeugen. Wenn sie selbst als Autofahrer auf dem Wall unterwegs sind oder auf einer anderen Straße ein Rennen erkennen und davon betroffen sind, weil sie ausweichen oder abbremsen müssen, dann sind diese Bürger für uns als Zeugen enorm wichtig. Ihre Aussagen verbessern die Beweislage. Wenn wir nachweisen können, dass ein Unbeteiligter gefährdet worden ist, dann gilt ein höheres Strafmaß als bei einem reinen Tempoverstoß.“

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Zwar verfolgen Polizisten die Raser und sind selbst Zeugen eines Rennens, doch bei den hohen Geschwindigkeiten bei Dunkelheit können ihnen wichtige Details entgehen. Der Fahrer im Verfolgungs-Fahrzeug muss sich auf die Fahrt konzentrieren. Sein Beifahrer muss das Rennen dokumentieren. Dafür setzt die Polizei auch Kameratechnik ein. Ralf Ziegler: „Für uns ist es also schwierig, alles zu sehen.“

Beschlagnahmte Autos versteigern

So könnte eine Situation aussehen: Wallraser überholen und beeinträchtigen die Fahrt eines Unbeteiligten. Dieser fährt anschließend weiter und erkennt später, dass die Polizei die beiden Raser bereits angehalten hat. „Unsere Bitte lautet dann: Halten Sie an und stellen sich als Zeuge zur Verfügung“, sagt Ralf Ziegler. Denn mit weiteren belastenden Aussagen kann die Polizei im Ermittlungsverfahren viel konkreter das „grob fahrlässige verkehrswidrige“ Verhalten der Tatverdächtigen nachweisen und den Pkw „einziehen“ lassen.

Am Ende eines Gerichtsverfahrens kann ein Richter auf Antrag der Staatsanwaltschaft einen von der Polizei als Tatmittel beschlagnahmten Pkw in das Eigentum der Bundesrepublik Deutschland überführen. Richter Dr. Gerhard Breuer vom Amtsgericht Dortmund über die Folgen: „Der Pkw wird versteigert. Das Geld fließt in die Staatskasse.“ Die teuer aufgemotzten Raser sind mit Pkw unterwegs, die auch mehr als 70.000 Euro kosten - den Pkw können sie sich dann auf Versteigerungsportalen im Internet anschauen. Nicht einziehen kann die Justiz einen geliehenen Pkw oder ein finanziertes Fahrzeug.

Muss im Verhältnis zur Tat stehen

„Das muss natürlich im Verhältnis zur Tat stehen. Und der Pkw muss dem Raser gehören“, sagt der Richter. Er warnt die Raser vor einer härteren Gangart der Justiz. Dr. Breuer: „Der Bundesgerichtshof hat klargestellt, dass es für einen Todesfall nach einem Rennen keine Bewährungsstrafen mehr gibt. Der Raser muss also ins Gefängnis. Egal, in welcher Lebenssituation er sich befindet. Die Öffentlichkeit erwartet auch, dass Strafen nicht mehr zur Bewährung ausgesprochen werden.“

Kampf gegen Rennen auf Wall: Rasern droht Verlust ihrer Autos

„Nicht anfassen“: Klare Botschaft eines jungen Fahrers, der seinen „offiziellen Blitzer-Testwagen“ anpreist. © Peter Bandermann (Archiv)

In zahlreichen Fällen hat die Polizei im Jahr 2018 bereits Führerscheine und Fahrzeuge beschlagnahmt. „Jetzt warten wir auf die ersten Urteile“, sagt der Leitende Polizeidirektor Ralf Ziegler. Wie sich weitere intensive Kontrollen der Polizei oder erste Urteile nach einer Gesetzesänderung im Jahr 2017 auf die Raser-Szene auswirken, kann die Polizei aktuell nicht erkennen. Fest steht, dass sie den ohnehin schon hohen Druck mit mehreren Einsätzen pro Woche deutlich erhöhen möchte. „Der Szene kann ich versprechen, dass die Dortmunder Polizei dabei einen sehr, sehr langen Atem hat. Wir wollen die Zahl der Rennen verringern. Unser Ziel ist es, Unfälle zu verhindern und die Lärmbelästigungen für die Anwohner zu verringern“, sagt der Leiter der Direktion Verkehr.

