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Mit Nostalgie und Idealismus kämpft ein Wirt um die letzte Eckkneipe in Oespel

rnKneipen

Seit drei Jahren ist Stefan Altstadt Wirt der Linnertschänke in Oespel. In Zeiten, in denen eine Kneipe nach der anderen schließt, ist das kein leichter Job.

Oespel

, 19.07.2018 / Lesedauer: 3 min

Ein bisschen hat der Zufall nachgeholfen, dass Stefan Altstadt heute Wirt der „Linnertschänke“ in Oespel ist. „Die Firma, bei der ich im Wohnungsinnenausbau gearbeitet habe, ging pleite, zeitgleich wurde ein neuer Pächter gesucht“, erzählt der 47-Jährige. Die Eckkneipe sei schon lange das „Objekt seiner Begierde“ gewesen. „Ich kenne sie von klein auf, deshalb habe ich diese Chance sofort ergriffen.“

„Kneipe ist eben nicht mehr das, was sie früher einmal war“

Drei Jahre liegt Altstadts Schritt in die Selbstständigkeit zurück. Dass die Euroscheine nicht von der Decke seiner Kneipe rieseln würden, sei ihm damals schon klar gewesen. „Kneipe ist eben nicht mehr das, was sie früher einmal war: aufschließen und Bier zapfen. Da muss man mehr bieten.“ Vieles sei weggebrochen, Stahl, Kohle, Freizeitfußball, und damit auch auch das Feierabendbier an der Theke. Dafür gebe es jetzt das Rauchverbot, das den Wirten das Leben zusätzlich schwer mache. „Mein Zauberwort heißt Bescheidenheit“, sagt Stefan Altstadt und lächelt breit. „Ich möchte trotzdem nichts anderes machen.“

Früher, sagt er, habe es sechs Kneipen in Oespel gegeben, überlebt haben seine Linnertschänke und die Keglerklause. „Die Keglerklause ist Essen mit Bier, ich bin Bier mit Essen.“ Er habe keine feste Speisekarte, dürfe aber Kleinigkeiten wie Frikadellen oder Pommes mit Currywurst anbieten. Das Kochen hätten ihm seine Mutter und Oma beigebracht. „Ich lege größten Wert auf Frische.“

Es sei eine Mischung aus Nostalgie, Idealismus und Pflichtbewusstsein, warum er sich gegen das Kneipensterben um ihn herum stemmt und gerade erst den Pachtvertrag für weitere drei Jahre unterschrieben hat. „Ein Vorort braucht eine Eckkneipe. Hier kann man seine Seele baumeln lassen und über das reden, was man zu Hause nicht besprechen möchte“, sagt der Eishockey-Fan mit dem großen Eisalder-Tattoo am rechten Arm. Manche Tränen, auch bei gestandenen Kerlen, seien an seinem Tresen schon geflossen.

Stammgäste sichern seine Existenz

Stefan Altstadt ist ein kreativer Kopf. Events wie Sommerfeste mit Live-Musik, Pfefferpotthast- und Grünkohlessen, Schnitzeltage bietet er regelmäßig an. „Aber nicht zu oft, die Menschen sind schnell übersättigt.“ Mittwochmorgens gibt es Schnittchen, sonntags einen Frühschoppen. Momentan spuke ihm die Idee eines Filmabends im Kopf herum. „Das Leben des Brian ...“ Man müsse sich eben immer wieder selbst erfinden und sich fragen: „Wie kriegt man auch die jungen Leuten?“

In erster Linie sind es die Stammgäste, die Stefan Altstadts Existenz sichern. Wie die beiden Frauenstammtische, die alle vier Wochen bei ihm essen. Für heute hat sich einer Pellkartoffeln mit Heringstipp gewünscht. Oder wie das ältere Ehepaar, das gerade auf die Barhocker klettert. „Die Beiden kommen regelmäßig, trinken ihr Bier und machen sich dann wieder auf den Heimweg“, erzählt Altstadt und zitiert das Paar: „Wenn Leute nicht in der Lage sind, eine Kneipe zu halten, haben sie die Kneipe auch nicht verdient.“

Viel Holz, wenig Licht, kleine Tische, ein großer Tresen

Ein Standpunkt, der Stefan Altstadt gefällt. Solange sich die Leute bei ihm wohlfühlen und Spaß haben, mache er weiter. Er selbst sei mit seiner Kneipe verheiratet, erzählt der Single und lässt liebevoll den Blick schweifen. Auf den knapp 70 Quadratmetern sieht es so aus, wie man es von einer Dorfkneipe erwartet: viel Holz, wenig Licht, kleine Tische, ein großer Tresen. Das Herzstück einer jeden Kneipe. Einen Ruhetag gönnt sich der Oespeler Wirt nicht, er arbeite 60 bis 70 Stunden pro Woche. Dienstags und donnerstags unterstützt ihn „Thekenmama“ Marion Rosenkranz. Sie gebe seiner Kneipe den letzten Schliff. „Bei uns gibt es auf er Damentoilette sogar Deo und Tampons.“

Die Linnertschänke, Auf der Linnert 27, hat täglich von 11 bis 23 Uhr geöffnet. Stefan Altstadt bietet auch geschlossene Gesellschaften an. Tel. 87 77 837.
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