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Mieterstreit in Eving: An dem Lärm eines Kleinkindes kann es nicht allein gelegen haben

rnKündigung wegen „Kinderlärm“

Einer Familie mit einem kleinen Kind ist in Eving das Mietverhältnis gekündigt worden. Der Grund, so wird medial berichtet, war der Lärm eines Kleinkindes. Doch so einfach ist das nicht.

Eving

, 22.01.2019 / Lesedauer: 4 min

Die Schlagzeile war journalistisch gesehen natürlich ein Fest: „Kündigung wegen Kinderlärm“. So soll es geschehen sein in Eving in der Straße An den Stahlhäusern. Als Nichtjournalist sollte man vielleicht wissen, dass es unter Journalisten viele Sprüche gibt, manche sich aber seit Generationen halten. Und so ein Spruch für die Ewigkeit in der Branche lautet: „Tiere und Kinder gehen immer.“

Ein Kind hier, konkret ein Mädchen. 19 Monate alt und es soll, so berichten es der WDR und RTL, Focus online und noch ein paar mehr, angeblich einen solchen Lärm machen, dass den Eltern das Mietverhältnis Anfang dieses Jahres gekündigt wurde. Fristlos, nach vorheriger Abmahnung durch den Vermieter Dogewo. Die Geschichte hat auf den ersten Blick viel, was es braucht, damit sie Verbreitung findet. Ein kleines Kind, ungehaltene Hausnachbarn, dazu einen kaltherzigen Vermieter – und als Gipfel ein Bedrohungsszenario in Form einer Kündigung: Zum 6. Februar 2019 muss die Wohnung geräumt sein. Was nicht geschehen wird, dagegen läuft ein Widerspruch.

„Kinderhasser setzen durch: Familie muss ausziehen“

Und so verbreitete sich die Geschichte, inzwischen kann man sie bundesweit nachlesen. In München bei der tz titeln sie: „Zweijährige zu laut – Kinderhasser setzen durch: Familie muss ausziehen“. Der Stern berichtet online, die Welt und in den sozialen Netzwerken, in denen die Vereinfachung jeden Tag Hauptsaison hat und schwarzweiß die Farbpalette bestimmt, ist von Schande die Rede. Unfassbar sei das, erschütternd, schämen müsse man sich, aus Dortmund zu stammen – und so weiter.

Zweifel an einem Lärmprotokoll

In den zahlreichen Berichterstattungen, die sich wiederum stark auf den WDR beziehen, spielt ein Lärmprotokoll eine größere Rolle. Mit ihm begründet die Dogewo die Kündigung. Das Lärmprotokoll, gespeist aus Beschwerden anderer Mieter, listet mit Daten und Uhrzeiten auf, wann die dreiköpfige Familie welchen Krach gemacht haben soll. Häufig findet sich dann „Gerenne“ und „Gepolter“ als Lärmquelle, wahlweise „Gehämmer“ oder „Geschrei“, mehrfach auch „Schlagen der Fenster“ oder „Verrücken von Möbeln“. Wie ein knapp zwei Jahre altes Kind Fenster schlagen oder Möbel verrücken soll, bleibt ungeklärt. Und nicht nur der Mieterverein hat Zweifel an diesem Protokoll.

Das Problem an dieser Geschichte ist: Es gibt aktuell nur eine beteiligte Partei, die ihre Sicht auf die Dinge öffentlich geschildert hat – die Familie, der gekündigt wurde. Andere Nachbarn sagen nichts, zumindest nicht öffentlich. Und auch der Vermieter, die Dogewo, äußert sich gegenüber Medienvertretern nicht zu dem Fall. Persönlichkeitsschutz der Mieter wird als Grund genannt.

Probleme sind älter als das Kind

Wer unter diesen Umständen versucht, sich ein reales Bild von den Vorgängen in dem Neun-Parteien-Haus in Eving zu machen, stellt relativ schnell zwei Dinge fest.

Erstens: Die Probleme in dem Haus existieren schon länger, als das Kind, das angeblich so laut ist. Es gibt wechselseitige Beschwerden, es ist von Beschimpfungen, Beleidigungen und Bedrohungen die Rede. Die Polizei soll mehrfach verständigt worden sein. Es muss in diesem Haus schon länger ein vergiftetes Klima unter Teilen der Hausgemeinschaft herrschen und der Hausfrieden massiv gestört sein. Was unmöglich an dem Kind als alleinigem Grund liegen kann.

Zweitens: Es ist nicht eine junge Familie, der seitens der Dogewo gekündigt wurde. Es sind zwei. Eine weitere Familie hatte die fristlose Kündigung wegen Störung des Hausfriedens bereits im Oktober 2018 erhalten. Da war die Frau gerade hochschwanger, heute ist das Kind zwei Monate alt. Hauptgrund für die Kündigung war Lärm. Auch an dem Kind, so viel ist sicher, kann es nicht gelegen haben. Die Familie, die bisher medial noch nicht in Erscheinung getreten ist, hat, so sagt sie es, gegen die Kündigung einen Widerspruch eingelegt. Der Fall wird demnächst vor dem Amtsgericht verhandelt werden.

Verweis an eine Schiedsstelle blieb erfolglos

Auch der bekannt gewordene „Kinderlärm-Fall“ dürfte erst vor dem Amtsgericht geklärt werden. Der Mieterverein ist eingeschaltet, ein Anwalt beschäftigt sich mit dem Thema. Und auch den Vermieter Dogewo, in Dortmund mit einem guten Ruf versehen, beschäftigt das Thema, auch wenn man sich öffentlich nicht äußert. In einem internen Schreiben an die Aufsichtsratsmitglieder, das unsere Redaktion einsehen konnte, heißt es unter anderem, dass nach den Beschwerden erfolgte Besuche der Dogewo vor Ort keine Auffälligkeiten ergeben hätten. Der Verweis der streitenden Mietparteien an eine Schiedsstelle sei erfolglos geblieben, der mediale Fokus der Berichterstattung habe sich auf das Kind konzentriert.

Was, wenn man sich den Zeitablauf anschaut, nicht der alleinige Grund gewesen sein kann. Wer wann mit welchen Beschwerden angefangen, wer wen bedroht oder wer vor wem wann Angst gehabt hat, kann vielleicht das Amtsgericht klären. Sicher scheint zu sein, dass das Haus ziemlich hellhörig ist. Und das dort die Hölle immer die anderen sind.

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