Die Raser erinnert er daran, dass ein Rennen kein Kavaliersdelikt sei, sondern eine schwere Ordnungswidrigkeit oder eine Straftat darstelle, bei der eine schwerwiegende Verletzung oder der Tod eines Unfallopfers billigend in Kauf genommen werde.

Bauanleitungen im Internet

Von illegal aufgemotzten Fahrzeugen gingen gerade bei hohem Tempo große Gefahren aus, sagt der Kfz-Sachverständige Roland Jakubczyk vom Sachverständigenbüro Schumann an der Bornstraße. Typische Manipulationen sind:

  • Chip-Tuning in der Motorsteuerung für maximale Leistung
  • Manipulationen am Fahrwerk (Tieferlegung)

Im Internet veröffentlichte Videos von „Fachleuten“ würden als Bauanleitungen verwendet, um die Pkw optisch und technisch zu verändern. „Den Fahrern ist nicht bewusst, welche Risiken sie verantworten“, erläutert der 57-Jährige. Als Beispiel nennt er die Folgen eines Rennens auf der Bundesstraße 236 zwischen Schwerte und Lünen: Die Fahrbahn ist streckenweise sehr uneben. Manipulierte Stoßdämpfer und ein verändertes Fahrwerk würden dazu führen, dass die Mechanik die Unebenheiten nicht mehr kompensiert. Roland Jakubczyk: „Stoßfänger schlucken die Energie wie ein Squashball. Aber nur, wenn sie so funktionieren, wie das von den Ingenieuren der Hersteller berechnet worden ist.“

Der Reifen hebt von der Fahrbahn ab

Verkürzte Stoßdämpfer können heiß werden. Roland Jakubczyk spricht von einer „schnellen Überlastung“. - „Es gibt keine Radführungskräfte mehr. Der Reifen hebt von der Fahrbahn ab. Das Auto ist für den Fahrer nicht mehr kontrollierbar.“ Durch einfaches Chip-Tuning könne die Motorsteuerung bis zu 50 PS mehr aus einem Motor herauskitzeln. Die Gefahr bei einem Sprintrennen mit starkem Beschleunigen und Abbremsen: „Irgendwann glüht die Bremse. Der Bremsklotz verzahnt sich mit der Bremsscheibe.“ Der Fahrer könne seinen Pkw nicht mehr kontrollieren.

Kampf gegen Rennen auf Wall: Rasern droht Verlust ihrer Autos

Kfz-Sachverständiger Roland Jakubczyk: "Das Auto ist für den Fahrer nicht mehr kontrollierbar." © Peter Bandermann

Angesagt in der Raser-Szene sind vor allem tiefergelegte Fahrzeuge. Das illegale Tieferlegen führe bei starkem Beschleunigen oder Abbremsen zu einer vom Hersteller nicht gewollten Veränderung der Achslast. Roland Jakubczyk: „Tückisch ist dann der plötzliche Druckverlust. Die Reifen verlieren ihre Seitenführungskräfte. Das Auto bricht aus und ist nicht mehr zu kontrollieren, vor allem, wenn die Hinterreifen betroffen sind. „Die Fahrwerke sind von den Herstellern so konstruiert, dass sie auch in Extremsituationen noch optimal arbeiten können“, sagt der Sachverständige. Mit ihrem „gefährlichen Halbwissen“ könnten die Schrauber die Konsequenzen nicht einschätzen.

Hier ein Kommentar unseres Redakteurs, der bereits seit mehreren Jahren über das Thema berichtet:

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